6. Mai 2011 | International | Wirtschaft

Die postnukleare Ära

Essay von Ignacio Ramonet zur Veränderung des weltweiten Umgangs mit Nuklearenergie seit Fukushima

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Fukushima bedeutet das Ende einer Illusion und den Beginn der postnuklearen Ära. Auf der internationalen Skala für Atomunfälle (INES) auf dem höchsten Niveau 7 eingestuft, ist das Unglück in Japan wegen seiner "beträchtlichen radioaktiven Auswirkungen auf die menschliche Gesundheit und die Umwelt"  mit dem von Tschernobyl vergleichbar. Das Beben der Stärke 9 und das ungeheure Seebeben vom 11. März, das mit so ungeheurer Brutalität den Nordwesten Japans gestraft hat, hat nicht nur die aktuelle Katastrophe im Atomkraftwerk von Fukushima hervorgerufen, sondern auch die Parteigänger der zivilen Atomenergie unsicher gemacht.

Die Atomindustrie durchlebt gegenwärtig seltsamerweise mit zahlreichen geplanten Atomkraftwerken in vielen Ländern ihre beste Zeit. Vor allem aus zwei Gründen. Erstens, weil die Aussicht auf ein "Versiegen des Erdöls" vor dem Ende dieses Jahrhunderts und der exponentielle Anstieg der Nachfrage nach Energie durch die Schwellenländer (China, Indien, Brasilien) sie zur Ersatzenergie par excellence gemacht hat. Und zweitens, weil das kollektive Bewusstsein angesichts der Gefahren des Klimawandels durch Treibhausgase paradoxerweise dazu geführt hat, sich für eine nukleare Energie einzusetzen, die man für "sauber" hält, da sie kein CO2 ausstößt.

Zu diesen beiden Argumenten kommen noch die schon bekannten hinzu: das der Souveränität in Bezug auf Energie, also die geringere Abhängigkeit von den Kohlenwasserstoff produzierenden Ländern, und den geringen Kosten der so erzeugten Energie. Und obwohl dieses Argument im aktuellen Zusammenhang seltsam erscheint, ist es auch die Sicherheit – mit dem fragwürdigen Argument, dass es bei den 441 zur Zeit existierenden Atomkraftwerken in der Welt (die Hälfte davon in Westeuropa) in den letzten fünfzig Jahren nur drei schwere Unfälle gegeben hat...

All diese – nicht zwingend absurden – Argumente  sind nichtig geworden angesichts der ungeheuren Dimension der Katastrophe von Fukushima. Die neue Panik wird weltweit an verschiedenen Punkten deutlich. Ganz im Gegensatz zur Katastrophe von Tschernobyl, die man aus ideologischen Gründen einer gering geschätzten sowjetischen Ideologie zugeschrieben hat, geschieht diese Katastrophe mitten im hypertechnologischen Hirn dieser Welt. Und weil Japan 1945 das Land war, das Opfer eines militärischen atomaren Infernos war, nimmt man an, dass seine Behörden und Technologen alle erdenklichen Vorsichtsmaßnahmen ergreifen werden, um eine zivile nukleare Katastrophe zu verhindern. Und wenn es schon den Fachleuten nicht gelungen ist, dies zu verhindern, ist es dann vernünftig, dass die anderen weiter mit dem atomaren Feuer spielen?

Die nachhaltigen Auswirkungen von Fukushima auf die Umwelt bestürzen. Wegen der erhöhten Radioaktivität bleibt die Umgebung des Atomkraftwerks für tausende von Jahren unbewohnbar. Die etwas weiter entfernten Gebiete für Jahrhunderte. Millionen Menschen müssen in weniger kontaminierte Gebiete umgesiedelt werden und für immer ihr Eigentum, ihre industriellen, landwirtschaftlichen oder ihre Fischereibetriebe aufgeben. Und weit über die unmittelbar betroffene Gegend hinaus gibt es Auswirkungen auf die Gesundheit von Millionen Japanern. Und zweifellos auch auf die Gesundheit der koreanischen, russischen und chinesischen Nachbarn. Auch die anderen Bewohner der nördlichen Hemisphäre kann man dabei nicht ausschließen. Es bestätigt sich wieder einmal, dass ein nuklearer Unfall niemals nur lokal ist, sondern immer den gesamten Planeten betrifft.

Fukushima hat weiterhin bewiesen, dass die Frage der so genannten Energie Souveränität relativ ist. Die Erzeugung von Nuklearenergie schafft eine neue Abhängigkeit: die technologische Abhängigkeit. Trotz seines enormen technischen Fortschritts musste Japan auf Experten aus den Vereinigten Staaten, Russland und Frankreich zurückgreifen (neben den Spezialisten der Internationalen Atomenergieagentur), um zu versuchen, die Situation unter Kontrolle zu bringen. Auf der anderen Seite sind die Uran–Vorräte auf der Welt sehr begrenzt und man rechnet damit, dass diese Reserven in 80 Jahren verbraucht sein werden, wenn der Abbau im gleichen Rhythmus weiter geht wie jetzt. Das heißt, zur gleichen Zeit wie die Reserven an Erdöl.

Aus diesen und anderen Gründen müssen die Verteidiger der nuklearen Option zugeben, dass Fukushima die Sichtweise des Energieproblems grundlegend verändert hat. Heute sind vier  Bedingungen zwingend: Stopp mit dem Bau neuer Atomkraftwerke, Abbau der bestehenden Kraftwerke innerhalb von maximal 30 Jahren, extrem sparsamer Umgang mit Energie und den Fokus auf alle Arten erneuerbarer Energien setzen. Nur so können wir vielleicht den Planeten retten. Und die Menschheit.

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