22. Feb 2012 | Deutschland | Menschenrechte

Ein Denkmal für Herrn P.

Über das Imperium des Deutsch-Chilenen Horst Paulmann

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Der Kasseler Lions-Club hat für den Freitag dieser Woche den deutsch-chilenischen Geschäftsmann Horst Paulmann als Festredner des alljährlichen Grimm-Mahls eingeladen. Nach Lions-Club-internen kontroversen Diskussionen um die Person Paulmanns haben mittlerweile einige Gäste des Festmahls ihre Teilnahme in Frage gestellt1. Der Clubvorstand, darunter der ehemalige Bundesfinanzminister Hans Eichel, hält jedoch an dem Ehrengast fest: Eichel sagte der Hessischen/Niedersächsischen Allgemeinen Zeitung, er habe mit dem deutschen Botschafter in Chile telefoniert, der „keine Bedenken“ geäußert habe. Club-Präsident Poppe bezeichnet Paulmann als „honorigen, angenehmen, durchsetzungsstarken Menschen“2 und wirft den Kritikern gar „persönliche Animositäten“ gegen Paulmann vor. Was ist dran an den Vorwürfen gegen Horst Paulmann? Eine Quellensuche.

 

Horst Paulmann hat derzeit allen Grund, sich feiern zu lassen: In wenigen Wochen wird mit der Fertigstellung des Costanera Center in Santiago de Chile, dem größten Wolkenkratzer Südamerikas seiner Unternehmensgruppe Cencosud ein gewaltiges Denkmal erbaut. Doch dieses Denkmal wirft einen großen Schatten, denn das Unternehmensimperium, entstanden unter der chilenischen Militärdiktatur, ist auch die Geschichte nachgewiesener Beziehungen zur Colonia Dignidad und Vorwürfen über die Verletzung von Arbeiter- und Gewerkschaftsrechten. In den letzten Monaten haben chilenische Behörden zudem Ermittlungen gegen Cencosud wegen möglicher Steuerhinterziehung eingeleitet.

Horst Paulmann, geb. 1935 in Kassel, wanderte 1948 mit seiner Familie nach Argentinien aus, 1950 ließen sich die Paulmanns in Chile nieder. Die Auswanderung war vermutlich politisch begründet. Der Vater, Werner Paulmann, war während der Nazizeit Sturmbannführer der SS und Vorsitzender des SS- und Polizeigerichts Kassel. In dieser Funktion soll er für Todesurteile verantwortlich gewesen sein3. Das Gericht konstituierte sich unter anderem auch im Konzentrationslager Mittelbau-Dora4.

Im Süden Chiles betreibt die Familie Paulmann zunächst ein Hotel, den ersten Supermarkt eröffnen die Brüder Horst und Jürgen 1961 in Temuco5. Rasant aufwärts geht es für den Unternehmer während der chilenischen Militärdiktatur (1973-1990). 1976, in den ersten Jahren der Militärdiktatur, hatte Horst Paulmann den ersten Riesensupermarkt („Hipermercado“) „Jumbo“ in Santiago eröffnet, 1986 wird die Edel-Shopping Mall „Alto Las Condes“ eingeweiht. Es folgen bis zum heutigen Tage mehrere hundert weitere Supermärkte, Baumärkte, Kaufhäuser, Shoppingmalls und Bankfilialen.

Die neoliberale Umstrukturierung während der chilenischen Militärdiktatur bot ein ideales Geschäftsklima für das Geschäftsimperium der Paulmanns, welche mit den schnell expandierenden Ketten Jumbo und Las Brisas bereits nach wenigen Jahren den chilenischen Einzelhandel dominierten. Heute gehören zur Unternehmensgruppe Cencosud eine Reihe von Einzelhandelsketten in Chile, Argentinien, Brasilien, Kolumbien und Peru sowie Einkaufszentren und Immobiliengeschäfte. Cencosud gehört laut Forbes zu 63.65% der Familie Paulmann. Mit einem Jahresumsatz von fast 12 Milliarden Dollar handelt es sich nach Daten der Prüfgesellschaft Deloitte um die zweitgrößte Einzelhandelsgruppe Lateinamerikas, Cencosud beschäftigt mehr als 100 000 Angestellte und kündigt an, 2012 ca. 1,285 Milliarden US-Dollar in die Erschließung weiterer Märkte zu investieren.

Die Kritik an Paulmann

2006 wurde Horst Paulmann vom chilenischen Parlament die Ehrenstaatsbürgerschaft verliehen. In der Senatsdebatte äußerten sich jedoch mehrere Senatoren gegenüber Paulmann äußerst kritisch6. Bestandteile der Kritik waren seine Geschäftsbeziehungen mit der berüchtigten Deutschen-Siedlung Colonia Dignidad sowie gewerkschaftsfeindliche Praktiken in seinen Unternehmen. Seine Nähe zur chilenischen Militärdiktatur unterstrich Horst Paulmann am 12.12.2006, als er als einer der ersten Trauergäste in der Militärakademie von Santiago de Chile erschien, um dem ehemaligen Diktator Augusto Pinochet die letzte Ehre zu erweisen7.

Horst Paulmann und die Colonia Dignidad

In der Colonia Dignidad wurden während der chilenischen Militärdiktatur Dutzende Regimegegner_innen gefoltert und ermordet. Seit ihrer Gründung 1961 wurden Siedlungsbewohner_innen eingesperrt und zur Arbeit gezwungen. In der Colonia Dignidad durch unentlohnte sklavenähnliche Arbeit produzierte Lebensmittel, z.B. Brot und Honig, wurden in den Jumbo-Supermärkten verkauft. Im Jahr 1997, als der Sektenführer Paul Schäfer bereits von der chilenischen Justiz wegen systematischen sexuellen Mißbrauchs an Kindern gesucht wurde, verschenkte Jumbo sogar beim Kauf von Produkten der Colonia Dignidad ein Werbevideo über die Siedlung8. Horst Paulmann kann daher zu dem für den Fortbestand der Colonia Dignidad wichtigen Unterstützungskreis gezählt werden. Mehrere ehemalige Siedlungsbewohner bestätigen, dass Paulmann auch die Colonia Dignidad persönlich besuchte.

Arbeitnehmerfeindliche Praktiken in Paulmanns Unternehmen

Besonders erwähnt wurde in der bereits oben genannten Senatsdebatte die von Arbeitnehmervertretern geäußerte Kritik an den Vertrags- und Arbeitsbedingungen in den Unternehmen Paulmanns. Während die Einflussmöglichkeiten von Gewerkschaften in Chile seit ihrer faktischen Zerschlagung zu Zeiten der Pinochet-Diktatur ohnehin extrem gering sind, sollen Paulmanns Unternehmen in besonderem Maße mit Subunternehmern arbeiten, die äußerst prekäre Arbeitsverhältnisse bieten. Der Druck auf die Arbeitnehmer ist extrem hoch: In den Santa Isabel Supermärkten sollen so beispielsweise 2007 Kassierer_innen gezwungen worden sein, mit Windeln zu arbeiten, um keine Toilettenpausen zu nehmen. 2010 deckten Reporter des Fernsehsenders TVN zudem auf, dass Arbeiter_innen während der Nachtschichten im Supermarktgebäude eingeschlossen wurden, um so Diebstähle durch das Personal zu verhindern9.

Auch die Gewerkschaften der Supermarktkette Jumbo (Sindicato Autonomo Jumbo und Sindicato Nacional Jumbo) kritisieren die Arbeitspolitik des Unternehmens. Einerseits behaupte Paulmann öffentlich, die Arbeiter_innen seien die Grundlage seines Erfolges, andererseits stagnierten die Löhne seit Jahren, während der Druck am Arbeitsplatz permanent steige.

Gegenwärtige Ermittlungen der chilenischen Justiz

Im Dezember 2011 reichte der chilenische Staatsverteidigungsrat (Consejo de Defensa del Estado) eine Strafanzeige wegen Schmuggels und Steuerhinterziehung gegen Cencosud ein10. Nach dem verheerenden Erdbeben in Chile am 27.02.2010 soll Jumbo Retail Argentina als Nothilfe deklarierte Lebensmittel steuerfrei nach Chile eingeführt haben. Anstatt Nothilfe zu leisten, wurden 4228 Tonnen Lebensmittel jedoch an das nationale Katastrophenbüro (Onemi) verkauft, wodurch Schätzungen des chilenischen Finanzministeriums AFIP zufolge ca. 4 Millionen US Dollar an Steuern hinterzogen wurden11.
Einer weiteren Klage durch das Verbraucherschutzministerium, welches 2006 eine unvermittelte Änderung der Konditionen einer Cencosud-eigenen Kreditkarte bemängelt hatte, wurde Anfang 2011 stattgegeben12.

Aberkennung der Ehrenstaatsbürgerschaft

Inzwischen diskutiert das chilenische Parlament, wegen der neuen Anschuldigungen gegen Cencosud-Unternehmen Paulmann die Ehrenstaatsbürgerschaft wieder zu entziehen13. So sagte der christdemokratische Abgeordnete Gabriel Ascencio im vergangenen Mai der chilenischen Presse, dass angesichts “der Verletzungen der Menschenrechte seiner Arbeitnehmer” Paulmann die Ehrenstaatsangehörigkeit nicht verdient habe, und plädierte für eine Wiederaberkennung. 14

Ein Denkmal für Pinochet?

 Angesichts all dieser Rechercheergebnisse erscheint die Einladung Horst Paulmanns durch den Kasseler Lions Club in einem höchst fragwürdigen Licht. “Man müsste Pinochet ein Denkmal setzen, weil er den Chicago Boys freie Hand gelassen hat", sagte Paulmann 2005 der Süddeutschen Zeitung15. Mit diesem Vorschlag könnte er durchaus bei der gegenwärtigen rechten chilenischen Regierung von Sebastian Pinera Freunde finden. Ob auch der Kasseler Lions-Club für ein solches Denkmal spenden würde?

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