8. Okt 2012 | International | Venezuela | Medien

Wieder eine erwartbare Überraschung

Die Auslandsberichterstattung lag auch bei diesen Wahlen mit ihren Prognosen daneben. Warum nur?

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Die Auslandsberichterstattung gibt sich wieder einmal überrascht. "Überraschend hoch" sei die Wahlbeteiligung gewesen, "überraschend" gesiegt habe der amtierende Präsident Hugo Chávez. Überrascht sind sicher auch die Leserinnen und Leser von taz bis FAZ. Denn die Korrespondenten und Auslandsredakteure hatten bis zuletzt ein Kopf-an-Kopf-Rennen, wenn nicht sogar einen Sieg von Herausforderer und Bürgersöhnchen Henrique Capriles Radonski vorausgesagt.

Diese Prognosen hatten allerdings nichts mit der Realität zu tun, sondern entsprachen bestenfalls den persönlichen Vorlieben der Journalisten - schlimmstenfalls folgen sie, ohne die Situation selber einschätzen zu können, dem von den Agenturtexten vorgegebenen Mainstream. Und der heißt: Chávez runterschreiben. Allen Beobachtern, die die Umfragen der zahlreichen Meinungsforschungsinstitute in Venezuela ernst nahmen, war seit Wochen klar, dass die Venezolanerinnen und Venezolaner Hugo Chávez wiederwählen werden - mit mehr oder weniger großem Vorsprung.

Nun müssen die Auslandsberichterstatter ihrem zahlenden Publikum und möglicherweise auch sich selbst erklären, warum sie die Mehrheitsverhältnisse in Venezuela so eklatant falsch einschätzen. Der Grund ist offensichtlich: Seit Jahren betreibt die deutsche Presse Chávez-Bashing. "Immer diktatorischer", "zunehmend autokratisch", "wirtschaftliche Katastrophe", "Politclown", "Tropencaudillo" - um diese Schlagwörter gruppieren Vogt, Stausberg & Co. willkürlich passende Ausschnitte der Realität in Venezuela. Wer jahrelang predigt, die Bilanz der bolivarischen Revolution sei "vernichtend", kann seinen Leserinnen und Lesern nun kaum begreiflich machen, weshalb die Mehrheit der Venezolaner diesen Mann wählt.

Dass die Mehrheit der venezolanischen Bevölkerung sich keineswegs irrational verhält, sondern gute Gründe hat, sich mit der bolivarischen Revolution zu identifizieren, konnte das deutsche Publikum nur erfahren, wenn es intensiv selber recherchiert und alternative Nachrichtenangebote wie amerika21.de aufsucht. Die skandalöse Selbstbereicherung und Korruption von Sozial- und Christdemokraten, ihre katastrophale Wirtschaftspolitik, die krasse soziale und rassistische Ausgrenzung, die brutale Repression - eben die ganze Normalität des real existierenden Kapitalismus in Lateinamerika und anderswo kommt in der selbst ernannten Qualitätspresse nicht vor.

Die enormen Leistungen der Sozial-, Gesundheits- und Bildungspolitik, die unzähligen erfolgreichen Infrastrukturprojekte, eine vorbildliche Technologiepolitik - vieles was die Regierung Chávez seit 1998 erreichte, wurde dem deutschen Publikum, wenn überhaupt, unter dem Aspekt des Klientelismus und der Korruption verkauft. Ganz nach der Logik der alten venezolanischen Eliten, die Sozialpolitik nur als Form von Stimmenkauf und Wirtschaftspolitik nur als Bereicherung kennen.

Der vielleicht wichtigste Punkt ist nicht unmittelbar materieller Natur: Dass ein Regierungschef die seit Jahrhunderten unterdrückte und ausgegrenzte Bevölkerungsmehrheit - Schwarze, Indigene, traditionelle Unterschichten in all ihren Formen und Farben - als gleichwertige Bürger respektiert, ihnen eine Stimme zugesteht und sich sogar deutlich als einer von ihnen zu erkennen gibt, diese symbolische Anerkennung hat Chávez von Anfang an die Herzen der Mehrheit zugetragen. Und den Hass der alten Eliten. Denn sie hassen und verachten die Mehrheit der Bevölkerung. Sie geben Unmengen von Geld aus, um sich zu bleichen und westlich schön zu operieren, um einen albernen westlichen Mittelklasse-Life-Style zu kopieren. Für ihre Wertvorstellungen ist jemand wie Chávez einfach nur eine Beleidigung.

Diese Wertvorstellungen teilen sie mit den Meinungsführern der Bezahlpresse. Nach diesem erneuten Vollkontakt mit der Realität werden deren Verleumdungen, wie schon bei den Wahlgängen 2004, 2005, 2006, 2008 und 2009, für einige Wochen abflauen. Für ein paar Tage müssen deutsche Journalisten Energie aufwenden, um die kognitiven Dissonanzen zu glätten, die sie bei ihrem Publikum verursacht haben. Aber dann werden sie schnell zur gewohnten Linie zurückfinden. Schon bald, spätestens zu den Wahlen in Ecuador im Februar 2013, wird sich das gewohnte Spiel wiederholen. Es bleibt nur zu hoffen, dass bis dahin einige Leserinnen und Leser in Deutschland die Konsequenzen aus der "Glaubwürdigkeitskrise" der Medien gezogen und ihre private Subventionierung lästiger Ideologieproduktion eingestellt haben.

Viva Zeitungssterben!!


Videotip (Spanisch): Hugo Chávez beschäftigt sich mit der Auslandsberichterstattung (2008)

Presidente Chávez confrontó a periodista Patricia Janiot de CNN

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Kommentare

Lieber Herr Daniljuk,vielen

Lieber Herr Daniljuk,

vielen Dank für diesen Kommentar. In der Tat, Sie sprechen einige Punkte an, die viele Lateinamerika-Korrespondenten der großen deutschen Tageszeitungen gerne verdrehen oder vergessen, nämlich Erfolge bei Wirtschaftswachstum und Armutsbekämpfung. Oftmals werden leider auch Tatsachen nicht wahrheitsgemäß wiedergegeben.

Allerdings muss ich Ihnen bei diesem Artikel zur Last legen, dass auch Sie nicht exakt die Wahrheit wiedergeben.
So schreiben Sie im zweiten Absatz:

"Allen Beobachtern, die die Umfragen der zahlreichen Meinungsforschungsinstitute in Venezuela ernst nahmen, war seit Wochen klar, dass die Venezolanerinnen und Venezolaner Hugo Chávez wiederwählen werden - mit mehr oder weniger großem Vorsprung."

Das stimmt so nicht. Wenn Sie die Ergebnisse sechs verschiedener Meinungsforschungsinstitute verglichen hätten, wüssten Sie, dass zwei Umfragen einen Sieg Capriles' vorausgesagt hatten und vier Institute einen Sieg Chávez. Es war keinesfalls allen Beobachtern klar, dass Chávez wiedergewählt werden würde, da sich die Meinungsumfragen wie eben dargestellt unterschieden haben. Gerade auch die große Anzahl an bis zuletzt Unentschiedenen machten eine verlässliche Vorhersage unmöglich. (Quelle: http://www.giga-hamburg.de/dl/download.php?d=/content/publikationen/pdf/..., Seite 6)

Die krasse Polarisierung zwischen Chávez-Anhängern und deren Gegnern scheint also nicht nur in Venezuela selbst an der Tagesordnung zu sein, sie findet auch in der Auslandsberichterstattung über das Land statt. Ich empfehle uns allen, Journalisten, Wissenschaftlern, die wir über solche Themen schreiben oder uns mit diesen Themen beschäftigen etwas mehr Objektivität und Neutralität.

Mit freundlichen Grüßen,
ein kritischer Beobachter

Lieber Gast, Vielen Dank für

Lieber Gast,

Vielen Dank für die Anmerkungen und den Literaturhinweis. Natürlich habe ich die Umfrageergebnisse sehr genau verfolgt. Eine vollständige Auflistung und Auswertung finden Sie hier: http://amerika21.de/wahlen-2012-venezuela

Danach haben die seit Jahren etablierten Institute einen Vorsprung für Chávez zwischen 10 und 20 Prozent vorausgesagt (Datanálisis 12, Hinterlaces 16, IVAD 18, GIS XXI 20). Die unzähligen unbekannten oder neu aufgetretenen Institute, deren wirtschaftlicher bzw. politischer Hintergrund nicht seriös einschätzbar ist, wurden zwar häufig und euphorisch von der internationalen Presse zitiert, insbesondere wenn sie entgegen dem allgemeinen Trend Erfolge für die Opposition entdeckten, sie lagen aber - wenig überraschend - allesamt weit daneben.

Btw.: Die Gratulation und Empfehlung für zukünftige Wahlen in Venezuela geht an Datanálisis, die nicht zum ersten Mal die genaueste Vorhersage (56% zu 44%) vorweisen können.

Warum Leslie Wehner und Richard Georgi für das GIGA-Institut genau die Auswahl vorgenommen haben, die sie in dem Beitrag präsentieren, ist mir nicht erklärlich - an der Erfahrung und Venezuela-Expertise dieser Meinungsforschungsinsitute lag es nicht in allen Fällen. Dass sie ihrem Ausblick einen möglichen Sieg von Capriles voranstellen, zeigt möglicherweise, dass auch Wissenschaftler/innen gegen ein bestimmtes Meinungsklima nicht immun sind.

Zeitungssterben und Auslandsberichtserstattung

Selbstverständlich leugne ich nicht, dass die Berichterstattung über Venezuela in der deutschen Presse unterirdisch ist.
Deshalb bin ich auch sehr dankbar für "Amerika21". Trotzdem sollte der Autor sich nicht über die Zeitungskrise freuen, denn sie führt eher zu noch schlechterer Berichterstattung.

Gerade die AuslandskorrespondentInnen stehen doch am ehesten auf der Streichliste. Das führt zu einer "Schere im Kopf", also zur Überlegung "Was will die Chefredaktion von mir lesen, damit sie mich nicht wegkürzt?".
Dass dabei interessante Reportagen ("Achtung Unkosten!") und objektive Schilderungen auf der Strecke bleiben, ist klar.

Nur bei Arbeitsplatzsicherheit können sich Auslandskorrespondenten trauen, sich auf die Entwicklung Venezuelas und Lateinamerikas der letzten 14 Jahre einzulassen und diese realistisch zu beschreiben. Denn egal, wie toll diese ist, Geschichten über tropische Ölscheichs mit Whiskey und Schönheitsköniginnen sind billiger zu schreiben, leichter zu lesen und - gefallen den Verlegern und Anzeigenkunden auch besser!

Lieber Gast

Lieber Gast,

bei amerika21.de lieben und pflegen wir unseren Blog, weil wir, die wir uns ansonsten einem streng nachrichtlichen Stil verpflichtet fühlen, hier bei besonders ärgerlichen Sachverhalten auch mal polemisch nachtreten dürfen. Natürlich handelt es sich bei der Parole "Viva Zeitungssterben!" um eine unsachliche Zuspitzung.

Ihr sachlicher Kern ist allerdings, dass wir seit vielen Jahren sehen, dass privatwirtschaftliche Institutionen nicht geeignet sind, eine annähernd angemessene (Auslands-)Berichterstattung zu gewährleisten, sondern eben die Mittel für Korrespondent/innen immer weiter abbauen.

Die Hausforderung besteht also darin, Finanzierungsmodelle für (Auslands-)Journalismus zu finden, die eine Berichterstattung unabhängig von mittelbaren und unmittelbaren wirtschaftlichen Interessen ermöglichen. Solange es die nicht gibt, verfahren wir nach dem Prinzip: Lieber selber schreiben - auch wenn es kein Geld bringt.

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