18. Apr 2008 | Venezuela | Medien

¡Ay, carramba!

Hasst Hugo Chávez die Simpsons? Kritisiert wird in Venezuela nicht die Fernsehserie, sondern die Sendezeit

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"Was eint den US-amerikanischen Präsidenten George Bush und den venezolanischen Staatschef Hugo Chávez? Beide hassen die Zeichentrickserie Die Simpsons. Während der letztere diese Serie aber verbieten lässt (...), wäre solch ein Vorgehen in den USA undenkbar. Was werden die Zuschauer statt dessen sehen dürfen? Eine Zusammenfassung der besten Aló-Presidente-Sendungen? Nein, viel pädagogischer. An die Stelle der Simpsons ist die Serie Baywatch mit Pamela Anderson gerückt.“

Diese Passage stammt aus einer Sendung des spanischen Staatsfunks Radio Exterior de España vom 10.April.

Etwas abgeschwächt stellte es das deutsche Internet-Portal Spiegel Online am 9. April dar.

"Die venezolanische TV-Kontrollbehörde Conatel hat die US-Cartoon-Serie Die Simpsons aus dem Vormittagsprogramm des Senders Televen geworfen. Begründung: Die Serie habe einen potentiell schädlichen Einfluss auf Kinder, weil sie Gesetze der sozialen Verantwortung verletze, so ein Sprecher. Bleiben zwei Fragen: Ist ausgerechnet die Rettungsschwimmer-Schmonzette mit Pamela Anderson und weiteren, eher leicht bekleideten Badenixen angemessener für Kinderaugen? Und: Stützt Venezuelas Staatschef Hugo Chavez den Eingriff der TV-Kontrolleure? Dann hätte er immerhin eine Sache mit seinem Erzfeind George W. Bush gemein."

Sowohl die Meldung der Spiegel-Online-Ausgabe als auch der Beitrag von Radio Exterior de España eint der ironische Unterton und der Bezug auf eine Meldung des nationalen Rundfunkrats CONATEL. Daraus geht aber gar nicht hervor, ob die "Simpsons" verboten oder gar von Baywatch ersetzt werden sollen. Statt dessen schrieb die Regulierungsbehörde:

„In Ausführung der aufgelegten Aufgaben des Gesetzes zur sozialen Verantwortung des Fernsehen und des Rundfunks und in Beachtung der eingegangenen Klagen von Zuschauern, wird ein Sanktionsverfahren gegen den privaten Fernsehsender Televen eingeleitet, wegen der Ausstrahlung der Fernsehserie „Die Simpsons“ während der Sendezeit „ ohne Altersbeschränkung“, spezifisch um elf Uhr. Dies verstößt möglicherweise gegen das Verbot, zu dieser Sendezeit Botschaften auszustrahlen, welche die integrale Erziehung der Kinder verletzen könnten.“

Des weiteren erklärte die Behörde, dass sie in Anbetracht des Rechts auf Verteidigung und eines gerechten Verfahrens dem Fernsehsender TELEVEN zehn Arbeitstage Zeit lässt, seinem möglichen Widerspruch darzulegen.

Kein Wort von Chávez oder von Baywatch. Kritisiert wird auch nicht die Fernsehserie, sondern die Sendezeit. Dem privaten Sender Televen wird keine Programmfahne vorgesetzt. Daher ist die Entscheidung des Kanals, statt der »Simpsons« die Serie um Hasselhoff und Anderson auszustrahlen, selbständig und souverän getroffen worden. Möglicherweise ist das Ersatzprogramm auch nicht besonders förderlich für die „integrale Erziehung“ der Kinder. Aber solange niemand gegen die Ausstrahlung dieser Sendung am Vormittag klagt, ist das uninteressant. Der Sender hätte auch die Möglichkeit gehabt, die Serie zu einer späteren Sendezeit mit Altersbeschränkung zu präsentieren. Statt dessen hat Televen sie ganz abgesetzt, obwohl sie nach eigenen Aussagen sehr gute Zuschauerzahlen hatte. Über die Gründe für diese Entscheidung kann nur spekuliert werden.

Der Erfolg für den regierungskritischen Sender aber ist offensichtlich. Medien weltweit – vor allem aber spanischsprachige Redaktionen – haben wieder Anlaß, gegen Venezuelas Staatsführung zu hetzen. Eine Auswahl:

  • „Hugo Chávez greift sogar die Zeichentricks an“ (Infobae.com, Argentinien)
  • „Chávez zensiert die Simpsons“ (La Cuarta, Chile)
  • „Die Simpsons, verboten für die Kinder in Venezuela“ (El País, Spanien)
  • „Venezuela verbietet die Ausstrahlung der Simpsons“ (Terra, Spanien)
  • „Venezuela verbietet die Simpsons und ersetzt sie durch Baywatch“ (20 minutos, Spanien)

UPDATE ++ UPDATE ++ UPDATE ++ UPDATE

Der Internetdienst E-Online meldete am Freitag, dass die Simpsons von Televen wieder ins Programm genommen wurden - allerdings um 19.00 Uhr. Unser Leser David S. wies uns außerdem darauf hin, dass mehrere Staffeln der Serie auch in Deutschland von der Freiwilligen Selbstkontrolle der Filmwirtschaft mit einer Altersfreigabe ab 12 Jahren versehen wurde. Zwei Details, die in der Berichterstattung über die Debatte in Venezuela geflissentlich übersehen wurden.

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