4. Jun 2009 | Deutschland | Venezuela | Medien | Wirtschaft

Neues Deutschland mit Schlagseite

Die Irrtümer des Knut Henkel

DruckversionEinem Freund senden

Ende Mai überraschte die sozialistische Tageszeitung Neues Deutschland ihre Leser mit einer Information, die Lesern der "Welt" und der "Financial Times Deutschland" lange bekannt ist: Die gesamte venezolanische Wirtschaft leidet. Der Autor des Artikels stellt richtig fest, dass die Wirtschaft des Landes vom Ölexport und dem Import von Fertigprodukten abhängt. Richtig ist weiterhin, dass im letzten Jahr deshalb die Staatseinnahmen stark eingebrochen sind. Rechtfertigt das düstere Prognosen oder stellt dies die Wirtschaftspolitik der Chávez-Regierung grundsätzlich in Frage?

Für Knut Henkel schon. Allerdings hat er sichtlich Schwierigkeiten, dafür Belege zu finden. Also bemüht er einen Gustavo Misle (Lehrer und Sozialarbeiter) sowie einen Jorge Gregorio Santiago (24, "Ich will nichts anderes als meinen Job."), um seinen Einschätzungen Glaubwürdigkeit zu verleihen. Sie lauten: Die aktuellen Probleme sind ein Vorgeschmack auf schlechte Zeiten und Jobs sind weiterhin knapp in Venezuela.

Liegen Knut Henkel bzw. seine Kronzeugen hier richtig? Sein erster Blick hätte der Entwicklung des Öl-Preises gelten können. Er hätte festgestellt, dass sich dieser seit Dezember 2008 für die Erdöl fördernden Länder sehr positiv entwickelt und inzwischen wieder bei über 60 US Dolar liegt. Wenn er noch ein bisschen weiter recherchiert hätte, wäre ihm sogar klar geworden, dass dies passiert, obwohl das internationales Finanzkapital weiter kräftig auf einen Preisverfall spekuliert, wie das Wirtschaftsblatt einige Tage vor Henkels düsterer Prognose berichtete.

Mag der Ölpreis schwer zu prognostizieren sein, spätestens in der Frage der Arbeitsplätze hätte Henkel entdecken müssen, dass die Regierung Chávez eine recht erfolgreiche Politik betreibt. Nicht nur amerika21.de berichtete, dass die Makro-Daten der venezolanischen Wirtschaft sich in den letzten 5 Jahren äußerst positiv entwickeln und die Zahl der Arbeitsplätze kontinuierlich zunimmt.

Man sollte meinen, dass es für den Autoren der sozialistischen Tageszeitung Deutschlands bemerkenswert ist, dass die Volkswirtschaften der sozialistisch regierten Länder Lateinamerikas nach wie vor ein (leichtes) positiv Wachstum aufweisen, während die neoliberalen Regimes in Mexiko, Kolumbien und Zentralamerika wirtschaftlich abrauchen. Nicht für Knut Henkel. Er redet lieber dem Presse-Mainstream von Welt, FTD und Spiegel-Online das Wort, welche die venezolanische Wirtschaft schon seit Jahren scheitern sehen - ohne dass dies real passieren würde. Stattdessen wäre es für Neues-Deutschland-Leser/innen vielleicht interessanter gewesen, dass die internationalen Ölkonzerne trotz Verstaatlichung weiter in Venezuela investieren. Aber dafür sollte man wohl lieber direkt die Börsennachrichten lesen, statt sich auf die Auslandsredaktion des Neuen Deutschland zu verlassen.


Die investierenden Ölgesellschaften wollen sich die Ölreserven Venezuelas, laut Chávez die weltweit grössten, sichern, erläutern Analysten die Strategie der Ölgiganten. Auch setzen sie darauf, dass Chávez, der geschworen hat, den "Kapitalismus zu beerdigen", nicht ewig an der Macht sein wird, erklärt Peter Zeihan, Vice President bei der geopolitischen Beratungsgesellschaft Stratfor in Dallas, Texas.

"Jeder will hier Flagge zeigen", sagt Zeihan. "Das ist eine gute Idee. Aber dadurch muss nicht unbedingt viel Geld in die Region fliessen." Wenn Chávez nicht mehr an der Macht ist, vielleicht in einem Jahrzehnt, können die Aktivitäten ernsthaft begonnen werden, erklärt er.

boerse-express, 22.05.2009

Neuen Kommentar schreiben

Sie wollen auf dem Laufenden bleiben? Abonnieren Sie unseren täglichen oder wöchtenlichen E-Mail-Newsletter » jetzt eintragen

Ähnliche Inhalte: Neues Deutschland + Knut Henkel

21. Jul 2010 | Deutschland | Medien

"Junge Welt": Warnlicht auch verpasst

Über die Notwendigkeit von Quellen- und Selbstkritik der linken Presse

Für große Resonanz sorgte Anfang Juli eine Buchrezension der linken Tageszeitung Neues Deutschland. Ein freier Mitarbeiter, der in der Regel für konservative Blätter wie die Schweizer NZZ schreibt, hatte sich äußerst negativ zu Kuba geäußert. Verständlicherweise hagelte (und hagelt) es Proteste. … weiter >

6. Jul 2010 | Deutschland | Medien

ND und Kuba: Warnlampen übersehen

Stellungnahme der Chefredaktion zum Artikel "Ein Universum – dann leider nur ein Weltbild" (ND vom 3./4.7.)

Zum Galeano-Artikel von Uwe Stolzmann erhielten wir mehrere Anrufe und (...) Leserbriefe (...).

Die Kritik ist berechtigt, sie wurde auch bei unserer redaktionsinternen Zeitungsauswertung geübt: Dieser Artikel hätte so nicht in ND erscheinen dürfen. Er konterkariert mit zwei haltlos flapsigen, bösartigen Attributen die gesamte kritisch-solidarische Auseinandersetzung, um die unsere Zeitung sich bemüht. … weiter >

4. Jul 2010 | Deutschland | Medien

Zwei Geisterfahrer im ND-Feuilleton

Ein NZZ-Autor und ein später "Republikflüchtling" finden sich

Würde man die folgenden Zeilen in einer Rezension in der FAZ oder NZZ lesen, würde man seinen Kopf schütteln, sich jedoch nicht weiter wundern. Passen diese Zeilen doch in das ideologische Weltbild der bürgerlichen Presseorgane. Liest man sie jedoch in der "Großen unter den Linken", einer Zeitung, die sich selbst als "sozialistische Tageszeitung" versteht, dann scheint etwas in dieser Redaktion falsch zu laufen. … weiter >