Chilenische Aktivisten beginnen Europa-Reise

Camila Vallejo, Karol Cariola und Jorge Murúa berichten in zahlreichen Städten über den politischen Aufbruch in Chile. Betonung der Diversität der Proteste

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Karol Cariola, Camila Vallejo und Jorge Murúa im Gespräch mit amerika21.de
Karol Cariola, Camila Vallejo und Jorge Murúa im Gespräch mit amerika21.de

Berlin. Drei führende Aktivisten der andauernden Protestbewegung aus Chile starten am heutigen Freitag eine Rundreise durch Europa. Zum Auftakt äußerten sich Camila Vallejo, Karol Cariola und Jorge Murúa in einem Exklusivinterview mit amerika21.de und dem Video-Portal weltnetz.tv zu der Motivation ihrer Rundreise.

"Es geht uns darum, die Vielfalt der chilenischen Protestbewegung darzustellen", sagte Camila Vallejo, die als "Gesicht" der Protestbewegung weltweit bekannt geworden ist. Chile sei immer als "Beispielmodell" für Lateinamerika dargestellt worden, so die aktuelle Vizepräsidentin den chilenischen Studentenverbandes FECH. Im Land bestehe jedoch nach wie vor eine "von der Diktatur geerbte politische Institutionalität", die sich hartnäckig gegen jeden Wandel stelle. "Ziel unserer Protestbewegung ist es nicht allein, das Bildungssystem zu reformieren", sagte die 23-jährige. Vielmehr gehe es darum, das institutionelle System des Landes zu verändern und einen "Wandel in der politischen Kultur Chiles" zu erreichen. Die Massenproteste des vergangenen Jahres haben in diesem Bereich schon viel erreicht, so Vallejo. "Nun beginnt nach den Protesten auf der Straße eine neue Phase, in der es darum geht, die Bewegung neu zu organisieren", fügte sie an.

Auch Karol Cariola beschreibt die Bewegung als Höhepunkt eines "langen Prozesses", der 2011 "entfesselt" worden sei. Es handele sich dabei um eine breite Bewegung, die sich nicht allein auf den Bildungsbereich beschränke. "Es geht auch darum, die Arbeitsbedingungen der Jugend und die Überausbeutung der natürlichen Ressourcen des Landes zu thematisieren", sagte die Generalsekretärin der Kommunistischen Jugend Chiles (JJCC).

Ein Erfolg der Proteste des vergangenen Jahres sei es, dass die rechtskonservative Regierung unter Präsident Sebastián Piñera ein Stück der Hegemonie verloren habe. "Chile war zu lange Zeit eine eingeschlafene Gesellschaft", so Cariola. Die jüngsten, wenn auch zögerlichen Reformen zeigten ebenso wie die niedrigen Zustimmungswerte für Piñera, dass die Menschen "aufgewacht" seien, sagte Cariola. Es herrsche jedoch eine starke Manipulation bei der Darstellung der Proteste. Sie gelte es zu durchbrechen.

Jorge Murúa, Vorstandsmitglied der Metallarbeitergewerkschaft CONSTRAMET und des chilenischen Gewerkschaftsbundes CUT, sieht eine Analyse der Proteste als reine Bildungsproteste als verkürzt an. Es habe sich "etwas Solideres" gebildet, sagte Murúa gegenüber amerika21.de. An den Massendemonstrationen hätten sich schließlich auch viele Arbeiter, Umweltaktivisten und Vertreter anderer sozialer Bewegungen beteiligt, so der Gewerkschafter. Dies habe sich zum Beispiel in dem Bündnis "Mesa Social" gezeigt. Gleichzeitig betonte auch er, dass man auch 20 Jahre nach dem Ende der Militärdiktatur mit "strukturellen Problemen" dieser Zeit zu kämpfen habe. Neue Gesetze wie das "Hinzpeter-Gesetz" des gleichnamigen Innenministers seien die repressive Antwort der rechten Regierung auf die Bewegungen. Weiterhin gebe es Folter und illegale Verhaftungen von Aktivisten.

In den kommenden zwei Wochen reisen die drei Aktivisten durch Deutschland, Schweden, Italien und die Niederlande. In Deutschland werde sie in Frankfurt (Main) (28.01.), Würzburg (29.01.), Saarbrücken (30.01.), Hamburg (31.01.), Dortmund (01.02.), Braunschweig (02.02.), Bremen (03.02.), München (07.02.) und Berlin (08.02.) sprechen. Die drei Aktivisten befinden sich auf Einladung der Rosa Luxemburg Stiftung (RLS) und der Bildungsgewerkschaft GEW in Europa.