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08.11.2013 Venezuela

Ölkonzern-Arbeiter in Venezuela gegen SAP-Einfluss

Arbeiter des Staatskonzerns PdVSA sprechen sich gegen Kontrolle ihrer Informationstechnologie durch das deutsche Softwareunternehmen aus
SAP-Sitz im baden-württembergischen Walldorf

SAP-Sitz im baden-württembergischen Walldorf

Lizenz: CC by-sa 3.0

Caracas. Arbeiter des venezolanischen Erdölkonzerns PdVSA haben sich gegen die Aufgabe der technologischen Souveränität des Unternehmens gewandt, berichtet Luigino Bracci auf dem linksgerichteten Onlineportal Aporrea. Demnach wurde auf einem Treffen des Arbeiterrats der PdVSA-Abteilung AIT (Automatisierung, Informatik und Telekommunikation) mit Vertretern des venezolanischen Ministeriums für Wissenschaft, Technik und Innovation am 22. Oktober beklagt, dass sämtliche internen Kontrollsysteme durch kostspielige Produkte der deutschen Softwarefirma ersetzt worden seien.

Die AIT ersetzte im Jahre 2003 die Privatfirma Intesa, die den gesamten Informatikbereich des Konzerns kontrolliert hatte und Hauptakteur bei der Lahmlegung der Ölindustrie im Dezember 2002 gewesen war. Die Intesa gehörte ihrerseits seit 1996 zur US-Firma SAIC, deren Führungspersonal aus ehemaligen Mitgliedern des US-Geheimdienstes bestand. Während der Diskussion auf dem Treffen über die Ausschreibungen im Bereich der Informatik wurden auch Vorwürfe in Richtung SAP zu ihrem Agieren während des "Erdölstreiks" erhoben.

Eine Hauptsorge der Beschäftigten gilt der fortschreitenden Ersetzung der Programme bei PdVSA durch ein umfassendes Paket proprietärer SAP-Software. Diese funktioniert wie eine "Blackbox". Ihr Quellcode ist betriebseigenen Mitarbeitern also nicht zugänglich, um systemeigene Probleme zu lösen. Dazu ist ein Zugriff auf das interne Netzwerk von außen durch SAP-Experten erforderlich, was erhebliche Probleme hinsichtlich der technologischen Souveränität mit sich bringe und mit hohen Gebühren für Lizenzen, Wartung und Support verbunden sei.

PdVSA-Gebäude in Venezuela

Angesichts der aktuellen Enthüllungen des ehemaligen NSA-Mitarbeiters Edward Snowden, die zeigen, wie die US-Regierung die Dienstleistungen transnationaler Firmen wie Google, Apple, Microsoft oder Facebook weltweit zur Bespitzelung von Bürgern und Unternehmen nutzt, wirkt das Ausliefern der elektronischen Kontrollsysteme von PdVSA an das global agierende deutsche Unternehmen besonders bedenklich.

Auf der Zusammenkunft stellten Mitarbeiter die Forderung nach einem breiten Einsatz freier Software auf. Durch eine Umstellung auf solche Programme sollte ursprünglich eine technologische Unabhängigkeit von ausländischen Institutionen erreicht werden. Stattdessen wäre festzustellen, "dass nahezu 100 Prozent der Rechner am Arbeitsplatz Windows verwenden". In sämtlichen Bereichen sei ein vollständiger Übergang auf SAP-Lösungen vollzogen und eine Vielzahl intern durch venezolanisches Personal entwickelter Programme verworfen worden. Die Geschäftsleitung habe sich dabei über betriebsinterne Normen und Vorschriften hinweg gesetzt. Inzwischen seien in dem von SAP installierten System 63 schwerwiegende Sicherheitslücken entdeckt worden. Mitarbeiter vermuten, dass diese dazu dienen, um verdeckt weitere teure Lizenzkäufe bei SAP anstelle innerbetrieblicher Lösungen zu befördern.

Der Arbeiterrat verabschiedete ein Manifest zum neuen Gesetz über den Einsatz von digitalen Informations- und Kommunikationstechnik auf der Ebene der staatlichen Verwaltungen (Ley de Infogobierno), in dem sie sich für eine Beteiligung aller betroffenen Sektoren und die volle nationale Souveränität bei den zum Einsatz kommenden Technologien aussprechen.

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