Anwohner besetzen Militärgelände im Nordosten von Kolumbien

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Die Familien kamen mit all ihrem Hab und Gut, teilweise nicht mehr als eine Tüte mit Kleidung und Hausrat
Die Familien kamen mit all ihrem Hab und Gut, teilweise nicht mehr als eine Tüte mit Kleidung und Hausrat

Fortul, Kolumbien. Rund 2.000 Personen haben seit dem 22. November ein 100 Hektar großes Militärgelände in Fortul besetzt, einem Dorf im Bundesstaat Arauca im Nordosten Kolumbiens. Die Region gilt nach Angaben von Menschenrechtsorganisationen seit Jahrzehnten als Versuchslabor für Militärstrategien und rechtlich umstrittene Kriegsführungsmethoden. Hier werden zurzeit unter anderem Drohnen getestet.

Das Dorf Fortul liegt zwischen den beiden Provinzstädten Tame und Saravena an der nur teilweise asphaltierten und von mehreren Militär- und Polizeiposten bewachten Landstraße. Am zentralen Kreisverkehr soll eine neue Schule entstehen. Sie war fast fertig gestellt, als zwei anliegende kleine Bauernhöfe durch das Verteidigungsministerium entmietet und zwangsgeräumt wurden. Das Ministerium hatte entschieden, auf dem direkt angrenzenden Gelände eine Kaserne zu bauen. In der Menschenrechtscharta der Vereinten Nationen ist ein Mindestabstand zwischen Bildungseinrichtungen und militärischen Einrichtungen vorgesehen.

Die Bewohner Fortuls sehen in dem Vorhaben der Regierung nicht nur einen Verstoß gegen die Menschenrechte, sondern eine weitere direkte Bedrohung ihrer Siedlung. Daher entschlossen sie sich, das Gelände zu besetzen. Sie brauchen dringend Land für die zahlreichen Flüchtlinge, die aufgrund des Krieges vertrieben worden sind und nun in den größeren Gemeinden des Bundeslandes nach einer neuen Heimat suchen.

Die Familien, die sich zur Zeit auf dem Gelände befinden, kamen mit all ihrem Hab und Gut, teilweise nicht mehr als eine Tüte mit Kleidung und Hausrat. Das Gelände wurde von einer schnell gegründeten Selbstorganisation in Parzellen aufgeteilt, die unter den Familien verteilt wurden. Einige beginnen bereits mit dem Bau von Häusern aus Holz. Was fehlt ist sauberes Trinkwasser, eine Gesundheitsversorgung gerade der vielen Kinder und eine langfristige Perspektive für die meist sehr armen Familien. Die Besetzer sprechen von einer Wiederaneignung des Landes, das vor der Vertreibung aufgrund des bewaffneten Konfliktes den hier lebenden Bauern und Indigenen gehörte.

Vor Ort wird die neue Siedlung von lokalen sozialen Bewegungen wie der Bauernorganisation ASONALCA und von Rechtsanwälten der Stiftung für Menschenrechte unterstützt. Bisher gab es allerdings kaum Öffentlichkeit für das Anliegen der Menschen in ihrer äußerst prekären Lage, weder im Land selbst noch in der internationalen Presse. Zudem sind keine internationalen Menschenrechtsorganisationen vor Ort. Die Besetzer befürchten Angriffe durch Militär und paramilitärische Gruppen, sie haben Angst vor weiteren Verletzungen ihrer Rechte und insbesondere Angst um ihre Kinder.

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