Friedenspakt von "Maras" und Regierung gefährdet

Bis zu 120 Mitglieder der Jugendbanden sollen Polizei und Militär unterwandert haben. Maras drohen mit Mordwelle bei Nichtverlängerung von Abkommen

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Maras in El Salvador
Maras in El Salvador

San Salvador. Die salvadorianische Regierung stellt derzeit Nachforschungen über eine Infiltrierung der Streitkräfte durch die

sogenannten Maras an, also kriminelle Jugendbanden. Justiz- und Sicherheitsminister Ricardo Perdomo ließ letzte Woche verlauten, dass rund 120 Mitgliedern der salvadorianischen Militärakademie und der Polizei­schulen verdächtigt werden, den Jugendbanden anzugehören. Laut Polizeiquellen haben sich diese systematisch eingeschleust, um sich ausbilden zu lassen und Waffen zu entwenden. Sicherheits­minister Perdomo sprach zudem von einer beunruhigenden Aufrüstung der Banden und einer engen Zusammenarbeit mit Drogenkartellen wie den mexikanischen Zetas.

Erst kurz zuvor war der im März 2012 öffentlich gewordene Friedenspakt mit den rivalisierenden Jugendbanden von Präsident Mauricio Funes in Frage gestellt worden. Die sogenannten "Revolutionäre", eine Abspaltung der Gruppierung Barrio 18, hätten diesen gebrochen, so das Staatsoberhaupt. Die am Friedenspakt beteiligten Banden wiesen dies in einem gemeinsamen Kommuniqué zurück, dass die investigative Internetzeitung El Faro veröffentlichte.

Mit dem Friedenspakt sicherte die salvadorianische Regierung den Bandenchefs die Verlegung aus dem Hochsicherheitstrakt in den normalen Strafvollzug zu, wodurch deren Kommunikation mit ihren Gefolgsleuten aufrechterhalten wird. Im Gegenzug senkten die Jugendbanden über mehr als ein Jahr lang die Mordrate von 15 auf fünf Morde pro Tag, was nicht nur bedeutend weniger jugendliche Tote sondern auch einen Rückgang von Neurekrutie­rungen zufolge hatte. Laut dem UN Kinderhilfswerk Unicef sollen in El Salvador allein zwischen 2005 und 2013 zirka 6.300 Minderjährige gewaltsam zu Tode gekommen sein.

Mittlerweile ist die Mordrate im Land wieder auf durchschnittlich neun Morde pro Tag angestiegen. In ihrem Kommuniqué machten die Banden eine Erschwerung der Kommunikation mit ihren Gefolgsleuten seit der Entlassung des vorigen Justiz- und Sicherheitsministers David Munguía verantwortlich, der zufolge sie diese schlechter kontrollieren könnten. Sie fordern die Wiederaufnahme des zum Erliegen gekommenen Friedensprozesses  und drohen ansonsten der am 1. Juni neuantretenden Regierung mit einer explosionsartigen Steigerung der Morde.

Der Friedenspakt war im Präsidentschaftswahlkampf Anfang des Jahres von den rechten Oppositionsparteien immer wieder zum Anlass genommen worden, die Regierungspartei FMLN als Kollaborateure des Organisierten Verbrechens zu diffamieren. Nichtsdestotrotz, gelang es der Partei der ehemaligen Guerrillaorganisation erneut den Wahlsieg davonzutragen.

Bislang unklar ist, wen der gewählte Präsident Salvador Sánchez Cerén als Sicherheitsminister einsetzen wird und ob seine Regierung den Friedensprozess weiterführt. Der "Pakt mit der Mafia“ gilt als eines der gewagtesten wie umstrittensten Projekte in der Region, in der dem Phänomen der Jugendbanden bisher nur Repression und Soziale Säuberungen entgegengesetzt wurden.

Eine im letzten Jahr erschienene Studie des UN-Entwicklungsprogramms UNDP schätzt, dass in El Salvador rund eine halbe Millionen Menschen in die kriminellen Handlungen der Maras involviert sind, da diese in den marginalisierten und vom Arbeitsmarkt ausgeschlossenen Bevölkerungsschichten ein Einkommen schaffen. Neben Auftragsmorden und Drogenhandel betreiben die Jugendbanden flächendeckende Schutzgelderpressungen.

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