Brasiliens Rechte macht mit WM-Aus Wahlkampf

Schlagabtausch zwischen rechten Sozialdemokraten und regierender Arbeiterpartei. Präsidentin Rousseff mit leicht steigendem Umfragewert

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Trauriger Abschied:  die brasilianische Mannschaft nach der 7:1 Niederlage gegen die deutsche Elf am Dienstag
Trauriger Abschied: die brasilianische Mannschaft nach der 7:1 Niederlage gegen die deutsche Elf am Dienstag

Brasília. Nach der Niederlage Brasiliens im Halbfinale der Fußballweltmeisterschaft haben sich Politiker von Regierung und Opposition

zur "Schande von Belo Horizonte" geäußert. Auch die im Oktober stattfindenden Wahlen standen dabei im Fokus. Die rechtsgerichtete Opposition versucht, politischen Nutzen aus dem Misserfolg der brasilianischen Nationalmannschaft zu ziehen. Präsidentschaftskandidat Aécio Neves von der Partei PSDB bezeichnete diese als "Demütigung" und kündigte einen Wandel in der Politik Brasiliens an: "Jetzt ist es nicht nur notwendig, die Nationalmannschaft zu überdenken, sondern Brasilien als Ganzes", schrieb der 54-jährige am Dienstag auf seinem Twitter-Profil.

Auch Xico Graziano, ebenfalls von der PSDB, die als Konkurrentin rechts von der regierenden Arbeiterpartei (PT) gilt, fand harte Worte für das Ausscheiden der Seleção: "Sicherlich trägt Felipão (der Trainer von Brasilien) Schuld. Es ist offensichtlich, dass die Spieler versagt haben. Es ist aber auch sicher, dass Lula und Dilma alles falsch gemacht haben. Brasilien muss verändert werden."

Die Regierung wies die Verantwortung von sich und kritisierte den Umgang der Opposition mit der Enttäuschung: "Wer versucht, den Wahlkampf auf eine Niederlage im Fußball zu übertragen, schießt damit ein Eigentor. Diese Politisierung ist einfach nur lächerlich", konterte José Eduardo Cardozo, Justizminister der PT, nach dem Spiel in Belo Horizonte.

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FIFA- und polizeikritisches Graffito in Brasilien
FIFA- und polizeikritisches Graffito in Brasilien

Auch der Minister für institutionelle Angelegenheiten, Ricardo Berzoini, wies das Vorgehen der PSDB zurück: "Was die Organisation angeht, ist die WM unbestreitbar ein Erfolg. Brasilien hat eine unerwartete Niederlage erlitten, wer daraus nun jedoch politischen Nutzen ziehen will, wird die Quittung der Wähler bekommen."

Präsidentin Dilma Rousseff zeigte sich "sehr, sehr traurig" über die Niederlage und forderte die Brasilianer und Brasilianerinnen auf, "aufzustehen, den Staub abzuschütteln und nach vorne zu schauen". Trotz Kritik werde sie am kommenden Sonntag dem Sieger des WM-Finales in Rio de Janeiro den Pokal überreichen.

Vor dem Halbfinalspiel zeigte sich die Regierung mit dem bisherigen Ablauf des Turniers durchaus zufrieden. Eine Statistik des Meinungsforschungsinstituts Datafolha belegte außerdem, dass die Umfragewerte von Präsidentin Rousseff im Laufe der WM zuletzt von 34 Prozent auf 38 Prozent gestiegen waren. Dennoch fürchten viele Beobachter nun die Rückkehr von gewaltsamen Protesten. In mehreren Städten kam es unmittelbar nach Ende des Spiels Brasilien-Deutschland bereits zu Krawallen. In São Paulo setzten Unbekannte über 20 Busse in Brand. Insgesamt nahmen die Ausschreitungen jedoch nicht die erwarteten Ausmaße an.

Unterdessen zeichnet sich eine veränderte Strategie der brasilianischen Polizei ab, die eine neue Protestwelle verhindern könnte. So wurden in den vergangenen Wochen Demonstrationen bereits vor Beginn eingekesselt, um ihren Start zu behindern. Zudem kam es zu willkürlichen Durchsuchungen und Festnahmen und einer Aufstockung des Polizeiaufgebots. "Der Dialog, der bisher geführt wurde, existiert praktisch nicht mehr. Das Klima hat sich sehr verändert. Proteste werden kaum noch toleriert und es kommt zu mehr Gewalt", kritisierte Esther Solano Gallego, Professorin für Internationale Beziehungen an der Universität UNIFESP in São Paulo.

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