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22.06.2015 Mexiko / Menschenrechte / Politik

Widersprüche bei Aufklärung der 42 Morde von Tanhuato

Spuren von Folter lassen Zweifel an Version der Polizei aufkommen. Die Parallelen zu anderen Gefechten mit zivilen Opfern sind arlamierend
Mexikanische Bundespolizisten

Mexikanische Bundespolizisten

Quelle: telesurtv.net

Tanhuato, Mexiko. Bei einer Schießerei zwischen Zivilisten und der mexikanischen Bundespolizei sind im Mai 43 Menschen ums Leben gekommen, darunter 42 Zivilisten und ein Polizist. Die hohe Zahl getöteter Zivilisten, Zeugenaussagen und Spuren von Folter bei den Toten deuten darauf hin, dass es sich möglicherweise um ein Massaker gehandelt haben könnte. Deshalb werden die Zweifel an der offiziellen Version des Geschehensablaufs größer.

Am 22. Mai kam es im Bundesstaat Michoacán zu einem Gefecht zwischen Zivilisten und mexikanischen Sicherheitskräften. Laut offizieller Version geriet ein Konvoi der Polizei in einen Hinterhalt des Drogenkartells "Jalisco Neue Generation" (Cartel Jalisco Nueva Generación – CJNG). Andere Quellen berichten von einer geheimen Operation, um den Anführer des Kartells Nemesio Oseguera Cervantes alias El Mencho, festzunehmen. Ob es sich tatsächlich um Mitglieder des Kartells gehandelt hat, ist indessen noch unklar. Möglicherweise waren auch Lohnarbeiter aus der Umgebung unter den Opfern. Während des Gefechts befanden sich etwa 65 bis 70 Personen auf dem Gelände, von denen 42 von der Polizei erschossen wurden. Drei weitere wurden festgenommen und über die restlichen mindestens 20 Personen sind keine weiteren Informationen bekannt.

Ob es sich in Tanhuato um Mitglieder des Drogenkartells "Neue Generation" handelte, kann jetzt nur noch schwer nachgewiesen werden. Dennoch wurden die Ereignisse in Tanhuato als "Triumph im Kampf gegen den Drogenhandel und das organisierte Verbrechen" bezeichnet. "Die Polizei hat in diesem Fall ihre besten Fähigkeiten durch ihre Ausbildung und ihr Geschick demonstriert", lobte der Hauptkommissar der Bundespolizei, Enrique Galindo Ceballos, den Einsatz in Tanhuato.

Angehörige der Ermordeten von Tanhuato protestieren gegen die Bundespolizei und die Regierung

Quelle: telesurtv.net

In den mexikanischen Medien und in der Bevölkerung wachsen jedoch die Zweifel an der offiziellen Version. "Sie bezeichnen sich selbst als Regierung. Für mich sind das Mörder mit Lizenz", beschreibt der Bruder eines Opfers sein Vertrauen in die mexikanischen Behörden. Man frage sich, weshalb dutzende Menschen erschossen wurden, während kaum jemand verletzt wurde. Des weiteren sei auf Fotos des Tatorts deutlich zu erkennen, dass viele der Opfer weder mit Schuhen noch mit Oberteilen bekleidet waren. Der Bürgermeister von Tanhuato vermutet daher: "Das scheint eher ein Massaker gewesen zu sein als eine Polizeioperation." Die Familien der Opfer berichten von deutlichen Folterspuren wie ausgeschlagenen Zähnen, gebrochenen Gliedmaßen und tiefen Brandwunden bei elf der Getöteten. Die Vorwürfe, dass die Opfer erst gefoltert und dann hingerichtet wurden, werden von offizieller Seite abgestritten. Ceballos betonte wiederholt, dass es sich nicht um ein Massaker gehandelt habe, sondern um einen ordnungsmäßigen Einsatz. Die nationale Menschenrechtskommission hat vor dem Hintergrund der Widersprüche eigene Ermittlungen aufgenommen.

Das Kartell "Neue Generation" gilt mittlerweile als eines der mächtigsten in Mexiko. In nur wenigen Jahren gelang es dem Anführer El Mencho in weiten Teilen des Landes zu operieren. Bei zwei tödlichen Gefechten zwischen Kartell und Sicherheitskräften wurden Anfang dieses Jahres 20 Polizisten erschossen. Am ersten Mai gelang es den Mitgliedern des Kartells, die zweitgrößte Stadt Mexikos, Guadalajara im Bundesstaat Jalisco, in Alarmstufe Rot zu versetzten. 17 Menschen kamen dabei ums Leben. Für die mexikanische Polizei und das Militär gibt es daher zahlreiche Gründe, gegen die Mitglieder des Kartells vorzugehen. Die Maßnahmen, die insbesondere von Militär, Bundespolizei und Marineeinheiten durchgeführt werden, stoßen jedoch auf Entsetzen. Menschenrechtsorganisationen schätzen, dass dem Krieg gegen Drogenhandel und organisiertes Verbrechen seit 2006 bis zu 100.000 Menschen zum Opfer gefallen sind, unter ihnen auch zahlreiche Zivilisten.

Die Ereignisse von Tanhuato reihen sich in eine Serie von Massakern ein, die sehr ähnliche Muster aufweisen. Anfang des Jahres sind in Apatzingán im Bundesstaat Michoacán bei einem Gefecht mit der Polizei 16 Zivilisten ums Leben gekommen, darunter auch Mitglieder der unabhängigen Bürgerwehr. In Tlatlaya kam es vergangenes Jahr zu 22 zivilen Opfern bei einer ähnlichen Auseinandersetzung, die vor kurzem von offizieller Seite als außergerichtliche Hinrichtung deklariert wurde.

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