Hausarrest für verurteilte Ex-Militärs in Uruguay

Befremden bei Opferangehörigen und Überlebenden der Diktatur. Wegen Mord, Verschwindenlassens und Folter Verurteilte aus Haft entlassen

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"Sie lachen uns weiter ins Gesicht" - Protestaktion in der Nähe des Wohnhauses von Ex-Militär Gavazzo in Montevideo
"Sie lachen uns weiter ins Gesicht" - Protestaktion in der Nähe des Wohnhauses von Ex-Militär Gavazzo in Montevideo

Montevideo. Die beiden Ex-Militärs José "Nin" Gavazzo und Ernesto Ramas, verurteilt wegen vielfachen Mordes und Verschleppung, sind in den Hausarrest entlassen worden. Diese Entscheidung habe Richter Martin Gesto aus "rein humanitären Gründen" getroffen, wie Raúl Oxandabarat, Justizsprecher des Landes, im Fernsehen betonte.

In Uruguay gibt es für Inhaftierte jenseits der 70 die Möglichkeit, ihre Haftstrafe in Hausarrest umwandeln zu lassen. Entgegen dem ablehnenden Votum des Oberstaatsanwaltes Jorge Díaz bezüglich einer Entlassung der beiden Straftäter in den Hausarrest, entschied sich Richter Gesto kurz vor Weihnachten dafür. Sein Urteil stützte er auf die medizinische Einschätzung des Roten Kreuzes, des Gerichtsmediziners Guido Berro und einer dreiköpfigen medizinischen Kommission der Justizbehörde. José "Nin" Gavazzo, der sich in Montevideo im Stadtteil Pocitos niedergelassen hat, muss elektronische Fußfesseln tragen. Ernesto Ramas lebt in Piriápolis und wird dort durch das "Büro für Assistierte Freiheit" (OSLA) beaufsichtigt.

Die "humanitäre" Geste des Richters Gesto stieß im Land auf Befremden und Protest. Gerade erst hatte die Organisation "Mütter und Angehörige von Verhafteten-Verschwundenen in Uruguay" (Famidesa) eine neue Initiative zur Suche nach den Verschwundenen der Diktatur gestartet und die Regierung hatte eine "Kommission für Wahrheit und Gerechtigkeit" ins Leben gerufen, um die Verbrechen während der Diktatur von 1973 bis 1985 aufzuarbeiten.

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Famidesa äußerte ihre Ablehnung der Entscheidung: "Diese Militärs verlangen humanitäre Gesten und zeigen selber nicht die geringste menschliche Regung, wenn es darum geht, uns Informationen zu geben, wo wir die Leichname unserer Familienmitglieder finden können, die sie töteten oder verschwinden ließen. Sie sind es, die wissen, wo sie sind." Mit ihrem Schweigen sorgten sie dafür, dass "die Geheimniskrämerei und die Lüge" erhalten bleiben und sich an der "Kultur der Strafflosigkeit" nichts ändere. Die Entlassung in den Hausarrest sei ein Schlag ins Gesicht derjenigen, die ihre Angehörigen verloren haben und die während der Diktatur leiden mussten.

Gavazzo und Ramas sind wegen Verbrechen gegen die Menschheit verurteilt. Mehr als 28 Morde werden ihnen zur Last gelegt. Gavazzo war einer der Hauptverantwortlichen für die Folterungen und Tötungen von Gefangenen, bekannte Opfer sind der Lehrer Julio Castro und Maria Claudia Gelman. Auf sein Konto geht auch ein großer Teil der Verschwundenen, einschließlich der Fälle von Zelmar Michelini, Héctor Gutiérrez Ruiz, William Whitelaw und Rosario Barredo in Buenos Aires. Zudem entführte er Sara Méndez und verschleppte ihren 20 Tage alten Sohn. Bis heute ist das Schicksal von 200 Uruguayern, die während der Diktatur festgenommen wurden, ungewiss.

Anlässlich des Dreikönigsfestes, das in Uruguay wie Weihnachten gefeiert wird, stellte das "Plenum Erinnerung und Gerechtigkeit" José Gavazzo Geschenke vor die Haustür, die an die während der Diktatur entführten Kinder adressiert waren, unter ihnen an Mariana Zaffaroni, Macarena Gelman, Simón Méndez, Amaral García Hernández und Victoria Moyano Artigas. "Geschenke, die nie ankamen", war das Motto der Aktion, die im Zuge einer Kampagne zur Aufklärung der Bürger des Viertels über die Taten ihres neuen Nachbarn durchgeführt wurde. "Wir bekräftigen, dass wir jene mehr als 100 Kinder, die in Gefangenschaft geboren und entführt wurden und/oder verschwanden, nicht vergessen werden. Wir vergessen aber auch nicht die Schuldigen", hieß es in einem Flugblatt. Die Gruppe wies zudem darauf hin, dass weitere 500 "Unterdrücker" bereits identifiziert wurden und noch immer "frei und straflos in ihren Häusern leben".

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