Erneut Journalistin in Mexiko ermordet

Mit Anabel Flores wurden in fünf Jahren 15 Journalisten in Veracruz getötet. Kriminalisierung der Opfer dient der Diffamierung ihrer Arbeit

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Anabel Flores
Anabel Flores

Puebla/Veracruz. Die Journalistin Anabel Flores Salazar ist vergangene Woche im Bundesstaat Puebla tot aufgefunden worden. Der Körper der Ermordeten wies Folterspuren auf und wurde nur wenige Kilometer von ihrem Wohnort am Rande einer Schnellstraße aufgefunden. Flores arbeitete für verschiedene regionale Medien im östlichen Bundestaat Veracruz und berichtete hauptsächlich über Kriminalität und organisiertes Verbrechen.

Zeugen berichten, dass am Tag zuvor Bewaffnete in militärähnlicher Montur in die Wohnung der 32-Jährigen in Orizaba, Veracruz, eindrangen und sie entführten. Die Staatsanwaltschaft versprach eine schnelle Aufklärung des Falls und identifizierte nur wenige Tage nach der Ermordung einen mutmaßlichen Täter: Josele Màrquez, auch bekannt als "El Chini", ein führendes Mitglied des Drogenkartells "Los Zetas". Anfang Februar, noch vor dem Mord an Flores, hatte die Regierung allerdings verkündet, dass Márquez als Schlüsselfigur der organisierten Kriminalität gefasst wurde. Im August 2015 berichtete außerdem die Staatsanwaltschaft von Veracruz, dass er bei einem Gefecht krimineller Banden umgekommen sei. Ob Márquez tatsächlich für den Mord an Flores verantwortlich ist, bleibt daher unklar. Soziale Organisationen und Journalisten beschreiben dieses Vorgehen, vermeintliche Täter rasch der Öffentlichkeit zu präsentieren, als eine Taktik, um Fälle von Journalistenmorden zügig abzuschließen und so dem Fokus der Öffentlichkeit zu entziehen.

Im Zuge der Ermittlungen wurden außerdem Untersuchungen aufgenommen, die eine mögliche Verbindung der Journalistin mit Kriminellen verfolgen. Flores wird seitens der Regierung und der Staatsanwaltschaft vorgeworfen, sie habe mit Akteuren des organisierten Verbrechens in Kontakt gestanden. Jorge Morales Vázquez von der bundesstaatlichen Kommission für die Betreuung und den Schutz von Journalisten, kritisierte dieses Vorgehen als verantwortungslos und leichtfertig. Die Beschuldigungen dienten lediglich dazu, die Arbeit der Journalistin zu diffamieren, erklärte Morales. Er frage sich, wieso die Behörden "nicht früher handelten, sondern erst jetzt davon berichten", wenn sie Informationen über diese vermeintlichen Verbindungen bereits gehabt hätten.

In einem offenen Brief wandten sich indes Kolleginnen und Kollegen der Journalistin an Regierung und Justiz. Darin verurteilen sie die Ermittlungen gegen Flores. Eine Kriminalisierung ermordeter Kollegen sei "nichts weiter als eine feige Strategie derer, die dazu verpflichtet sind, die Fälle zu untersuchen und nicht Beweise gegen diejenigen zu konstruieren, die Verleumdungen seitens dieser schlechten Regierung nicht mehr widerlegen können." Damit werde ebenfalls deutlich, dass die Priorität der Untersuchungen nicht bei der Aufklärung des Mordes liege, sondern auf der Anschuldigung, dass Flores selbst Teil krimineller Machenschaften gewesen sei, so die Verfasser.

Die Menschrechtskommission von Mexiko-Stadt fordert, dass der Fall im Hinblick auf die Arbeit von Flores als Journalistin untersucht wird. Die Kommission kritisiert, dass Motive der Morde häufig nicht im Kontext der journalistischen Tätigkeit der Opfer untersucht werden, um die schwierige Situation für kritische Medien zu vertuschen. Laut der Nationalen Menschenrechtskommission wurden in Mexiko in den vergangenen fünfzehn Jahren 110 Medienschaffende umgebracht. Erst im Januar wurde der Journalist, Kommunalpolitiker und Mitglied der kürzlich gegründeten Partei Morena (Movimiento de la Regeneración Nacional), Marcos Hernández, in Oaxaca ermordet. Allein in Veracruz sind unter dem amtierenden Gouverneur Javier Duarte Ochoa seit 2011 fünfzehn Medienschaffende getötet worden. Gefolgt von Tamaulipas, Oaxaca und Guerrero gilt der Bundesstaat daher als der gefährlichste in Mexiko für Journalisten.

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