Studie zu "sozialen Säuberungen" in Kolumbien vorgestellt

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Der Autor der Studie, Carlos Mario Perea
Der Autor der Studie, Carlos Mario Perea

Bogotá. Auf der derzeit in Bogotá stattfindenden Internationalen Buchmesse (Filbo) ist die Studie "Soziale Säuberung – eine falsch benannte Gewalt" (Limpieza social – una violencia mal nombrada) des kolumbianischen Universitätsprofessors Carlos Mario Perea vorgestellt worden. Der Bericht zu den sogenannten "sozialen Säuberungen" wurde vom Nationalen Erinnerungszentrum in Auftrag gegeben.

Dabei unterscheidet der Autor zwischen drei verschiedenen Arten von "Säuberungen": Die Zugehörigkeit zu bestimmten politischen (von der beispielsweise Homosexuelle oder drogenabhängige Jugendliche betroffen sind), ethischen oder sozialen Gruppen wird den Opfern zum Verhängnis. Verantwortlich für die Verbrechen seien neben lokalen Banden oftmals auch Paramilitärs, die auf diese Weise versuchen, sich eine Legitimierung für ihre Existenz in der Bevölkerung zu verschaffen. Parea legt offen, dass das Phänomen in Kolumbien seit mindestens 40 Jahren existiert und allein zwischen 1988 und 2013 zu fast 5.000 ermordeten Personen führte. Doch es seien längst nicht nur illegale Akteure, die "soziale Auslöschung" betreiben. Auch staatliche Organe wie Polizei oder Armee sind für mindestens 104 der im besagten Zeitraum begangenen Morde verantwortlich, heißt es in der Studie.

In dem Dokument wird insbesondere die Untätigkeit seitens des Staates bezüglich dieser Praxis scharf kritisiert. Die "soziale Säuberung" werde aktiv verschwiegen und unsichtbar gemacht, so der Autor. Da bis zu diesem Zeitpunkt keinerlei Statistiken bezüglich des Phänomens existierten und der Staat keine öffentliche Politik zur Bekämpfung der Selbstjustiz definiere, habe man es nun mit einer hundertprozentigen Straflosigkeit bei Verbrechen dieser Art zu tun. Auch das Strafgesetzbuch des südamerikanischen Landes führt einen derartigen Tatbestand nicht auf.

Betroffen sind vor allem Menschen aus marginalisierten Vierteln in den Städten Kolumbiens. Besonders oft in der Statistik vertreten sind die Provinzen Valle del Cauca und Antioquia sowie die ärmeren Stadtteile der Hauptstadt Bogotá.

Bei der Präsentation der Studie wurde betont, dass sie einerseits zur Erinnerung an die Opfer von "sozialer Säuberung" beitragen soll, die oftmals verschwiegen werden. Andererseits soll das Phänomen selbst sichtbar gemacht werden, um die Gesellschaft und den Staat zum Handeln aufzufordern. Denn die sogenannte "soziale Säuberung" habe sich in Kolumbien längst zu einer systematischen Praxis entwickelt. Da der Autor befürchtet, dass der Begriff zur Legitimierung dieser Praxis beitrage, schlägt er des Weiteren die Bezeichnung "soziale Auslöschung" vor.

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