Bolivien / Politik / Wirtschaft

Bolivien mit höchstem Wirtschaftswachstum in Lateinamerika

Verstaatlichung der Öl- und Gasvorkommen des Landes jährt sich zum elften Mal. Minister: Nationalisierung als Grundlage des heutigen Aufschwungs

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"Verstaatlicht": Transparent an einer Erdgasanlage am 1. Mai 2006
"Verstaatlicht": Transparent an einer Erdgasanlage am 1. Mai 2006

La Paz. Die bolivianische Wirtschaft konnte im vergangenen Jahr mit 4,3 Prozent weiterhin das höchste Wirtschaftswachstum Südamerikas aufweisen. Der seit 2006 erfolgte Prozess der Verstaatlichung der Rohstoffe habe wesentlich zur wirtschaftlichen Stabilität des Andenstaates und dem Ausbau des Energiesektors beigetragen, erklärte Boliviens Energieminister Luís Sanchez. So hätten sich die Staatseinnahmen allein durch den Export von Erdgas seit 2006 von zwei Millionen US-Dollar auf 31,5 Milliarden US-Dollar im Jahr 2016 vervielfacht.

Die Einnahmen sind vorwiegend in den Ausbau der Energieversorgung und die Modernisierung von existierenden Anlagen geflossen. 2005 existierten lediglich 40.000 Gasanschlüsse in Privathaushalten, heute sind es hingegen 3,5 Millionen. Des weiteren wurden die Gelder zur Finanzierung von Infrastrukturmaßnahmen genutzt, darunter Straßen, Krankenhäuser und Schulen

Erklärtes Ziel der Regierung von Präsident Evo Morales ist es, bis 2020 weitere zwölf Milliarden US-Dollar in den Ausbau der Erdgas- und Erdölförderung und fünf Milliarden US-Dollar in den Ausbau der Stromerzeugung zu investieren. Eines der wichtigsten Projekte stellt dabei die Konstruktion einer Anlage zur Herstellung von Propen und Polypropylen in der Provinz Gran Chaco im Süden des Landes dar, die nach Aussage von Morales die größte Erdöl verarbeitende Anlage des Landes sein wird. Guillermo Achá, Präsident des staatlichen Erdölunternehmens Yacimientos Petrolíferos Fiscales Bolivianos, fügte hinzu, dass durch die Anlage 4.000 direkte Arbeitsplätze und weitere 10.000 in der Umgebung geschaffen würden.

Zugleich wurde der Mindestlohn zuletzt am 1. Mai diesen Jahres um 10,8 Prozent und der Grundlohn für alle Angestellten in Polizei, Armee, im Gesundheits- und Bildungswesen um sieben Prozent erhöht. Auch die Höhe der Renten wurde entsprechend angepasst. Bei den Feierlichkeiten zum 1. Mai garantierte Morales ferner, dass jede ältere Person, jedes Kind und jede schwangere Frau weiterhin zusätzliche finanzielle Unterstützung erhält. Während andere Länder ihre Sozialausgaben zurückfahren, würde Bolivien die Rechte der Arbeiter auch in Zukunft stärken, ergänzte der Vizeminister der Koordination mit Sozialen Bewegungen, Alfredo Rada.

Energieminister Sánchez führte die wirtschaftlichen Erfolge und die Stabilität des Landes unmittelbar auf die Verstaatlichungen unter der Regierung Morales zurück. Die Entscheidung des ersten indigenen Präsidenten des Landes habe den Bolivianerinnen und Bolivianern erstmals wieder die souveräne Kontrolle über ihre natürlichen Ressourcen gegeben, so Sánchez. "Seit dem 1. Mai 2006, als das Dekret zu Nationalisierung der Erdöl- und Erdgasvorkommen unterzeichnet wurde, haben wir mehr Gas produziert und Raffinerien modernisiert als je zuvor", sagte der Minister. Auch seien mit Hilfe der Mehreinnahmen neue Industrieanlagen gebaut worden, unter anderem zur Herstellung von Flüssiggas. Heute liefere Bolivien 100 Prozent des in Paraguay konsumierten Flüssiggases und decke die Hälfte des Bedarfs in Peru ab.

Vertreter des Gewerkschaftsdachverbandes COB erinnerten ihrerseits an die Opfer des Nationalisierungsprozesses, dem heftige soziale Kämpfe und staatliche Repression vorausgegangen waren. "Wir müssen heute auch das Opfer dieser Märtyrer und Helden anerkennen und sollten ihrer gedenken", sagte COB-Chef Rodolfo Pérez. Vor allem in der Stadt El Alto hätten Bergbau-, Erdöl- und Fabrikarbeiter für den späteren Präsidenten Evo Morales gekämpft und damit seine Reformpolitik erst ermöglicht, so Pérez. Er erinnerte daran, dass Aktivistinnen und Aktivisten in El Alto 2003 den sogenannten Krieg um das Gas begonnen hatten, der sich gegen die geplante Privatisierung der Ressourcen unter Staatschef Gonzalo Sánchez de Lozada (2002-2003) richtete. Sánchez de Lozada wurde 2003 gestürzt, bei den Protesten kamen zahlreiche Menschen ums Leben.

Evo Morales übernahm im Januar 2006 das Präsidentenamt. Im Mai desselben Jahres verfügte er die Verstaatlichung der Energieressourcen und ließ Produktionsstätten von der Armee besetzen.

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