Soziale Bewegungen in Kolumbien setzen auf "Macht von unten"

Zur viertägigen Vollversammlung sozialer Bewegungen kamen 1.500 Delegierte. Extraktivismus und Privatisierungen werden als Hauptursache für Armut gesehen

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Das Logo der Asamblea in Bogotá
Das Logo der Asamblea in Bogotá

Bogotá. Als Antwort auf die massive Zuspitzung des Konflikts in Kolumbien rufen die sozialen Bewegungen zur Einheit auf und haben aus diesem Grund eine Vollversammlung unter dem Titel "Asamblea Legislativa Popular" durchgeführt. Daran nahmen neben vielen landesweit wichtigen Organisationen und linken Bewegungen auch kleinere lokale Gruppen teil, darunter die linken Plattformen Marcha Patriótica und Congreso de los Pueblos, das Wahlbündnis Colombia Humana von Gustavo Petro, die afrokolumbianische Bewegung PCN und der landesweite Zusammenschluss der Indigenen ONIC. Unter den 1.500 Delegierten waren auch Vertreter der Kokabauern, Studierenden, Arbeitslosen sowie der Behindertenbewegung und Schamanen aus den entlegenen Amazonasregionen.

Die Versammlung fand an vier Tagen in Bosa statt, einem der Armenviertel im Süden der Hauptstadt Bogotá. Die Organisatoren hatten dazu eingeladen, da sie die Lage im Land nach der Wahl des ultrarechten Präsidenten Iván Duque als äußert besorgniserregend einschätzen und alle linken und demokratischen Kräfte zusammenbringen wollen. Ziel der Zusammenkunft war insbesondere die Entwicklung einer neuen revolutionären Perspektive.

"Der Klassenkampf spitzt sich zu", sagte Organisatorin Alejandra Llano gegenüber amerika21. "Das auf Extraktivismus und Privatisierungen beruhende Wirtschaftsmodell befördert die Armut drastisch", so Llano. In der Einladung hieß es zudem: "Wir kritisieren die dominierenden Regime mit faschistischen Zügen und die konterrevolutionäre Interventionspolitik der USA in unserem Amerika, die systematisch die Menschenrechte verletzt und damit die sozialen und bewaffneten Konflikt verschärft."

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Die indigenen Selbstverteidigungsstrukturen tauschten sich mit anderen Sektoren der Gesellschaft aus
Die indigenen Selbstverteidigungsstrukturen tauschten sich mit anderen Sektoren der Gesellschaft aus

Zu Beginn der Versammlung gab es Grußworte von internationalen Gästen aus Palästina, Kurdistan, Europa und zwölf lateinamerikanischen Ländern sowie von linken Senatsmitgliedern und jeweils einer Delegation der Partei Farc und der Guerilla der ELN.

Die Teilnehmer aus allen Landesteilen tauschten in drei Tagen in Arbeitsgruppen Erfahrungen aus und einigten sich auf ein gemeinsames Vorgehen um die Probleme im Land zu lösen. In der Abschlusserklärung wurde der Aufbau der Macht "von unten", der "Volksmacht" (poder popular) beschlossen, um revolutionäre Veränderungen und einen Systemwechsel durchsetzen zu können. Diese Strategie beruft sich auf antikapitalistische, antiimperialistische, antipatriarchale, antikoloniale und antirassistische Grundwerte. Alle teilnehmenden Organisationen werden regionale, sektoriale und thematische Strukturen aufbauen und damit eigene Regierungen schaffen. Auch die Verteidigung der Strukturen wird selbst übernommen und dazu Schutzeinheiten ausgebildet. Die Asamblea Legislativa Popular lädt weitere Bewegungen ein sich anzuschließen und erklärte sich als ein offener Prozess der Selbstverwaltung und Autonomieregierung.

Zudem unterzeichneten alle Teilnehmenden einen offenen Brief an die Regierung von Präsident Duque, in dem sie den Schutz von Sprechern der sozialen Bewegungen fordern und die Regierung für die mehr als 120 allein im laufenden Jahr ermordeten Aktivisten verantwortlich macht. Auch die massive Kriminalisierung und Inhaftierung vieler ihrer Mitglieder wurde darin kritisiert und die sofortige Freilassung aller politischen Gefangenen gefordert. "Für den Beginn des Jahres 2019 bereiten wir außerdem einen großangelegten Sozialstreik vor", so Llano gegenüber amerika21. Tagelang soll es dann Proteste und Stilllegungen der Infrastrukturen geben.

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