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Machismus und Geld im Frauenfußball: Kolumbien stellt Profiliga ein

Spielerinnen kämpfen mit geringer Wertschätzung, Vorurteilen und schlechten Arbeitsbedingungen. Nun droht die Abschaffung der Profiliga

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International erfolgreich: Kolumbiens Frauenfußballerinnen
International erfolgreich: Kolumbiens Frauenfußballerinnen

Bogotá. 2017 war ein gutes Jahr für die kolumbianischen Fußballerinnen. Die U17-Mannschaft schlug sich bei der Weltmeisterschaft in Indien und bei der Südamerikameisterschaft gut und das Land initiierte eine Profiliga für Frauen, genannt Dimayor. Dank der finanziellen Hilfe der Fifa und des Fußballverbandes wurden alle Klubs mit Trainings- und Spielausrüstung ausgestattet. Sie kamen auch für die Unterkünfte von Spielerinnen und Trainerinnenstäben bei Auswärtsspielen auf und unterstützten sie bei Promotionsveranstaltungen für das Turnier.

Die Flugreisen der Teams wurden finanziert und die Siegerinnen mit Stipendien an Universitäten prämiert. Bei der Fifa hieß es: "Der kolumbianische Frauenfußball hat die Tür aufgestoßen. Jetzt wird sie niemand mehr schließen."

Anfang März schlug der Vizepräsident des nationalen Fußballverbandes, Álvaro González Alzate, diese Tür jedoch zu: "Wir werden uns den U15-, U17- und U20-Teams widmen, um die Zukunft des kolumbianischen Fußballs zu planen". Mit einem Seitenhieb auf die Spielerinnen des Nationalteams, die den Nationalverband öffentlich kritisiert hatten, fuhr er fort: "Wir möchten die Seite mit den über 25-Jährigen umblättern, um ein neues Kapitel zu starten". Die Frauenfußball-Liga werde nun keine Profiliga mehr sein.

Bereits 2016 hatten sich die Nationalspielerinnen in einem Brief an den Verband gewandt und die schlechten Bedingungen kritisiert. Eine Reaktion darauf gab es nicht.

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Die Profifußballerinnen Isabella Echeverry (links) und Melissa Ortiz klagen in ihrem Video über miserable Arbeitsbedingungen (Screenshot)
Die Profifußballerinnen Isabella Echeverry (links) und Melissa Ortiz klagen in ihrem Video über miserable Arbeitsbedingungen (Screenshot)

In diesem Jahr wandten sich zwei Spielerinnen, Melissa Ortiz und Isabella Echeverry, wieder an den Verband ‒ und mit einer Videobotschaft an die Öffentlichkeit, um Bewusstsein zu wecken und die Nationalmannschaft für zukünftige Generationen zu verbessern. "Wir fühlen uns bedroht. Sie zahlen uns nicht. Es gibt keine internationalen Flüge. Die Trikots sind alt und der Verband reglementiert, wie wir uns äußern," sagen sie und fügen hinzu: "Wir haben keine Angst mehr. Wir sind hier, um zu reden."

Sie sind nicht die einzigen, die die desolaten Bedingungen beklagen. Auch die Spielerinnen der U17 wandten sich an den Verband. Ihre Klage reicht weiter: Sexuelle Belästigung und Arbeitsverhinderung. Wieder keine Reaktion. Erst als die Klagen öffentlich wurden, kam Bewegung in die Angelegenheit ‒ sehr zu Ungunsten der Spielerinnen. Alzate, nutzte die Gelegenheit, dem professionellen Frauenfußball einen schweren Schlag zu versetzen. Er ist bekanntermaßen kein Freund des Frauenfußballs ist und weiß zudem viele Männer hinter sich, die dieses Geschäft dominieren.

Die Spielerinnen kämpfen gegen geringe Wertschätzung und Vorurteile, zum Beispiel dass der "Frauenfußball die Wiege des Lesbianismus". Dies vertritt sogar der Ex-Senator und Vereinsbesitzer von Deportes Tolima, Gabriel Camargo. Diese Vorurteile sind nicht auf Kolumbien beschränkt, sondern ein weltweites Problem.

Nirgends sonst ist der Gender- und Pay-Gap größer als im Profisport. Unter den 100 bestbezahlten Sportlern sind 99 Männer und eine Frau (die Tennisspielerin Serena Williams). In den Medien und in der Sportberichterstattung ist das Verhältnis ähnlich. Das Argument Alzates, dass die Sponsoren die Liga nicht weiter unterstützen, weil sie nicht profitabel ist, mag stimmen. Weltweit kämpfen professionelle Frauenligen selbst in so populären Sportarten wie Fußball mit der Rentabilität. Von den gigantischen Summen ihrer männlichen Pendants können sie nur träumen.

Vielen würde es schon reichen, wenn die arbeitsrechtlichen Grundbedingungen erfüllt wären. Dafür macht sich die argentinische Spielerin Macarena Sánchez stark. Sie reichte eine Arbeitsrechtklage gegen ihren Verein UAI Urquiza ein. Dafür erntete sie in den sozialen Medien einen Shitstorm bis hin zu Todesdrohungen. Dabei weist Sánchez nur auf die grundlegende Ungerechtigkeit hin: "Männliche Spieler haben bessere Gehälter, bessere Bedingungen und können als Fußballer, von dem leben, was sie verdienen. Wir können das leider nicht. Wir haben bessere Ergebnisse, mehr Meisterschaften und sogar mehr internationale Turniere gespielt, aber nur weil wir Frauen sind, sind wir unterlegen."

Ihr Klage zeigt Wirkung. Der argentinische Verband AFA verkündete Mitte März, dass den Spielerinnen zukünftig ein Gehalt gezahlt und die Frauenliga professionalisiert werden soll.

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