Kolumbien / Politik / Militär

Ungefähr 200.000 nicht identifizierte Tote liegen unter der Erde Kolumbiens

Richter der Sonderjustiz decken "komplexes System der Vertuschung" der Falsos Positivos-Morde auf. Angehörige beklagen Politik der Straflosigkeit

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Ausgrabungen im Friedhof Las Mercedes in Dabeiba, Antioquia
Ausgrabungen im Friedhof Las Mercedes in Dabeiba, Antioquia

Bogotá. Im Rahmen der Exhumierungen auf einem Friedhof, wo Gerichtsmediziner gerade an der Identifizierung von 50 Mordopfern des Militärs arbeiten, wurde bekannt, dass insgesamt 200.000 nicht identifizierte Leichen landesweit begraben worden sind. Die Information gab die Leiterin des nationalen Instituts für Gerichtsmedizin, Claudia García, bekannt. Darunter sind unter anderem die Leichname der sogenannten Falsos positivos sowie aller Art von Verschwundenen. Die als "Falsos positivos" bezeichnen die Morde an armen Zivilisten, die Soldaten als im Kampf gefallene Gegner präsentiert haben. Damit konnte die Armee "gute Resultate" im Kampf gegen den Terror" vortäuschen, die beteiligten Soldaten kassierten Prämien.

Aufgrund des mangelnden Budgets schafft es das Institut für Gerichtsmedizin bislangs nur, jährlich cirka ein Prozent der gesamten anonymen Leichen zu identifizieren. Man bräuchte demnach um die 100 Jahre für die ganze Arbeit. Die Toten liegen sowohl in legalen als auch in illegalen Ruhestätten, so García. Zu den legalen Friedhöfen gehört "Las Mercedes" im Landkreis Dabeiba im Departamento Antioquia. Dort hat die Sonderjustiz für den Frieden (JEP) vorletzte Woche die ersten Überreste von Opfern der "falsos positivos" ausgegraben, was im Land für großes Aufsehen gesorgt hat. Es gibt  landesweit mindestens 16 weitere Friedhöfe mit Opfern illegaler Hinrichtungen.

Auf Dabeiba kam die JEP dank Aussagen von Militärs. Der Kronzeuge in diesem Fall ist ein Soldat, dessen Name aus Sicherheitsgründen unbekannt bleibt. Er hat nach eigenen Angaben bei 20 illegalen Hinrichtungen mitgemacht, sagt aber, in Dabeiba sollen mindestens 75 Opfer begraben worden sein. Die JEP schätzt, dass es 50 sind. Laut dem Soldaten hatte er den Befehl, den Opfern – alles junge Männer – mit einem Maschinengewehr M60 in den Hinterkopf zu schießen. Die Munition sei "so groß wie Finger", so konnte man die Gesichter unkenntlich machen.

Ermordet wurden die Jugendlichen oft in Hochrisikogebieten, um den Zugang der Staatsanwaltschaft zu den Leichen zu erschweren. Dann lag es in der Hand des Militärs, selbst die Leichenschau vorzunehmen. Soldaten wurden darin trainiert, Obduktionsakten zu verfälschen. Die Scheinobduktion geschah in einem Nebenraum des Friedhofs. Die Militärs achteten auch darauf, dass die Löcher im Körper des Opfers mit denen der angezogenen falschen Uniformen zusammen passten oder dass die Schuhe am richtigen Fuß waren, damit alles glaubhaft aussieht.

Bei den bisherigen Untersuchungen der JEP konnten die Richter ein "komplexes System der Vertuschung" dieser Verbrechen aufdecken. Es gibt Indizien, dass die Überreste in Dabeiba umgebettet wurden.

Wie die Wochenzeitung Semana im Juni dieses Jahres berichtete, sind mindestens ein Dutzend der Angehörigen der Sicherheitskräfte, die mit der JEP kooperieren, mit Todesdrohungen gegen sich und ihre Familien konfrontiert. Zudem würden vom Militär abgehört und beschattet (Amerika21 berichtete).

Die Vorsitzende der Organisation von Opfern von Staatsterror (Movice), Adriana Arboleda, klagte, dass es bei den "falsos positivos" eine "Politik der Straflosigkeit" gab. Tatsächlich haben die Behörden die Anzeigen und Anprangerungen von Einheimischen und Menschenrechtlern zu Folterungen und Morden in der Region ignoriert. Besonders die Ökumenische Kommission für Gerechtigkeit und Frieden (CIJP) hatte während der zweiten Amtszeit von Ex-Präsident Álvaro Uribe (2006-2010) darauf aufmerksam gemacht, dass die Armee dort Frauen, Minderjährige und Farc-Deserteure zu militärischen Ziele erklärt hatte.

Die Zahl der "falsos positivos" ist umstritten. Laut Staatsanwaltschaft gab es zwischen 1988 und 2014 2.200 Opfer, 60 Prozent seien zwischen 2006 und 2008 ermordet worden. Ein Bericht des Ex-Polizisten Omar Rojas spricht von 10.000 Fällen zwischen 2002 und 2010, das heißt während der beiden Amtszeiten von Uribe, der als Mentor des aktuellen Präsidenten Iván Duque gilt.

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