Lateinamerika: Von der Corona- in die Wirtschaftskrise

Die Verwerfungen der Weltwirtschaft könnten die Region besonders hart treffen. Finanzanalysten rechnen mit einem Rückgang der Wirtschaftsleistung um 3,8 Prozent

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Finanzanalysten sprachen vergangene Woche von einem Rückgang des regionalen BIP um 3,8 Prozent
Finanzanalysten sprachen vergangene Woche von einem Rückgang des regionalen BIP um 3,8 Prozent

Brasília et al. Während im Kampf gegen das Coronavirus immer mehr Staaten strenge Beschränkungen der Bewegungsfreiheit anordnen, der globale Reiseverkehr zum Erliegen kommt und Handel und Investitionen einbrechen, versuchen Ökonomen, das Ausmaß der heraufziehenden Wirtschaftskrise abzuschätzen. Wenngleich die Fallzahlen von Covid-19 in den lateinamerikanischen Staaten verglichen mit Europa und den USA noch gering sind, könnte die globale Rezession den Kontinent besonders hart treffen.

Analysten von Goldman Sachs rechneten vergangene Woche mit einem Rückgang der regionalen Wirtschaftsleistung um 3,8 Prozent und korrigierten ihre bisherigen Schätzungen damit deutlich nach unten. Wie britische Wissenschaftler zudem errechneten, befinden sich unter den zehn am meisten von der Krise gefährdeten Schwellenländern sechs lateinamerikanische Staaten: Bolivien, Peru, Costa Rica, Uruguay, Chile und Brasilien.

Obwohl die Bevölkerung Lateinamerikas relativ jung ist – nur etwa acht Prozent sind älter als 65 Jahre und damit besonders durch Covid-19 gefährdet, in Europa sind es 18 Prozent –, könnten schwach aufgestellte und unterfinanzierte Gesundheitssysteme bei einer massenhaften Verbreitung des Virus zusammenbrechen. In Guatemala etwa kommen auf 1.000 Einwohner nur 0,6 Krankenhausbetten, in Kuba sind es 5,2. In den meisten Staaten des Kontinents liegt dieser Wert zwischen 1 und 2,5; in den USA bei 2,9, in Italien bei 3,4. Ähnlich sieht es bei der Ärztedichte aus: Mit der Ausnahme von Weltranglistenführer Kuba (8,19) kommen in der Regel auf 1.000 Lateinamerikaner einer bis drei Ärzte. Besonders prekär ist die Situation in Haiti (0,24). Hinzu kommen die hohen Ungleichheitsindikatoren in der Region und der ausgeprägte Klassencharakter vieler Gesundheitssysteme mit Privatkliniken auf Weltniveau für die Oberschicht und einer unterversorgten Mehrheit.

Ein Grund zur Sorge ist zudem die hohe Staatsverschuldung auf dem Kontinent: Die wirtschaftlichen Schwergewichte Brasilien und Argentinien weisen unter allen Schwellenländern mit 92 bzw. 93 Prozent des Bruttoinlandsprodukts die mit Abstand höchsten Schuldenstände auf. Beide Länder haben zudem hohe Haushaltsdefizite und sind besonders von den Kapitalabflüssen im Zuge der Krise betroffen.

Während die Finanzkrise 2008/09 Lateinamerika verhältnismäßig glimpflich traf, könnten die geringen fiskalischen Spielräume vieler lateinamerikanischer Staaten in der Post-Corona-Rezession für größere Verwerfungen sorgen. Finanzanalysten von Goldman Sachs sprachen vergangene Woche bereits von einem Rückgang des regionalen BIP um 3,8 Prozent, 2009 waren es 2,1 Prozent gewesen.

Erschwerend kommt hinzu, dass seit dem Ausbruch der Pandemie die meisten Rohstoffpreise stark gefallen sind: Der Preis für Rohöl, von dessen Export vor allem Venezuela, Kolumbien und Ecuador stark abhängig sind, ist in den vergangenen zwölf Monaten um 66 Prozent gesunken; aber auch die Preise für Gas (-44 Prozent) und Kupfer (-25 Prozent) sind im Keller, was vor allem in Bolivien und Chile für Probleme sorgen wird. Ein weiterer Krisensektor ist der fast völlig zum Erliegen gekommene Tourismus, der in vielen karibischen Staaten den wichtigsten Wirtschaftsfaktor darstellt.

55 Prozent der arbeitenden Bevölkerung der Region sind im informellen Sektor beschäftigt, die allermeisten werden nicht von sozialen Sicherungsnetzen aufgefangen. In Honduras etwa kam es ob der Ausgangsbeschränkungen, die für die große Mehrheit der Gesellschaft den völligen Wegfall ihres Einkommens bedeuten, bereits zu regelrechten Hungerrevolten und Plünderungen.

Vor dem Hintergrund dringend notwendiger Investitionen in öffentliche Gesundheit und die Stabilisierung der Wirtschaft forderten zuletzt linke Politiker und Ökonomen sowie soziale Bewegungen in Lateinamerika einen umfassenden Schuldenerlass. In die Kritik kam auch der Internationale Währungsfonds, der zwar einen milliardenschweren Notfallfonds auflegte, aber dem krisengeschüttelten Venezuela aus politischen Gründen einen Kredit verweigerte.

Die Rolle des IWF bei der Bekämpfung der Corona-Krise ist auch vor dem Hintergrund der in der Region verrufenen Strukturanpassungsmaßnahmen zu hinterfragen. Entsprechende Kürzungsauflagen führten etwa 2019 in Ecuador zur Entlassung von 2.500 Fachkräften im Gesundheitssektor. Nun, angesichts der Ausbreitung des Virus, hat der IWF dagegen alle Staaten angehalten, ihre Ausgaben für die Gesundheitsversorgung stark zu erhöhen.

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