Peru im Lockdown: Binnenmigranten kehren zu Fuß nach Hause zurück

Viele leben zeitweise in der Großstadt, um ihre Familien in der Provinz zu versorgen. Dreiviertel der Haushalte Perus durch Quarantäne ohne Einkommen

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Zehntausende Binnenmigranten haben sich zu Fuß auf den Weg nach Hause gemacht ‒ von Lima in das Andenhochland
Zehntausende Binnenmigranten haben sich zu Fuß auf den Weg nach Hause gemacht ‒ von Lima in das Andenhochland

Lima. In Peru sind Zehntausende Menschen auf dem Marsch nach Hause ‒ von der Küstenstadt Lima in das Andenhochland. Viele waren im Zuge der Quarantäne-Maßnahmen in der Hauptstadt gestrandet, als bereits am 15. März von einem auf den anderen Tag der Busverkehr zwischen den Provinzen eingestellt wurde.

Doch während die Regierung Touristen mit Sonderflügen und anschließender Hotel-Quarantäne aus dem Ausland nach Hause holte, erfuhren die Binnenmigranten kaum Unterstützung.

Ein Großteil von ihnen lebt zeitweise in der Großstadt, um mit den Einnahmen ihre Familien in der Provinz zu versorgen. Nun können sie weder arbeiten, noch auch einfachem Wege nach Hause zurückkehren. Einige wurden von ihren Vermietern einfach auf die Straße gesetzt.

"Bevor uns das Virus tötet, tötet uns der Hunger" – so beschreibt eine der Marschierenden den Ernst der Lage. Ihre geringen Ersparnisse habe sie aufgebraucht. In Gruppen machen sich die Menschen auf den Weg, um Hunderte Kilometer und Tausende Höhenmeter zu Fuß zu überwinden. Übernachten müssen sie im Freien. "Wir haben nichts mehr zu essen, deshalb kehren wir in unsere Dörfer zurück, wo wir wenigstens etwas haben", erklärt ein arbeitsloser Straßenverkäufer, der ebenfalls unterwegs ist. Doch die Polizei geht rabiat gegen die "Quarantänebrecher" vor und behindert die Heimkehrenden an der Weiterreise. Dennoch schaffen es immer wieder einige von ihnen, an den Polizeiblockaden vorbeizukommen.

Für Menschenrechtsanwalt José Saldaña ist die Situation klar: "Alles weist darauf hin, dass es sich bei diesen Menschen um Binnenflüchtlinge im Sinne des Völkerrechts handelt." Dementsprechend stehe der Staat rechtlich in der Verantwortung, sicheren Transport und Unterbringung zu gewährleisten – oder bereits von vornherein die Menschen vor Ort mit dem Nötigsten zu versorgen.

Infolge der massiven Kritik reagierte die peruanische Regierung nun vergangene Woche und kündigte die Finanzierung einer humanitären Rückholaktion an. Präsident Martín Vizcarra betonte, dass der Transfer der Heimkehrenden nur mit einer anschließenden Quarantäne-Unterbringung stattfinden könne. Zuvor hatten einige Regionalregierungen bereits im Alleingang vereinzelte Sonderbusse organisiert, jedoch ohne ausreichende sanitäre Schutzmaßnahmen. Derzeit werden Listen erstellt, um den Heimkehrwilligen doch noch einen sicheren Transport zu gewährleisten.

Was die Finanzierung der Privathaushalte betrifft, legte die Regierung durchaus mit überraschend progressiven Maßnahmen nach: Präsident Vizcarra erklärte am Donnerstag, der Staat werde während des Ausnahmezustands einen Bonus von umgerechnet 200 Euro an Dreiviertel aller peruanischen Haushalte zahlen – so viele verfügen derzeit aufgrund der Ausgangssperren über keinerlei Einnahmen. Die Maßnahme ging auf einen Vorstoß der Linkspartei Frente Amplio zurück, die ursprünglich 300 Euro gefordert hatte. Zuvor waren bereits Unterstützungszahlungen von 100 Euro an bedürftige Haushalte rausgegangen.

Auch an anderer Stelle beweist die sonst stramm wirtschaftsliberale Regierung einen pragmatischen Kurswechsel: Zumindest zeitweise soll eine zusätzliche Besteuerung insbesondere hoher Einkommen den Staatshaushalt in der Krise unterstützen. Auch eine temporäre Zusatzsteuer für ausgewählte Unternehmen in bestimmten Sektoren sei in Planung.

Die Pandemie könnte indes wichtige ökologische Transformationsprozesse voranbringen: Die Transportbehörde Limas plant, in den nächsten Monaten im Eilverfahren Hunderte Kilometer an Fahrradwegen zu bauen, um den chronisch überstrapazierten ÖPNV der Stadt zu entlasten. So soll ein "Abstandhalten" im Straßenverkehr gewährleistet werden.

Peru ist mit mehr als 20.000 Infizierten eines der Länder mit den meisten Corona-Fällen in Lateinamerika. Das liegt unter anderem an der hohen Zahl an Tests, die das Land bis jetzt durchgeführt hat. 525 Intensivbetten stehen für Covid-19-Patienten zur Verfügung. Die Zahl soll auf 600 aufgestockt werden. Doch bereits jetzt gibt es in einigen Regionen wie etwa der Amazonas-Provinz Loreto extreme Engpässe.

Bis mindestens zum 10. Mai wurde der Lockdown im ganzen Land verlängert.

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