Diskussion um Rassismus in Zentralamerika

tolerar_el_racismo_es_racismo.jpeg

Am 3. Juni beteiligten sich in Costa Rica über 1.000 Menschen an einem virtuellen Protestaktion unter dem Motto "Black Lives Matter"
Am 3. Juni beteiligten sich in Costa Rica über 1.000 Menschen an einem virtuellen Protestaktion unter dem Motto "Black Lives Matter"

San Salvador. Die Black Lives Matter-Proteste in den USA haben auf das Problem des alltäglichen Rassismus und verschiedene Formen von Diskriminierungen gegen schwarze Menschen wieder einmal aufmerksam gemacht. Nach dem Mord an dem Afroamerikaner George Floyd gingen auch in anderen Ländern zahlreiche Menschen auf die Straße. In Lateinamerika gab es Proteste, unter anderem in Panama, Kolumbien, Brasilien, El Salvador, Costa Rica, Nicaragua und Puerto Rico.

Das Zentralamerikanische Integrationssystem (Sistema de la Integración Centroamericana, SICA) veranstaltete am 10. Juni ein Webinar, um auf die Problematik des Rassismus gegen Afroamerikaner in der Region aufmerksam zu machen.

In Zentralamerika leben etwa zehn Millionen Menschen mit afrikanischen Vorfahren. In den einzelnen Staaten liegt der prozentuale Anteil dabei zwischen 26 Prozent in Belize, neun in Panama und 7,8 in Costa Rica, drei Prozent in Honduras, 2,8 in Nicaragua, 0,12 in El Salvador und 0,04 in Guatemala. 2,5 mal häufiger leiden Schwarze an chronischer Armut als Weiße und 82 Prozent leben in verarmten Gebieten der urbanen Zentren.

Harold Robinson, Regionaldirektor des Bevölkerungsfonds der Vereinten Nationen (UNFPA), machte im Webinar darauf aufmerksam, dass der Rassismus ein Erbe des Kolonialismus sei, der im Übergang zu den Republiken nie bearbeitet wurde. Die Sklaverei wurde zwar 1824 in den zentralamerikanischen Republiken abgeschafft, doch erlebten zum Beispiel in Costa Rica als Schwarze gelesene Menschen bis weit in das 20. Jahrhundert hinein institutionelle Diskriminierung, die sich unter anderem in unterschiedlichen Rechten und Bewegungseinschränkungen ausdrückte. Erst nach der Revolution in Costa Rica 1948 wurden allen Einwohnern gleiche Rechte zuerkannt.

Auch in anderen Staaten Zentralamerikas halten sich Vorurteile und Diskriminierungen. Die in der Kolonialzeit dominierende weiße Oberschicht herrscht weitgehend heute immer noch. Nur die Form der Herrschaft änderte sich. Nicht mehr die Herkunft ist entscheidend, sondern der Besitz. Damit bleiben aber die gleichen Gruppen an der Macht, da sie sich auf ein aus der Kolonialzeit stammendes Macht- und Besitzsystem stützen können. Großgrundbesitzer und Agrarproduzenten sowie einflussreiche Familien, die sich Industrie und Banken teilen, kontrollieren etwa den Staat Guatemala.

Schwarze werden als Sklaven angesehen, als "Untermenschen" (persona subhumana), die ausgebeutet werden können, so Juliet Hooker. Viele Diskriminierungen und Vorurteile seien mit der Geschichte der Sklaverei verbunden. Rassistische Sätze und Phrasen wie "trabajar como un negro para vivir como un blanco" (Arbeiten wie ein Neger, um zu leben wie ein Weißer), die im lateinamerikanischen Spanischen gebräuchlich sind, zeugen von der gesellschaftlichen Position die Schwarze Jahrhundertelang inne hatten und vielfach immer noch haben.

Mirtha Colón, Präsidentin der Organización Negra Centroamericana (Oneca), führte aus, dass viele Nicht-Schwarze gar nicht wüssten, dass sie Diskriminierungen von sich geben und dahingehende Hinweise empört zurückwiesen: „Ich bin kein Rassist“ oder „Ich weiß nicht was Rassismus sein soll“. Deswegen würden viele Betroffene eher schweigen, als darauf aufmerksam zu machen. Es brauche Anerkennung, Fortschritt und Gerechtigkeit, damit die rassistischen Diskriminierungen aufhörten und Zentralamerika zu einer Region werde, in der sich alle Einwohner zu Hause fühlen können. Damit dieses Ziel erreicht wird, arbeitet Oneca mit den Opfern von Menschenrechtsverletzungen zusammen, des Weiteren stehen sie im Dialog mit den jeweiligen Regierungen, um Verbesserungen zu erreichen.

Weitere Beispiele, die den tief verwurzelten Rassismus zeigen, sind der Sport und staatliche Institutionen.

Wie in Europa tritt auch auf den Fußballplätzen Zentralamerikas der Rassismus offen zutage. Ende letzten Jahres gab es in der guatemaltekischen ersten Liga den Vorfall, dass ein Linienrichter José Mitchell vom Klub Cobán Imperial im Spiel gegen Xelajú (Quetzaltenango) während eines Einwurfes als "mono" (Affe) bezeichnete und dazu Affengeräusche imitierte.

Der Autor Luis Pulido Ritter erklärte, dass der Rassismus in den Institutionen eine alltägliche Praxis sei, die diese selbst gar nicht wahrnehmen. Ein Beispiel seien Befragungen in Einwanderungsbehörden. Schwarze Klienten würden länger befragt als weiße. Durch die dunklere Haut würden Vorurteile "getriggert".

Die abwehrende Haltung in Bezug auf die Anerkennung der Diskriminierungen zeigen sich auch in der ausgebliebenen Ratifizierung der Interamerikanischen Konvention der Organisation Amerikanischer Staaten gegen Rassismus, rassistische Diskriminierungen und Intoleranz: Bis auf Costa Rica und Panama unterzeichnete kein zentralamerikanischer Staat diese Konvention.

Unterstützen Sie amerika21 mit einer Spende via Flattr