Ratlosigkeit und Entsetzen in Kolumbien nach weiteren Massakern

Antioquía, Cauca und Nariño am stärksten betroffen. Regierung reagiert mit Bildung einer Spezialeinheit

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Proteste in den Straßen von Popayán (Cauca) gegen die Massaker und gegen die Verletzungen der Menschenrechte durch die Regierung
Proteste in den Straßen von Popayán (Cauca) gegen die Massaker und gegen die Verletzungen der Menschenrechte durch die Regierung

Bogotá. Die Welle der Gewalt in Kolumbien geht auch in dieser Woche ungebrochen weiter: Am Dienstag wurde ein weiteres Massaker mit drei Toten aus dem Departamento Norte de Santander in der Grenzregion zu Venezuela gemeldet.

Wie das Institut für Entwicklung und Frieden (Indepaz) gegenüber amerika21 mitteilte, sind es mittlerweile bereits 48 Massaker, die seit Jahresbeginn in dem südamerikanischen Land verübt wurden. Dabei wurden bis zum 25. August 192 Personen getötet. Das Institut zählt in diesem Jahr außerdem bereits 196 ermordete soziale Anführer sowie 41 ehemalige Mitglieder der Farc-Guerilla, die trotz bzw. nach Niederlegung ihrer Waffen infolge des vereinbarten Friedensvertrags mit dem Staat ermordet wurden.

Allein zum Ende der vergangenen Woche wurden innerhalb von 48 Stunden 20 Personen, darunter zahlreiche Jugendliche, umgebracht. Diese Morde fanden in den Departamentos Cauca, Arauca, Nariño und Antioquía statt. So waren am Freitag, dem 21. August, in der Gemeinde Arauca, im Gebiet El Caracol, fünf Personen durch Schüsse getötet worden, wie die Ombudsstelle für Menschenrechte (Defensoría del Pueblo) mitteilte.

Am gleichen Tag, nur wenige Stunden später, wurden in Tambo, im Departamento Cauca, sechs Jugendliche ermordet. Sie wurden, nachdem sie offenbar zu einem Treffen zitiert wurden, von einer bewaffneten Gruppierung festgenommen und später mit Schnittwunden in der Kehle tot aufgefunden.

Ein weiteres Massaker fand am Samstag, den 22. August, in Tumaco, im Departamento Nariño statt. Die sechs getöteten Personen wurden im Sektor Guayacana aufgefunden. Der Gouverneur von Nariño, John Rojas, äußerte die Hoffnung, dass nun endlich entsprechende Maßnahmen und soziale Investitionen getroffen werden.

Am Sonntag, den 23. August, wurden in Venecia, im Departamento Antioquía, drei Jugendliche umgebracht, darunter eine minderjährige Person.

Weitere vier Massaker hatten sich bereits zwischen dem 11. und 18. August ereignet (amerika21 berichtete). Insgesamt wurden dabei 19 Jugendliche getötet. Diese Morde, so Beobachter, erinnerten an "soziale Säuberungen", die während des langjährigen bewaffneten Konflikts in Kolumbien, vornehmlich durch Paramilitärs, durchgeführt wurden.

Diese aktuelle Mordwelle hat nicht nur auf die unmittelbar betroffenen Familien schwerwiegende Auswirkungen, auch die Dorf- oder Quartiergemeinschaften leiden unter den Tragödien. Im Zusammenhang mit dem Massaker an fünf Jugendlichen in der Favela Llano Verde in Cali vom 11. August erklärte die Aktivistin Erlendy Cuerdo: "Die Kinder sind nicht von einer Mutter oder von einem Vater, sie sind von der Gemeinschaft."

Als Reaktion der Regierung hat Verteidigungsminister Carlos Holmes Trujillo García in Arauca die Schaffung einer neuen Instanz angekündigt: die Spezialeinheit für Identifikation, Lokalisierung und juristische Verfolgung der Täter von kollektiven Morden (Unidad Especial de Identificación, Ubicación y Judicialización de perpetradores de homicidios colectivos). Holmes Trujillo versicherte, dass hinter den Vorkommnissen der letzten Tagen die Drogenmafia stünde. Deshalb sei es wichtig, die Besprühungen der illegalen Drogenpflanzen wieder aufzunehmen. Weiter führte er aus, dass die illegalen Anpflanzungen und der Drogenhandel der wichtigste Feind des Friedens in Kolumbien seien.

Für viele Analysten sind die Äußerungen der Regierung zu den Massakern nicht zufriedenstellend: "Wir wollen, dass sie uns sagen, was passiert ist, und nicht was sie glauben, was passiert sei", so Alejandro Jiménez, von der Forschungseinrichtung Dejusticia.

Präsident Iván Duque legte bei einem Besuch in der Stadt Pasto seine Sicht der Dinge dar: "Viele Leute haben gesagt: Die Massaker kamen zurück". Dies seien seiner Meinung nach jedoch "kollektive Morde". Und diese seien nicht zurückgekommen, sondern leider nie verschwunden, so Duque.

Familienangehörige der Opfer kritisierten die Ausführungen Duques scharf: "Dies war ein Massaker, dies war kein kollektiver Mord. Dies war ein Massaker, was sie an unseren Kindern anrichteten", so ein betroffener Vater.

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