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Kolumbien: US-Behörde an Täuschungsmanöver gegen Friedensunterzeichner beteiligt

DEA-Agenten gaben sich als Drogenhändler aus, um Santrich Falle zu stellen. Kokain im fingierten Drogendeal kam von Justizbehörde, nicht von Farc

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DEA-Agenten waren an einer verdeckten Operation gegen die Jesús Santrich und Iván Márquez beteiligt
DEA-Agenten waren an einer verdeckten Operation gegen die Jesús Santrich und Iván Márquez beteiligt

Bogotá. Die Drogenbehörde der USA (DEA) und die kolumbianische Staatsanwaltschaft haben zwischen 2017 und 2018 an einer verdeckten Operation gegen die Ex-Friedensdelegierten der Farc, Jesús Santrich und Iván Márquez, gearbeitet. Ziel war, den zwei Ex-Kommandanten Drogenhandel anzulasten und auf diese Weise die Umsetzung des Friedensprozesses zu belasten. Dies geht aus einer Enthüllung der Zeitung El Espectador hervor.

Ihre Recherchen basieren auf 24.000 Mitschnitten von abgehörten Gesprächen, die die Staatsanwaltschaft im Rahmen von Ermittlungen gegen Santrich gesammelt, aber der zuständigen Sonderjustiz für den Frieden (Jurisdiccion Especial para la Paz, JEP) vorenthalten hat. Die Anklagebehörde ließ der JEP nur zwölf Mitschnitte zukommen. Die ersten Ergebnisse der Analyse des Audiomaterials widersprechen der offiziellen Version der DEA und der Staatsanwaltschaft über die Beteiligung von Santrich an einem Plan, wonach zehn Tonnen Kokain im Wert von 15 Millionen US-Dollar in Kooperation mit dem Sinaloa-Kartell in die USA geliefert werden sollten.

Diese Anschuldigung hatte zur Festnahme des Ex-Guerilleros im April 2018 geführt. Nachdem die Staatsanwaltschaft den Kampf um die Auslieferung von Santrich gegen die Übergangsjustiz JEP und dann gegen den Obersten Strafgerichtshof wegen Mangels an Beweisen verlor, wurde Santrich im Mai 2019 freigelassen. Der Prozess gegen ihn lief jedoch weiter. Der Ex-Kommandant prangerte damals den Bluff der DEA und der Staatsanwaltschaft an. Einen Monat später folgte er Iván Márquez in den Untergrund. Zusammen gründeten sie die neue Guerilla-Struktur "Segunda Marquetalia".

Die Recherchen von El Espectador zeigen zwei verdeckte DEA-Agenten, die sich als mexikanische Drogenhändler des Sinaloa-Kartells ausgegeben haben, um zwei Ex-Rebellen mit Drogenexporten in die USA in Verbindung zu bringen. Ihre Kontaktperson war Marlon Marín, ein Neffe von Iván Márquez, der aber nie zur Farc-Guerilla gehörte und eine kriminelle Vergangenheit hat. Er und zwei weitere Drogenhändler sind parallel zu Santrich festgenommen worden. Marín ist in die USA ausgeflogen und in das Zeugenschutzprogramm aufgenommen worden.

In keinem Mitschnitt ist ein Gespräch zwischen Santrich und den vermeintlichen Drogenhändlern aus Mexiko zu hören, obwohl diese Marín eindringlich und wiederholt um ein Telefonat mit ihm und Márquez baten. In den von El Espectador bislang veröffentlichten Mitschnitten tauchen nur Marín, seine zwei Komplizen und die Mexikaner auf. Man hört, dass sie mittels Codes über das Drogengeschäft reden. Dabei erwähnen sie zwar auch Márquez und Santrich durch die Verwendung von Codes, sie selbst sprechen aber nie mit den Mexikanern in den Aufzeichnungen.

Es gibt ein Video von sieben Minuten, das im Mai 2019 in die Medien gelangte und als Hauptbeweis gegen Santrich galt. Darin erscheinen er selbst, Marín und zwei Personen mit mexikanischem Akzent. Sie sprechen über ein Geschäft mit Tausenden Hektar Ländereien. Die Presse hat es als kodifizierte Sprache für Kilos von Kokain interpretiert. Santrich sagte, er habe geglaubt, er spreche mit Unterstützern von Ökolandwirtschaftsprojekten.

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Als Zeuge der DEA sagte Marín, er habe im November 2017 dem Kartell von Sinaloa fünf Kilo Kokain überreicht, die Santrich besorgt hätte. El Espectador konnte aber anhand von Dokumenten der Staatsanwaltschaft feststellen, dass das Kokain nicht Santrich, sondern der Justizbehörde selbst gehörte. Es handelte sich um eine kontrollierte Übergabe von Kokain, die legal und üblich bei Nachverfolgung von Drogendeals ist.

Kurioserweise hatte der damalige Staatsanwalt und offene Gegner der JEP, Néstor Humberto Martínez, in einem Interview im Mai 2019 selbst von einer "legalen kontrollierten Übergabe von fünf Kilo Kokain an Drogenhändler" gesprochen. Vergangene Woche wollte er sich aber nicht mehr daran erinnern und bestritt, eine solche Übergabe genehmigt zu haben.

Zur offiziellen Version der kolumbianischen und US-Behörden gehört ebenso, dass Santrich fünf Millionen US-Dollar an einen "Geldwäscher" in Miami übergeben habe. Dieser Mann wurde im Februar 2018 festgenommen, kurz nachdem er fünf Millionen falsche Dollar von verdeckten DEA-Agenten bekommen hatte. Die Audios, die El Espectador veröffentlichte, enthüllen, dass das Geld nicht von der Farc, sondern aus einer Quelle in den USA stammt.

Laut einem Informanten von El Espectador, der bei der Staatsanwaltschaft arbeitet, gehörte zum Plan von Marín und den zwei Mexikanern, Márquez zu einem Lager mit Kokain zu bringen, um ihn dort festnehmen zu lassen. Márquez wurde auch abgehört, aber die Mitschnitte sind verschwunden. Der Oberstaatsanwalt Martínez hat allerdings bestritten, dass er den Ex-Kommandanten abhören ließ.

Die Festnahme von Santrich im April 2018 wegen angeblichen Drogenhandels und die anschließende einjährige Debatte über seine Auslieferung an die USA hat die Umsetzung des Friedensvertrags zum Schwanken gebracht. Gegner:innen des Friedensprozesses erklärten Santrich und Márquez von vornerein für schuldig und führten eine Hetzkampagne gegen die Sonderjustiz für den Frieden, weil sie die Auslieferung des Ex-Kommandanten wegen mangelnder Beweise verweigerte. Prominent bei den Angriffen gegen die JEP waren Präsident Iván Duque, Ex-Präsident Álvaro Uribe und der damalige Oberstaatsanwalt Néstor Humberto Martínez.

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