Umweltskandal: In Argentinien sind 850 Chlorgasbehälter verschwunden

Verdacht auf Korruption. Ermittlungen gegen Ölkonzern sollen bewusst verschleppt worden sein. NGO befürchtet massive Umweltschäden

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"Umweltnotstand": Seit Jahren gibt es Warnungen vor hochgefährlichen Stoffen auf dem ehemaligen Werksgelände von Bermúdez
"Umweltnotstand": Seit Jahren gibt es Warnungen vor hochgefährlichen Stoffen auf dem ehemaligen Werksgelände von Bermúdez

Rosario. Die Staatsanwaltschaft der argentinischen Provinz Santa Fe hat die Ermittlungen gegen den ehemaligen Erdölkonzern Bermúdez in Capitán Bermúdez, einer Kleinstadt am Ufer des Flusses Paraná, wieder aufgenommen. Im Dezember 2020 hatte die Nichtregierungsorganisation Taller Ecologista in einem Bericht das frühere Werksgelände als "tickende Zeitbombe" bezeichnet und die lokalen Behörden zu schnellen Maßnahmen aufgefordert, um die Gesundheit der Bevölkerung und die Umwelt zu bewahren.

Auf dem Gelände seien von 1.000 Behältern Chlorgas 850 verschwunden. Jeder dieser Behälter enthalte rund eine Tonne eines hochgradig giftigen Gases, das während des Ersten Weltkriegs auch als chemischer Kampfstoff genutzt wurde. Möglicherweise, so berichtet La Nación mit Bezug auf Expert:innen, könne das Gas in den Fluss Paraná geworfen oder vergraben worden sein.

Schon im Jahr 2017 sei ein Ingenieur bei einer Prüfung zu dem Schluss gekommen, dass im Fall Bermúdez sofort gehandelt werden müsse, um Gefahren, die von "verschiedenen gefährlichen chemischen Bestandteilen" auf dem Werksgelände für die Bevölkerung ausgehen, einzudämmen.

Unter dem Namen Electroclor war das Werk 1946 eröffnet worden. Anteilseigner war damals unter anderem die Papierfabrik Celulosa Argentina. Electroclor verarbeitete die Chlorreste aus der Papierproduktion. 1993 wurde die Fabrik geschlossen, 1998 durch eine Unternehmensgruppe von Sergio Taselli aufgekauft und in "Petroquímica Bermúdez" umbenannt. 2013 war das Werk endgültig geschlossen worden und das Umweltministerium in Santa Fe hatte den Eigentümer mit Blick auf die giftigen Überbleibsel zu einer sicheren Schließung aufgefordert. Taselli, einer der erfolgreichsten Geschäftsmänner Argentiniens und Profiteur der Privatisierungswelle unter Präsident Carlos Menem in den 1990er Jahren, blieb untätig.

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Als die staatlichen Ermittlungen sich in den Jahren ab 2016 konsequenter auf die Verantwortung Tasellis richteten und voranschritten, so zitiert La Nación Gerichtsquellen, habe es seitens der Staatsanwaltschaft Bemühungen gegeben, den Fall als erledigt einzuordnen.

Der ehemalige Chef der Staatsanwaltschaft in Rosario, Patricio Serjal, soll Bestechungsgelder von mehr als 180.000 US-Dollar angenommen haben, berichtet La Nación unter Bezug auf entsprechende Quellen weiter. Staatsanwalt Luis Schiappa Pietra hat das Verfahren gegen Serjal und Taselli sowie gegen Tasellis Bruder Máximo nun wiederaufgenommen. Serjal befindet sich wegen eines weiteren Korruptionsfalls seit August 2020 in Haft.

Die Nichtregierungsorganisation Taller Ecologista hatte die Behörden bereits seit fünf Jahren auf die Umstände rund um den Abbau des Erdölkonzerns hingewiesen. "Wir haben herausgefunden, dass in der Nacht Lastwagen auf das Werksgelände ein- und wieder ausfuhren. Das heißt, die erste Vermutung war, dass sie die Chlorbomben wegschafften", sagte Cecilia Bianco von Taller Ecologista.

In den Grundwasserschichten unterhalb des ehemaligen Werksgeländes wurde inzwischen nicht nur Chlorgas gefunden, sondern auch weitere hochtoxische Stoffe wie Chloroform, Benzol, Quecksilber und Lindan, eine als Insektizid wirkende Substanz, die auch dort produziert wurde. Die Bewohner:innen in der Umgebung des Geländes befürchten nun, dass das hochtoxische Stoffgemisch auch ihr Grundwasser verseucht haben könnte.

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