Brasilien erlebt den schlimmsten Zeitpunkt der Pandemie

Neue Rekorde bei Totenzahlen. Krankenhäuser sind am Limit. Impfungen reichen nicht aus. Bolsonaro tauscht Gesundheitsminister aus

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Knapp fünf Prozent der Brasilianer:innen sind bislang geimpft worden
Knapp fünf Prozent der Brasilianer:innen sind bislang geimpft worden

São Paulo. Schon zum neunzehnten Mal in Folge hat Brasilien einen neuen Tagesrekord an Corona-Toten zu beklagen. Gestern wurden 3.149 Tote und 99.634 Neuinfizierte innerhalb von 24 Stunden gemeldet. Die Gesamtzahl der mit oder an dem Virus Verstorbenen seit Beginn der Pandemie steigt damit auf circa 284.775.

Viele Krankenhäuser haben kaum noch Intensivbetten zur Verfügung. Immer mehr Menschen versterben deshalb unbehandelt. Nun folgt ein weiteres Problem: Aus Mangel an Impfstoffen für die erste Dosis mussten inzwischen fünf große Städte den Impfprozess wieder einstellen. Knapp fünf Prozent der Brasilianer:innen sind bislang geimpft worden.

Etwas Hoffnung auf Besserung bereitet diese Woche die Ernennung des Arztes Marcelo Queiroga zum neuen Gesundheitsminister. Der Kardiologe soll innerhalb der kommenden zwei Wochen das Amt vollständig übernehmen. Queiroga ist damit der vierte Gesundheitsministier seit Beginn der Pandemie. Er ersetzt General Eduardo Pazuello, der seit Mai 2020 im Amt war und aufgrund seines Umgangs mit der Pandemie immer wieder stark kritisiert wurde. Pazuello lehnte einen strikten Lockdown mehrmals ab und muss sich derzeit für die fehlende Sauerstoffversorgung der Krankenhäuser im Amazonas verantworten.

Mit Queiroga ist jetzt ein Arzt im Amt, der sich für die Wissenschaft ausspricht, auf dem Tragen von Masken besteht und auffordert, die Bevölkerung gut zu informieren. Dies lässt hoffen, dass er einen positiven Einfluss auf den amtierenden Präsidenten Jair Bolsonaro haben könnte, der sich in den vergangenen Monaten den Handlungsempfehlungen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) widersetzte. Statt Maske zu tragen und den Kontakt zu anderen Menschen zu reduzieren, hielt Bolsonaro Reden in großen Menschenansammlungen ohne Maske. Ob Queiroga das Land aus der Krise führen wird, ist ungewiss. Denn auch er sprach sich bisher gegen einen strikten Lockdown aus.

Auch die Ärztin Ludhmila Hajjar wurde für das Amt vorgeschlagen. Diese lehnte jedoch ab, weil ihre Qualifikation und ihre Einstellung zur Pandemie nicht mit der Regierungshaltung kompatibel sei, sagte sie. Hajjar fordert mehr Impfungen und setzt sich für einen strikten Lockdown ein. Sie äußerte mehrfach Kritik am bisherigen Umgang mit der Pandemie.

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Ihr amerika21-Team

Eine klare Strategie zur Bekämpfung des Virus lässt sich noch nicht erkennen. Jedoch halten kleine Gruppen dem entgegen. Die staatliche Universität von Mato Grosso (UFMT) hat ein Projekt ins Leben gerufen, welches aktuelle Informationen zur Pandemie in verschiedene indigene Sprachen übersetzt und verteilt. So wollen die Mitwirkenden Indigene schneller und besser informieren und FakeNews aus der Welt schaffen. Damit leisten sie einen aktiven Beitrag am Schutz der indigenen Bevölkerung, welche auf verschiedene Weise vom Virus betroffen ist.

Laut Angaben des "Nationalen Komitees für Leben und Erinnerung der Indigenen" sind bisher knapp 1.000 Indigene an Corona verstorben und insgesamt 163 indigene Völker betroffen. Staatlichen Schutz gibt es kaum. So kritisierte das Komitee bereits mehrfach, dass die offizielle Statistik nicht vollständig sei. Laut offiziellen Zahlen sind bisher 601 Indigene am Virus verstorben.

Die Differenz der Zahlen hat zwei Gründe: Zum einen wurde zu Beginn der Pandemie nicht erfasst, ob die Erkrankten Indigene waren oder nicht. Zum anderen zählen in der offizielle Statistik nur Indigene, die in Dörfern und nicht in Städten wohnen. Das Komitee hingegen sammelt nicht nur Informationen über die Herkunft und das Geschlecht der Personen, sondern auch über das jeweilige Territorium, die Stadt oder den betreffenden Bundesstaat, in dem die Person lebte.

Mit jeder indigenen Person, die stirbt, stirb auch ein Teil der Kultur. So sind nicht nur die Indigenen selbst gefährdet, sondern auch "ihre Erinnerungen an Sprachen, Rituale und Wissen", sagt die Ärtzin Ana Lucía Pontes von der Stiftung Oswaldo Cruz (Fiocruz).

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