Kolumbien zelebriert Friedenswoche während massiver Repression

Spannungen nehmen seit dem Wochenende vor allem in Cali wieder zu. Noch immer Hunderte Verschwundene seit Beginn der Proteste

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Diese Szenen am Montag erinnerten an die Blockaden der letzten Monate
Diese Szenen am Montag erinnerten an die Blockaden der letzten Monate

Cali. Während der offiziellen Eröffnungsfeiern der Friedenswoche am vergangenen Sonntag in Kolumbien kam es in Cali zu Auseinandersetzungen zwischen Protestierenden und der Polizei. Seit der Auflösung der Straßenblockaden im Rahmen des landesweiten Protests wurden Zusagen weder seitens der lokalen Regierungen noch der Landesregierung eingelöst.

Die Spannungen kulminierten nun am 5. und 6. September in erneuten Krawallen. Protestierende besetzen weiterhin landesweit einige Polizeistationen und andere leerstehende Gebäude. Die Polizei versuchte am Montag unter Einsatz von Tränengas die Besetzer:innen eines Nachbarschaftstreffs zu vertreiben.

Die vor allem jugendlichen Demonstrierenden vor Ort begründen ihre Besetzung damit, dass in Cali zahlreiche Personen außergerichtlich verhaftet wurden und viele weiterhin als verschwunden gelten. Die Stadtverwaltung hingegen erklärte, Cali befinde sich weiterhin in Alarmbereitschaft, um neue Blockaden zu verhindern.

Vom 5. bis 12. September feiert Kolumbien die Friedenswoche mit Veranstaltungen und Events, darunter Konferenzen, Konzerte und religiöse Feiern. Jedoch lässt die massive Repressionswelle gegen die politische Opposition wenig Hoffnung auf Frieden zu. Seit den landesweiten Protesten in den letzten Monaten ist Kolumbien wieder weitgehend militarisiert, Polizei und Militär kontrollieren Landstraßen, Autobahnen und in vielen Vierteln der großen Städte zentrale Kreuzungen und patrouillieren durch Wohngebiete. Laut der NGO Temblores werden weiterhin 346 Personen vermisst. Allein vom 28. April bis 31. Mai seien 1.649 willkürliche Verhaftungen registriert worden.

Der Senator Gustavo Petro vertritt die Ansicht, dass die im Rahmen der Proteste Festgenommenen politische Gefangene sind. Auf Twitter forderte er Menschenrechtsorganisationen dazu auf, die 165 jungen Menschen aus der Primera Línea zu verteidigen. Die meisten Inhaftierungen finden in Bogotá, Cali, Soacha, Pasto und Rionegro statt.

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Außerdem wurden landesweit hunderte Hausdurchsuchungen bei vermutlichen Protestierenden der Primera Línea durchgeführt.

Zudem häufen sich Meldungen über illegale Zwangsrekrutierungen seitens der kolumbianischen Streitkräfte in eben den Vierteln, in denen Jugendliche besonders aktiv im Protest waren oder immer noch sind. Besonders betroffen sind Bogotá, Cali und Ibagué. Laut Beschwerden sperren Soldaten Busstationen und öffentliche Plätze ab und nehmen alle Männer unter 21 Jahren mit, vorgeblich um ihre Militärausweise zu überprüfen. Wer bisher keinen Dienst geleistet hat wird bis zu fünf Tage ohne Kontakt zur Außenwelt in einer Militärbasis festgehalten und dann zum Dienst verpflichtet.

Laut Rechtsanwalt Salvador Gutiérrez in RCN dürfen die Sicherheitskräfte "unter keinen Umständen Verhaftungen vornehmen". In Kolumbien ist der Militärdienst allerdings Pflicht für Männer, es gibt wenige Ausnahmen dem Dienst zu entgehen, darunter Bestechung. Aber alle Männer, also auch Ausgemusterte oder Freigekaufte, bekommen einen Militärausweis.

In dem südamerikanischen Land wird seit 1987 jedes Jahr im September die Friedenswoche gefeiert. Anlass ist der landesweite Tag der Menschenrechte am 9. September, auch als Tag des San Pedro Claver bekannt.

Der Schutzheilige Kolumbiens war ein spanischer Jesuitenpriester (1580 - 1654), der sich für die Rechte von versklavten Menschen einsetzte und als Patron der Menschenrechte gilt. Dieses Jahr liegt der Fokus auf den letzten Protesten und dem von vielen Beobachter:innen als "gescheitert" beschriebenen Friedensabkommen mit der Farc-Guerilla.

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