Argentinien / Wirtschaft

Dieselmangel in Argentinien gefährdet Ernte und führt zu LKW-Streiks

Seit Wochen fehlt in Argentinien der Treibstoff für den Transport und die Ernte. Nun setzen weitreichende Streiks die Regierung unter Druck

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Die Entwicklung der Treibstoffpreise von Januar 2017 bis Mai 2022
Die Entwicklung der Treibstoffpreise von Januar 2017 bis Mai 2022

Buenos Aires. Zahlreiche LKW-Fahrer:innen in Argentinien streiken seit über einer Woche gegen die Folgen von Dieselmangel und steigenden Treibstoffpreisen. In der Provinz Buenos Aires stauten sich die LKWs teilweise kilometerlang auf den Autobahnen. Gestern Dienstag versuchte eine LKW-Kolonne den zentralen Obelisken der argentinischen Hauptstadt zu erreichen, wurde aber von der Polizei abgehalten. Der Präsident des Transportverbunds FADEEAC Roberto Guarnieri beklagte, dass LKWs teilweise nur 50 Liter tanken können, obwohl sie über 500 Liter für eine Volltankung benötigten: "Für jeden weiteren Liter werden überhöhte Preise verlangt."

Über den Hafen von Rosario werden in Argentinien in den Wintermonaten Juni und Juli eigentlich tausende Tonnen Soja und Mais in alle Welt verschifft. Doch am vergangenen Freitag, dem vierten Tag der Streiks, erreichten den Hafen bis zu 80 Prozent weniger LKWs als noch im Vorjahr, zitiert die Nachrichtenseite Infobae die Marktbeobachtung von Agroentregas.

Das Problem: In Argentinien gab es zuletzt eine Rekord-Nachfrage nach Diesel. Die Nachfrage ist in der Erntezeit grundsätzlich hoch, doch in diesem Jahr kam zusätzlich in den Grenzregionen die Nachfrage zahlreicher LKWs mit ausländischem Kennzeichen dazu. Diesel kostet in Argentinien mit etwa einem halben US-Dollar pro Liter (nach dem Schwarzmarktkurs) deutlich weniger als in Nachbarländern wie Chile. Den Unterschied wollten Transportunternehmen ausnutzen und so bildeten sich lange Schlangen vor den Tankstellen in Grenzregionen wie Mendoza. Die Regierung reagierte und verdoppelte den Preis für LKWs mit ausländischem Kennzeichen.

Doch der akute Dieselmangel hat die Preise in Argentinien längst nach oben getrieben. Inzwischen wurden in manchen Provinzen Preise von 250 bis 300 Pesos pro Liter verlangt, das sind etwas mehr als zwei US-Dollar nach dem offiziellen Wechselkurs. Einzig in der Provinz Feuerland ist Diesel noch problemlos verfügbar.

Der staatliche Ölkonzern YPF kündigte an, im Juni, Juli und August insgesamt zehn Schiffsladungen Treibstoff zu importieren, um der Nachfrage gerecht zu werden. Die ersten beiden sollen noch in dieser Woche ankommen. In der Regel werden nur 15 bis 20 Prozent der Dieselnachfrage durch Importe gedeckt, inzwischen ist es deutlich mehr. Die argentinische Regierung befürchtet, über Importe zu hohen Weltmarktpreisen wertvolle Devisen zu verlieren. Sie hatte vergangene Woche bereits eine Regelung angepasst, um den Anteil von Biodiesel am Dieselkraftstoff anzuheben.

Am vergangenen Samstag erklärte der argentinische Transportminister Alexis Guerrera, man arbeite mit dem Ölkonzern YPF zusammen, um den Konflikt in den nächsten 15 bis 20 Tagen zu lösen. Diesel werde nun einen Anteil von bis zu 12,5 Prozent Biodiesel haben. Einen Tag zuvor hatte der Energieminister Darío Martínez die Verantwortung für die Streiks und Straßensperrungen durch LKW-Fahrer:innen seinem Kollegen Guerrera zugeschoben. Teile des Agrarsektors fordern nun seinen Rücktritt.

Vom Dieselmangel ist vor allem die Ernte von Soja, Mais und Zuckerrohr betroffen. Tausende Tonnen Zitronen warten im Norden Argentiniens noch auf den Abtransport. In Corrientes schätzt die Vereinigung der Zitrusproduzent:innen von Bella Vista die Verluste auf rund 25.000 Tonnen Zitronen. Auch die Weizenaussaat ist gefährdet, nicht nur aufgrund des Dieselmangels, sondern auch durch die anhaltende Trockenheit. Seit einem Monat hat es in den Weizenzentren des Landes nicht geregnet, also im Süden der Provinz Santa Fe, im Südosten von Córdoba und im Norden von Buenos Aires. Es sei das erste Mal in 14 Jahren, dass aufgrund von Trockenheit nicht weiter ausgesät werden konnte, heißt es in einem Bericht der Handelsbörse von Rosario. Bisher wurde etwa die Hälfte der Flächen besät. Es könnten in diesem Jahr 300.000 Hektar weniger werden als erwartet.

Anfang Mai hatte die argentinische Regierung den ersten gentechnisch veränderten Weizen HB4 zugelassen, der gegenüber Trockenheit widerstandsfähiger sein soll. Die Variante HB4 wurde am Montag auch in den USA von der Behörde für Lebens- und Arzneimittel zugelassen, begleitet von lauter Kritik seitens Wissenschaftler:innen und von durch Pestizid-Sprühflüge geschädigten Gemeinden (amerika21 berichtete).

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