Massaker im Schatten der Hoffnung in Kolumbien

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Diese vier jungen Menschen und eine weitere Person wurden in Cali brutal ermordet
Diese vier jungen Menschen und eine weitere Person wurden in Cali brutal ermordet

Cali. Seit der Amtsübernahme der linken Regierung von Gustavo Petro und Francia Márquez vor drei Monaten am 7. August hat sich in Kolumbien viel verändert. Es herrscht vor allem spürbar Hoffnung. Doch inmitten der Aufbruchstimmung nimmt die Gewalt erschreckende Ausmaße an.

Letzte Woche sind in Cali fünf Personen brutal massakriert worden. In dem Viertel Siloé der südkolumbianischen Metropole patrouillieren nachts schwerbewaffnete, vermummte Männer. In der Nacht des 4. August schossen sie gegen 2 Uhr auf eine Gruppe von jungen Menschen, die vor ihrer Haustür saßen und feierten. Vier von ihnen starben noch vor Ort, durchlöchert von Projektilen, eine weitere Person erlag kurz darauf ihren Verletzungen. Vier der Opfer sind bislang namentlich bekannt, es sind Carlos Andrés Jiménez, Arley Sánchez, Víctor Alfonso Castro Cabezas und Esteban David Vásquez.

In Siloé organisiert sich die Bevölkerung zurzeit in einem Tribunal, um die Menschenrechtsverbrechen des Staates und der Regierung unter Ex-Präsident Iván Duque aufzuarbeiten.

Wenige Tage zuvor wurden zwei zerteilte Körper an einem Bachlauf südlich der Stadt gefunden. Beide Frauen stammten aus Cali und waren getötet und dann aus der Stadt gebracht worden. Zudem gab es bereits mehrere Morde an Beteiligten der Proteste im letzten Jahr.

Diese Gewalttaten werden von Beobachtern als Teil einer politischen "Strategie der Unsicherheit" angesehen, die eine massive Bedrohung für die Menschen vor allem in den marginalisierten Regionen des Landes bedeutet. Es handelt sich um Gewalt aufgrund sozialer Intoleranz, häufig auch offen "soziale Säuberung" genannt.

Seit Wochen wurden Pamphlete gesichtet, die von der paramilitärischen Gruppe Autodefensas Gaitanistas de Colombia (AGC) unterzeichnet sind und ankündigen, Menschen zu ermorden, die sich nach Sonnenuntergang auf der Straße befinden. In Cali tauchen zudem zahllose Schmierereien an Hauswänden auf, die auf die Präsenz dieser bewaffneten Gruppen aufmerksam machen wollen.

Die gezielten Morde an sozial schwachen Personen werden den paramilitärischen Gruppen zugeordnet, die dadurch Kontrolle in den Städten und ländlichen Räumen ausüben, Terror säen und die Mobilität der Menschen einschränken.

Die staatlichen Institutionen reagierten bisher vor allem mit massiver Militarisierung der Tatorte, was allerdings unter der Bevölkerung teilweise eher zu mehr Angst als zu mehr Sicherheit führt.

Es wird spekuliert, inwiefern die Gewalttaten Reaktionen auf die Politik der Regierung von Petro und Márquez sind.

In den Monaten seit der Amtsübernahme nahm die Beteiligung von Menschen an Dialogen und Räumen der Partizipation immer mehr zu. Die "Politik des vollkommenen Friedens", der Beginn der Friedensverhandlungen und der Waffenstillstand mit mehreren am Konflikt beteiligten Gruppen haben zuletzt viel Zuspruch erhalten. Unter der Oberfläche allerdings brodelt es in Kreisen der politischen Rechten und der wirtschaftlichen Elite. Analysten befürchten, dass sich die korrupten Strukturen nicht ohne massive Gegenwehr die Macht abnehmen lassen wollen.

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