Landkonflikte in Brasilien auf Höchststand

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Landkonflikte haben 2023 einen neuen Höchststand in Brasilien erreicht
Landkonflikte haben 2023 einen neuen Höchststand in Brasilien erreicht

Brasilia. Der Bericht der Comissão Pastoral da Terra (CPT) (dt. Pastorale Landkommission) weist ein Rekordhoch an Landkonflikten auf. Im vergangenen Jahr wurden insgesamt 2.203 Konflikte registriert, die das Leben von 950.847 Menschen betrafen – 2022 waren es noch 2.050 Konflikten mit 923.556 Betroffenen gewesen.

Die umkämpfte Landfläche hingegen ist zum Vorjahr um 26,8 Prozent von 81.243.217 Hektar auf 59.442.784 Hektar gesunken. Die meisten Streitfälle lassen sich im Nordosten und Norden Brasiliens mit 810 und 655 Konflikten verorten.

Der Bericht zeigt auf, dass der Zugang zu Land, im Mittelpunkt der Auseinandersetzungen steht. 2023 wurden 1.724 solcher Streitfälle verzeichnet, was 78,2 Prozent der erfassten Konflikte entspricht. Andere Probleme sind Zugang zu Wasser und Fälle von Sklavenarbeit. 

Fast jeder zehnte Streitfall ist ein Wasserkonflikt gewesen. Die Hauptakteur:innen der Gewalt – in diesen, aber auch anderen Fällen – sind vor allem Landwirt:innen, (lokale) Regierungen, Geschäftsleute, Wasserkraftwerke oder Bergbauunternehmen. Hauptbetroffene wiederum sind traditionelle Völker wie Indigene (24,4 Prozent), Fischer:innen (21,8 Prozent), Flussbewohner:innen (13,3 Prozent), Quilombolas (Nachfahren afrikanischer Sklaven) (12,4 Prozent) und Siedler:innen (8,4 Prozent).

Die CPT registrierte 251 Fälle von Sklavenarbeit in ländlichen Gebieten. Im letzten Jahr wurden 2.663 Menschen aus diesen illegalen Arbeitsverhältnissen befreit. Auch hier handelt es sich um den höchsten Stand in den letzten zehn Jahren.

Ebenfalls auf historischem Höchststand sind die verzeichneten Auftragsmorde im Zusammenhang von Landkonflikten. 64 Fälle dieser Art von Gewalt wurden dokumentiert. Das entspricht einer Steigerung von mehr als 45 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Die tatsächlichen Morde beliefen sich auf 31 Fälle, darunter 14 Indigene, neun landlose Arbeiter:innen, vier Landbesetzer:innen, drei in Quilombola-Gemeinden Getötete und ein Beamter.

Im Bericht bemängelt die CPT unter anderem auch die Rolle des Staates. Die Organisation kritisiert die Stagnierung bei der Agrarreform und der Demarkierung von indigenem Land. Ronilson Costa, Exekutivkoordinator des CPT, appelliert an die jetzige Regierung, ein Maßnahmenpaket für den ländlichen Raum zu schnüren, das über die Verteilung von Land hinausgehe.

Des Weiteren bewertet der Bericht die Konfliktschlichtung von Seiten des Staats als negativ und unzureichend. "Von dem Moment an, in dem der brasilianische Staat nicht mehr als Vermittler von Konflikten auftritt, was seit 2016 oder sogar schon etwas früher der Fall ist, hinterlässt er ein Vakuum", sagte Costa. Die staatliche Abwesenheit biete so einen Raum für Akteur:innen, die zum Beispiel indigene Völker aus zurückeroberten Gebieten vertreiben würden, aber auch Landraub ermögliche.

Die CPT-Koordinatorin Andréia Silvério ergänzt, dass sich die Zunahme der Landkonflikte unter der Regierung von Ex-Präsident Jair Bolsonaro (2019-2022) verschärft habe, der "einen bereits bestehenden Hass" von Großgrundbesitzer:innen gegen traditionelle Völker oder Landlose geschürt hätte.

Costa zufolge sei die Agrarindustrie ein Treiber der Landkonflikte in Brasilien. Hinzu komme ihre politische und ideologische Verbindung zur extremen Rechten, welche die Expansion der Agrarindustrie schütze und fördere. Die bereits spürbaren Folgen seien nicht nur ein ökologisches, sondern auch ein soziales Ungleichgewicht, das zu Armut und Gewalt auf dem Land führe.

Die Organisation CPT wurde 1975 in Zeiten der Militärdiktatur von der brasilianischen Katholischen Kirche gegründet. Sie engagiert sich bis heute auf politischer Ebene für eine Landreform und für die Rechte von Landarbeiter:innen. Unter anderem leistet CPT juristische Unterstützung für Kleinbäuer:innen bei Landkonflikten.