Washington/Caracas. Nach der Entführung des venezolanischen Präsidenten Nicolás Maduro aus Caracas durch das US-Militär, hat das US-Justizministerium einen der Hauptanklagepunkte fallen gelassen, der die Grundlage für den Prozess gegen ihn in den USA darstellte. Bereits am Tag nach der Entführung nahm das Justizministerium die von Vertretern der Trump-Regierung wiederholt angeführte Beschuldigung, Maduro sei der Kopf des Drogenkartells "Cartel de los Soles" (Kartell der Sonnen), zurück. Wie die New York Times berichtete, wurde dieser Punkt aus der Anklage gestrichen, das "Cartel de los Soles" nicht mehr als eine existiernde Organisation bezeichnet. Stattdessen heißt es in der überarbeiteten Anklageschrift, dass es sich um ein "Patronagesystem" und eine "Kultur der Korruption" handele, die durch Drogengelder angeheizt würden.
US-Militärs hatten Maduro am 3. Januar im Zuge eines Militärschlags aus Venezuela entführt. Dabei wurden venezolanischen Angaben zufolge mindestens 100 Menschen getötet, darunter mindestens drei Zivilisten.
Obwohl damit die weitere Einstufung des angeblichen Kartells als ausländische Terrororganisation unter Maduros Führung überholt ist, bestand US-Außenminister Marco Rubio in einem NBC-Fernsehinterview weiter auf diesem Terminus für eine der kriminellen transnationalen Banden und auf dem Zusammenhang mit dem venezolanischen Präsidenten.
Wie Phil Gunson, ein in Venezuela lebender leitender Analyst der NGO International Crisis Group, bereits im November klarstellte, ist "Cartel de los Soles" eine Bezeichnung, die von venezolanischen Journalisten erfunden wurde. "So etwas wie eine Vorstandssitzung des 'Cartel de los Soles' gibt es nicht. Ein solches Gebilde existiert nicht. Die Organisation existiert in dieser Form schlicht nicht", sagte Gunson gegenüber der New York Times.
Der Begriff "Cartel de los Soles" existiert bereits seit Mitte der 1990er Jahre, also lange vor der Amtszeit von Hugo Chávez, dem Vorgänger von Maduro. Es handelt sich dabei um einen ironischen Ausdruck für hohe Militärs, die sich von Drogengeld korrumpieren liessen. Er spielt spöttisch auf die Sonnen‑Insignien an, die venezolanische Generäle - ähnlich wie in den USA die Sterne - zur Kennzeichnung ihres Dienstgrades tragen.
Die jetzt zurückgezogene Anschuldigung geht zurück auf die vom Justizministerium der USA während der ersten Amtszeit von Donald Trump 2020 ausgearbeitete Anklageschrift einer Grand Jury. Im Juli 2025 wurde diese dann vom US-Haushaltsministerium genutzt, um das angebliche "Cartel de los Soles" als "Specially Designated Global Terrorist" – also als global terrorverdächtige Organisation einzustufen, weil es "materielle Unterstützung für ausländische Terrororganisationen geleistet hat, die die Sicherheit und den Frieden der Vereinigten Staaten bedrohen". Im November wies Trumps Sicherheitsberater und Außenminister Rubio sein Ministerium an, das Gleiche zu tun.
Weder der jährliche Bericht der US-Drogenbehörde DEA noch der jährliche Welt-Drogen-Report des UN-Büros für Drogen und Kriminalität erwähnen dieses Kartell. Die angebliche kriminelle Organisation wird in der alten Anklageschrift hingegen 32 Mal erwähnt. Auch die venezolanische Regierung erklärte mit Nachdruck immer wieder, dass diese Organisation nicht existiere und lediglich ein "Narrativ der USA" sei, ohne ihre Existenz belegen zu können. Es gäbe zwar lose unabhängige Zellen von Militärs, die in den Drogenhandel verwickelt seien, sagte Feremy McDermott, Mitbegründer des Sicherheits- und Kriminalitäts-Denkfabrik "Insight Crime", im November gegenüber CNN Español. Diese unterlägen jedoch keiner hierarchischen oder ideologischen Organisation.
Auch der Vorwurf Trumps, dass Maduro die transnationale kriminelle Organisation "Tren de Aragua" mit Ursprung in venezolanischen Gefängnissen systematisch dazu benutzt habe, Kokain in die USA zu schmuggeln, wird kaum zu belegen sein. Zwar sind dessen Mitglieder unter anderem in Drogen- und Menschenhandel verwickelt, große Drogenlieferungen in die USA unter direkter Kontrolle der venezolanischen Regierung sind aber nach Analyse von Insight Crime in keinem Fall nachweisbar.
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McDermott stellt klar, dass in Venezuela selbst kein Kokain produziert wird. 84 Prozent des im Land sichergestellten Kokains kommt aus Kolumbien, deren Hauptschmuggelrouten gehen über Peru und Bolivien. Entgegen der CIA oder der NSA wolle nur das FBI einen Zusammenhang zwischen der venezolanischen Regierung und Tren de Aragua erkennen. Größtenteils gehen US-Sicherheitskreise jedoch eher davon aus, dass die Regierung in Caracas und die Organisation Tren de Aragua "Gegner" sind, auch wenn einige korrupte Offizielle Verbindungen zu Gangmitgliedern hätten.
Bereits der 2013 verstorbene Präsident Hugo Chávez Frías hatte 2005 in seiner Sendung "Aló Presidente" die Absichten der Vereinigten Staaten prophezeit, das Land zu destabilisieren und eine militärische Intervention zu rechtfertigen. Jemand habe ihn damals gewarnt: "Sie werden am Ende auch dich des Drogenhandels beschuldigen, dich direkt, Chávez". Dies würde dann jede Maßnahme gegen einen als Drogenhändler gebrandmarkten Präsidenten rechtfertigen.
Da sich die Vorwürfe der Anführerschaft einer ausländischen Terrororganisation vor Gericht wohl nicht hätten beweisen lassen können, wie unter anderem Elisabeth Dickinson, stellvertretende Direktorin für Lateinamerika bei der International Crisis Group, vermutet, wurde dieser Anklagepunkt nun abgeschwächt.
Die Organisation wird jetzt nicht mehr als eigenständige Struktur, sondern als Teil eines "Systems des Klientelismus" beschrieben. In der neuen Anklage wird das Cartel de los Soles nur noch zwei Mal erwähnt und dies nur im Kontext eines Netzwerks von Beamten und Militärs, die von den Erlösen aus dem Drogenhandel profitiert haben sollen. Gegen Maduro werden weiterhin Anschuldigungen wegen Drogenhandels aufrechterhalten, doch nicht mehr, dass er persönlich ein funktionierendes Drogenkartell leite oder dieses formal organisiert habe.
Ungeachtet dessen bestehen die Vorwürfe des Drogenhandels fort. Sie umfassen die Verschwörung zur Einfuhr von Kokain aus Venezuela über die Karibik und Zentralamerika. Hinzu kommt der Vorwurf des sogenannten Narcoterrorismus, der sich auf polizeiliche Absicherung und logistische Unterstützung beim Transport der Drogen von Kolumbien in die USA bezieht. Darüber hinaus soll der Beschuldigte während seiner Amtszeit als Außenminister zwischen 2006 und 2008 diplomatische Pässe für bekannte Drogenkriminelle beschafft haben. Weitere Anklagepunkte betreffen den Besitz von Maschinengewehren und Sprengsätzen sowie die Verschwörung zu deren Besitz.
Neben Maduro ist seine ebenfalls entführte Frau Cilia Flores angeklagt, mit ihm zwischen 2004 und 2015 große Mengen von beschlagnahmtem Kokain geschmuggelt und mehrere 100.000 US-Dollar Schmiergelder angenommen zu haben. Sie sollen verantwortlich für Entführungen, Gewalt und Ermordung gegenüber denen sein, die ihnen Geld aus dem Drogenhandel schuldeten oder in sonst irgendeiner Form ihren Drogenschmuggel beeinträchtigten.
Maduro erklärte sich bereits in einer ersten Anhörung nicht schuldig. Er sei der verfassungsmäßige Präsident Venezuelas und aufgrund seiner Entführung ein Kriegsgefangener. Verteidigt werden Maduro und seine Frau vom Anwalt Barry Pollock, der bereits Wikileaks-Gründer Julian Assange juristisch vertreten hatte. In Abwesenheit sind der Sohn des Ehepaars, Nicolás Ernesto Maduro Guerra und der Anführer des Tren de Aragua, Hector Rusthenford Guerrero Flores, alias "Niño Guerrero", der oben genannten Vorwürfe angeklagt. Der nächste Gerichtstermin ist für den 17. März angesetzt.


