San Salvador. In El Salvador sind seit der Verhängung des Ausnahmezustands im März 2022 im Kampf gegen Banden über 90.000 Menschen verhaftet worden. Viele waren Hauptverdiener ihrer Familien, die durch die Inhaftierung tiefer in Armut geraten. Auch ihre Kinder nehmen nicht nur materiellen, sondern auch emotionalen Schaden.
Die Familien vieler der betroffenen Kinder waren bereits vor der Verhaftung des Elternteils nicht mehr vollständig, wenn zum Beispiel ein Elternteil in den USA arbeitet, um den Lebensunterhalt der Familie zu sichern, wegen Trennung des Ehepaars oder aufgrund eines Todesfalles. Die Kinder sind dann plötzlich allein und müssen in die Obhut von Großeltern oder anderen Verwandten gegeben werden. Von einem 11-jährigen Jungen berichtet die Zeitschrift El Faro, der 2025 nach der Verhaftung seiner Eltern von den Behörden zwei Wochen lang in der Psychiatrie mit schwer kranken Erwachsenen eingesperrt wurde.
In der Regel leben die Verwandten, die plötzlich alleinstehende Kinder aufnehmen, selbst in wirtschaftlich schwierigen Situationen. Diese verschärfen sich noch durch die Versorgung der Kinder. Dazu kommt die Verpflichtung der Angehörigen, monatlich ein Versorgungspaket mit Lebens- und Hygieneartikeln im Wert von rund 100 US-Dollar für die Inhaftierten am Gefängnis abzugeben. Dabei wissen sie häufig nicht, ob sie das Paket überhaupt erreicht, und sie müssen die Fahrtkosten für die Hin- und Rückfahrt zum Gefängnis bezahlen. Viele der Kinder verlassen nach Angaben der Menschenrechtsorganisation Cristosal die Schule, um zu arbeiten und so wenigstens ein bisschen zum Einkommen beizutragen. Für viele sind schulische und berufliche Ausbildungen unrealistisch geworden.
Aber auch emotional leiden diese Kinder unter der Abwesenheit ihrer Eltern und Bezugspersonen. Zudem werden sie von anderen stigmatisiert und diffamiert, weil Vater oder Mutter in Haft sind. "Es tut mir weh, wenn sie mir sagen, ich solle wissen, dass er ein Marero (Gangmitglied) ist (…). Es gibt immer Leute, die mir das sagen und mir erzählen, mein Vater sei ein Krimineller", berichtet ein Mädchen der AFP. "Mein Vater ist aber unschuldig", sagt sie.
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Cristosal schätzt die Zahl der aufgrund der Verhaftungen vernachlässigten Kinder unter 15 Jahren auf rund 62.000. Viele der Verhafteten lebten insbesondere in marginalisierten Wohngegenden. Es sind Menschen, die zum falschen Zeitpunkt am falschen Ort waren. Menschenrechtsorganisationen sprechen von Tausenden willkürlich Verhafteter ohne Haftbefehl und ohne Beweis für eine Straftat.
Im Juli 2025 verabschiedete die Interamerikanische Menschenrechtskommission (IACHR) die Resolution "Die Rechte von Familienangehörigen und Menschen mit persönlichen Verbindungen zu Personen, denen die Freiheit entzogen wurde". Sie forderte die Regierungen auf, deren Rechte zu schützen. Es war das erste Mal, dass die Rechte von Familienangehörigen von Inhaftierten in das Amerikanische Menschenrechtssystem übernommen wurden.
Demgegenüber beklagt Cristosal in El Salvador einen Mangel an staatlicher Fürsorge für diese Minderjährigen, die eine "stille Krise" verkörpern. Die "Auswirkungen werden in den kommenden Jahrzehnten zu spüren sein", warnt sie. Conapina, der staatliche Rat für Kinder und Heranwachsende, macht die Eltern selbst für das Elend der Kinder verantwortlich, weil sie Bandenmitglieder seien.
Die Gefangenen leiden unter unmenschlichen Haftbedingungen und unter der Verletzung ihrer grundlegenden Rechte auf ein faires Verfahren innerhalb einer angemessenen Zeit. Folter und Misshandlungen sowie die Verweigerung medizinischer Behandlung in Haft führten zu inzwischen mehr als 470 Sterbefällen in Haft. Diese wurden von der Menschenrechtsorganisation Socorro Jurídico Humanitario dokumentiert, wobei die Dunkelziffer nicht bekannt ist, da den Gefangenen jeglicher Kontakt zur Familie verweigert wird. Cristosal versichert indes, dass zwischen 2022 und 2024 fast 180 Minderjährige den Tod ihres Vaters oder ihrer Mutter erlitten haben, während diese inhaftiert waren.


