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10.07.2014 Kolumbien / Politik

"Das kolumbianische Volk hat für die politische Lösung des bewaffneten Konflikts gestimmt"

Interview mit FARC-Kommandant Pablo Catatumbo, Delegierter bei den Friedensgesprächen in Havanna, über das Ergebnis der Präsidentschaftswahl in Kolumbien
Pablo Catatumbo,  Mitglied des Sekretariats der FARC-EP und einer der Delegierten bei den Friedensgesprächen in Havanna

Pablo Catatumbo, Mitglied des Sekretariats der FARC-EP und einer der Delegierten bei den Friedensgesprächen in Havanna

Zum ersten Mal hat einer der Verhandlungsführer der FARC in Havanna darüber gesprochen, was die Guerilla nach der Wiederwahl von Santos denkt. Pablo Catatumbo, Mitglied des Sekretariats der FARC und einer der Bevollmächtigten der Guerilla beim Dialog von Havanna, spricht zum ersten Mal, nachdem Kolumbien Präsident Juan Manuel Santos wiedergewählt hat.

Er betont, das Land habe für den Frieden gestimmt und dass diese Unterstützung eine Verpflichtung für die Gesprächsparteien ist. Auch besteht er darauf, dass es ein Mandat für strukturelle Veränderungen gab, die das Land braucht, um den Schritt in Richtung Versöhnung zu gehen. Pablo Catatumbo sieht das Problem von Kolumbien darin, dass seine Regierenden die Gewalt und Ungleichheit nicht lösen konnten. Die bekannt gewordene Vereinbarung bezüglich der Opfer sei eine Anerkennung all derer, die den Schmerz dieses seit 50 Jahren anhaltenden Konflikts tragen.

Dies ist das Gespräch mit Pablo Catatumbo. Das Interview erschien am 21. Juni 2014 in der zweitgrößten kolumbianischen Tageszeitung El Espectador.


Was ist ihre Lesart des Wahlprozesses, der letzten Sonntag abgeschlossen wurde?

Es war ein Prozess, in dem sich weiterhin traditionelle Phänomene wie die hohe Wahlenthaltung, die Abwesenheit von Programmen, Korruption und Stimmenkauf gezeigt haben. Bei den Mitbürgern, die gewählt haben, überwog der Wunsch, ein Land in Frieden zu erreichen, aber einen Frieden mit Veränderungen und mit sozialer Gerechtigkeit, über das Urteil hinaus, was die beiden Kandidaten bekommen haben. Das kolumbianische Volk hat für die politische Lösung des bewaffneten Konflikts gestimmt, was sich als zentraler Punkt der Wahldebatte gegenüber den anderen politisch-sozialen Aspekten Kolumbiens durchgesetzt hatte.

Der Präsident wertete es ein Mandat für den Frieden. Sehen Sie das auch so?

Was gewinnt, ist die Sehnsucht der Menschen nach Frieden – einem umfassenden Frieden mit Veränderungen und sozialer Gerechtigkeit – nicht die persönliche Vision, die Juan Manuel Santos haben mag. Entsprechend gibt es einen starken und berechtigten Ruf im Volk nach Beteiligung am Friedensdialog, um sich Gehör zu verschaffen und damit seine Forderungen erfüllt werden.

Das ist positiv, denn die Zunahme der öffentlichen Debatte und der sozialen Mobilisierung sind immer gute Zeichen für eine Gesellschaft, die sich hin zum Frieden und zur Veränderung bewegt. Die Herausforderung besteht für die Regierung: Wenn sie auf ihrer einseitigen, gegen das Volk gerichteten und unbeweglichen Haltungen beharrt, werden die öffentliche Meinung und die sozialen Organisationen sie das sehr teuer bezahlen lassen.

Der Staatschef sagte auch, dass das Ergebnis an den Urnen eine Verpflichtung für die Guerillas einschließe, den Frieden zu erreichen ...

Es beinhaltet eine Verpflichtung für alle Beteiligten am Dialog, das ist eindeutig. Aber nicht in der Art, wie das Establishment es versucht darzustellen, die etwa darauf rausläuft, dass die nationalen Mehrheiten der Guerilla ihre Selbstzerstörung befohlen hätten. Nein, das ist es nicht.

Das Mandat der Nation ist es, einen Frieden mit sozialer Gerechtigkeit zu schaffen, der qualitativ anders als alles ist, was das aktuelle undemokratische und ungerechte politische Regime darstellt und der die bereits besiegte reaktionäre und kriegerische Option hinter sich lässt, das heißt, die militaristische Option der extremen uribistischen Rechten 1. Letztlich gibt es eine klare Botschaft an Santos: Grenzen sie Sich von allem ab, was Uribe repräsentiert und entscheiden Sie sich für soziale Gerechtigkeit und den Wandel.

Verpflichtet Sie die Tatsache, dass die Linke sich zur Verteidigung des Friedensprozess mobilisiert hat, indem sie Santos unterstützte?

Sie verpflichtet Santos, dass er die Augen hin zu einem anderen politischen Spektrum öffnen und erkennen muss, dass der Frieden nicht aus technokratischen Schachzügen hervorgeht, sondern aus einem echten Engagement für die Veränderungen in der Struktur des Landes. Die Nationen scheitern, wenn sie die Probleme der Gesellschaft nicht lösen.

Und das große Problem der kolumbianischen Nation, ebenso wie das große Versagen all jener, die das Schicksal unseres Landes geführt haben, besteht darin, dass sie nicht fähig waren, die Gewalt und Ungleichheit zu lösen, die sich in den vergangenen 60 Jahren immer stärker ausgeprägt hat. Das ist die Herausforderung, vor der wir stehen.

Welche Reichweite hat die Vereinbarung der Grundsätze über die Diskussion zum Thema der Opfer?

Es ist eine erste Anerkennung beider Parteien für die Tausenden von Menschen, die den Schmerz und das Leid ihrer Familienangehörigen tragen, sowie der menschlichen Gemeinschaften, die tief von dieser langen Auseinandersetzung betroffen sind. Wir könnten zusammenfassend sagen, es ist ein erster Schritt zur Versöhnung.

Die Opfer anzuerkennen, beinhaltet auch anzunehmen, dass Strafverfahren gegen Sie stattfinden?

Es beinhaltet, verantwortungsvoll unsere Verpflichtung für das Wohl der Menschen und die Erreichung des Friedens zu erfüllen. Unsere Position zur Frage der Opfer steht im Einklang mit unseren Grundsätzen: es gibt nichts revolutionäreres als die Wahrheit; aber die echte, kontextualisierte und vollständige Wahrheit, ohne die Schwarzmalerei und Verzerrung, wie sie Personen und Institutionen präsentiert haben, denen es nicht passt, dass die ganze Wahrheit bekannt wird und wie es die Mainstream-Medien manipulieren wollen. Diese Verantwortung übernehmen wir vollständig.

Wie sehen Sie es, dass der Sondierungsprozess mit der ELN öffentlicht gemacht wurde?

Wir haben immer gesagt, dass wir die Arbeit der ELN-Genossen begrüßen und wir hoffen, dass sie Erfolg hat.

Sollten die Guerillas gemeinsam zum Ende des Konflikts kommen?

Das revolutionäre Lager – bewaffnet oder nicht – muss in der Einheit auf die Verwirklichung seiner Ziele zugehen: das Wohl und das gute Leben der Bedürftigsten. Wenn dies mit friedlichen Mitteln möglich ist, umso besser.

Sind Sie dazu bereit, dass die ELN sich an einem gewissen Punkt dem Dialog in Havanna anschließt?

Dazu kann ich gar nichts sagen, da beide Prozesse vertrauliche Komponenten haben.

In den letzten Wochen des Wahlkamopfes hat die Beteiligung der Streitkräfte zur Unterstützung der Kampagne von Zuluaga2große Wellen geschlagen. War dies ein Beweis ihrer fehlende Bereitschaft zum Frieden?

Es offenbart, dass innerhalb des Offizierskorps starke militaristische Sektoren weiterbestehen, die gestärkt und beinflusst vom faschistischen Denken sind, das Uribe repräsentiert. Sie sind es, die die Suche nach einer politischen Lösung des Konflikts abgelehnt haben und sich ihr widersetzen, wobei sie ihre persönlichen Interessen über die der Nation stellen.

Aber diese Option ist nach und nach von der nationalen Meinung besiegt worden, die sich dem Frieden zuneigt. Ein Frieden ist nicht möglich mit Streitkräften, die von Feinden des Friedens geleitet werden. Es ist zum Beispiel der Gipfel, dass sich in der Zentrale von Acore 3 Neonazi-Gruppen treffen - davon gibt es Fotos - , die öffentliche Veranstaltungen zu Gunsten des Faschismus durchführen, emblematische Wandmalereien zum Gedenken an die Opfer zerstören und von Regierungsseite sagt niemand etwas dazu.

  • 1. Álvaro Uribe war 2002 – 2010 Präsident Kolumbiens, vertritt extrem rechte Positionen und ist scharfer Kritiker der Friedensverhandlungen
  • 2. Der Unternehmer Óscar Iván Zuluaga war Gegenkandidat von Santos bei den Präsidentschaftswahlen. Er hatte angekündigt, die Gespräche mit den FARC abzubrechen und sie militärisch besiegen zu wollen. Damit folgt er seinem Mentor und größten Unterstützer, Álvaro Uribe. Im ersten Wahlgang lag Zuluaga mit 29,3 Prozent der Stimmen vorn, Santos erhielt 25,7 Prozent
  • 3. Asociación Colombiana de Oficiales en Retiro de las Fuerzas Militares - Vereinigung der Militärs Kolumbiens im Ruhestand
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