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"Google spioniert und gibt die Informationen der US-Regierung"

Ignacio Ramonet sprach mit Wikileaks-Gründer Juliane Assange über sein neues Buch, globale Überwachung, Googles informelle Außenpolitik und die so genannte Zivilgesellschaft
Juliane Assange und Ignacio Ramonet in der ecuadorianischen Botschaft in London am 24. Oktober 2014

Juliane Assange und Ignacio Ramonet in der ecuadorianischen Botschaft in London am 24. Oktober 2014

Quelle: Ignacio Ramonet
Lizenz: © Ignacio Ramonet

Seit dreißig Monaten lebt Julian Assange nun in London. Assange, Vorreiter im Kampf um Informationsfreiheit, ist in den Räumen der Botschaft von Ecuador untergebracht. Dieses lateinamerikanische Land hatte den Mut, dem Gründer von Wikileaks diplomatisches Asyl zu gewähren, als dieser von der Regierung der USA und mehreren ihrer Verbündeten, u.a. Großbritannien, Schweden, verfolgt und bedrängt wurde.

Das einzige Verbrechen von Julian Assange besteht darin, dass er die Wahrheit gesagt und via Wikileaks neben anderen Enthüllungen die unheilvolle und verborgene Realität über die Kriege im Irak, in Afghanistan und die Machenschaften und Intrigen der US-Diplomatie veröffentlichte. Ebenso wie Edward Snowden, Chelsea Manning und Glenn Greenwald ist Julian Asssange Teil einer neuen Gruppe von Dissidenten. Diese werden derzeit gesucht, verfolgt und bedrängt, weil sie die Wahrheit aufdecken. Und sie werden nicht etwa von autoritären Regimen verfolgt, sondern von Staaten, die vorgeben "vorbildliche Demokratien" zu sein.

In seinem neuen Buch "When Google Met Wikileaks"1 geht Julian Assange in seinen wie immer hervorragend belegten Enthüllungen noch deutlich weiter. Das Buch ist Teil eines langen, im Juni 2011 geführten Gesprächs zwischen Juliane Assange und Eric Schmidt, dem geschäftsführenden Präsidenten von Google.

Letzterer wollte den Gründer von Wikileaks für ein Essay über die Zukunft der digitalen Ära befragen, das er gerade vorbereitete. Als das Buch "The New Digital Era" 2013 erschien, stellte Assange fest, dass seine Erklärungen falsch wiedergegeben worden waren und dass die von Schmidt verbreiteten Thesen mittelmäßig abgehoben, wenn nicht größenwahnsinnig waren. Das neue Buch des Gründers von Wikileaks ist nun seine Antwort auf die sinnlosen Überlegungen des Google-Chefs.

Juliane Assange deckt unter anderem auf, wie die Konzerne Google, oder auch Facebook, Amazon etc., uns ausspionieren und überwachen und wie sie diese Informationen an die US-Geheimdienste weitergeben. Außerdem beschreibt er das enge, fast strukturelle Verhältnis zwischen dem führenden Unternehmen in der Digitaltechnologie mit dem US-amerikanischen Außenministerium. Assange behauptet in seinem Buch darüber hinaus, dass uns heute die großen Unternehmen aus dem Digitalbereich stärker überwachen und kontrollieren als der Staat selbst.

"When Google Met Wikileaks" ist ein intelligentes, anregendes und notwendiges Werk. Ein Fest für den Geist. Es öffnet uns die Augen in Bezug auf unser eigenes, tägliches Kommunikationsverhalten, wenn wir ein Smartphone, ein Tablett oder einen PC nutzen, oder wenn wir mit dem naiven Gefühl einer nie zuvor gekannten Freiheit durch das Internet surfen. Aber aufgepasst! Assange erklärt wie im Märchen des kleinen Däumling, dass man dabei digitale Fußabdrücke von sich und seinem Privatleben hinterlässt, die mit größter Sorgfalt von einigen Firmen wie Google gesammelt und im Vorborgenen gespeichert werden. Und eines Tages werden sie diese Informationen gegen uns verwenden…

Um über all dies und einiges andere zu sprechen, haben wir uns am vergangenen 24. Oktober mit einem enthusiastischen aber erschöpften Julian Assange in einem kleinen Aufenthaltsraum der Botschaft von Ecuador in London getroffen. Er erscheint lächelnd und blass, mit einem blonden Mehrtagebart und seinem an den Engel Raphael erinnernden Kopf: lange Haare, feine Gesichtszüge, helle Augen.... Er ist groß und schmal und redet langsam und mit tiefer Stimme.

Seine Aussagen haben Hand und Fuß und ensprechen seiner tiefen Überzeugung. Er hat etwas von einem Guru… Wir hatten geplant, nicht mehr als eine halbe Stunde mit ihm zu sprechen, um ihn nicht zu ermüden. Aber im Laufe des Interviews wurde das Gespräch immer interessanter und letztendlich haben wir über zweieinhalb Stunden miteinander gesprochen….


Ausgangspunkt Ihres neuen Buches mit dem Titel "When Google Met Wikileaks" ist ein Treffen im Juni 2011 zwischen Ihnen und Eric Schmidt, dem geschäftsführenden Präsidenten von Google. In einem Moment sagen Sie: "Google ist weltweit gesehen das Unternehmen mit dem größten Einfluss". Was meinen Sie mit "größter Einfluss"?

Julian Assange: Was ich damit sagen möchte, ist, dass die Welt derzeit einen sehr tiefgreifenden Wandel durchlebt und dass Google die Institution ist, die den stärksten Einfluss auf den Kern dieses Wandels und vielleicht auch auf die Geschwindigkeit dieses Wandels hat. Wir könnten uns auch fragen, ob Google nicht sogar absolut betrachtet das einflussreichste Unternehmen ist. Ich bin mir da nicht sicher. Es gibt noch mehr Megakonzerne, die Anspruch auf den Titel des absolut einflussreichsten Unternehmens anmelden könnten.

Aber zumindest im Kommunikationsbereich ist Google tatsächlich das Unternehmen mit dem absolut größten Einfluss. Andere Unternehmen können ebenfalls viel Einfluss haben, wie General Electric, oder Raytheon, oder Booz Allem Hamilton oder Exxon oder Chevron. Aber all diese Unternehmen besitzen ein mehr oder weniger stabilisiertes Geschäftsmodell und der Einfluss, den sie ausüben, ist nicht so offensichtlich. Sie sind sehr groß, ja, aber auch sehr statisch. Im Gegensatz dazu befindet sich Google in ständiger Evolution: Zwischen 2011 und 2014 verdoppelte das Unternehmen seinen Börsenwert von 200 auf 400 Milliarden US-Dollar.

Und die Durchdringung der globalen Gesellschaft in Bezug auf seine Interaktion mit den Individuen hat sich, verglichen mit anderen Unternehmen dieser Größenordnung, deutlich erhöht.

Mehr als die der Finanzinstitute?

Julian Assange: Ja, zweifellos.

Sie schreiben: "Die von Google angeführte Weiterentwicklung im Bereich der Informationstechnologie bedeutet für die meisten Menschen das Ende ihrer Privatsphäre und führt die Welt zurück zum Autoritarismus." Sind Sie da nicht etwas zu pessimistisch?

Julian Assange: Ich glaube nicht, dass man in die Welt schauen und entscheiden kann, ob man optimistische oder pessimistische Fakten sehen möchte. Die Fakten sind, wie sie sind. Es gibt andere Ereignisse, die man als optimistisch bezeichnen kann, aber nicht das, was Google gerade macht. Da handelt es sich um andere Prozesse, die ablaufen.

Lassen Sie uns von diesen Prozessen später sprechen. Ich würde Sie jetzt gerne fragen: Worauf stützen Sie Ihre Aussage, dass "die Technologien des Silicon Valley Instrumente im Dienste der US-Außenpolitik" sind?

Julian Assange: Auf mehrere Grundlagen, die ich im Buch beschreibe. In erster Linie auf die lange Tradition der Zusammenarbeit zwischen dem militärisch-industriellen Komplex der US-Streitkräfte und dem Silicon Valley. Jeder, der das Silicon Valley untersucht hat, weiß dass dem so ist. Noam Chomsky hat sehr deutlich die Geschehnisse im Silicon Valley in den 1970er und 1980er Jahren angeprangert.2

Wenn wir zurückschauen und daran denken, welche Wahrnehmung man in dieser Zeit von Computern hatte… Es waren riesige Maschinen, die das Militär zum Funktionieren brachte und die es den großen US-Firmen zur Verfügung stellte. Den Eindruck, den die Menschen von der Übermacht der Computer hatten, kann man sehr schön in Spielfilmen wie Colossus sehen3.

Jedenfalls begleiteten die Streitkräfte zu dieser Zeit die staatliche Entwicklung: Das Militär half dabei, auf den Mond zu fliegen, Atomwaffen zu bauen, Raketen vom Typ ICBM4 zu entwerfen, die Geschwindigkeit von Atom-U-Booten zu beschleunigen und sie halfen auch den nationalen Steuerbehörden dabei, das steuerlich rechtmäßige Verhalten jedes Einzelnen zu überprüfen… All dies änderte sich, als das Silicon Valley in den 1990ern begann, einen Markt für Konsumgüter zu entwickeln und die IT-Fortschritte einem größeren Publikum bereit zu stellen.

Damals entstand eine "Wahrnehmungsblase", die die Firmen des Silicon Valley als "Freund" der Menschen, als Freund der "Konsumenten" präsentierte. Apple, Google, Amazon und seit neuestem Facebook haben diesen Aspekt gefördert und ihn sich zunutze gemacht. Und all dies hat eine Illusion geschaffen… Eine Illusion, die es erlaubte, den früher vorherrschenden, negativen Eindruck der meisten Menschen, insbesondere unter den Akademikern zu tilgen: die Wahrnehmung eines Silicon Valley, das mit dem Militär kooperiert.

In zweiter Linie haben diese neuen Firmen wie Google, das Unternehmen, das ich in meinem Buch beschreibe, eine enge Beziehung mit dem Staatsapparat in Washington aufgebaut und hier speziell mit den Verantwortlichen im Bereich der Außenpolitik. Diese Beziehung ist heute ein Fakt und sie wird gepflegt von den ranghöchsten Managern von Google, von Eric Schmidt5, Jared Cohen6…. Sie haben ähnliche politische Vorstellungen und teilen die gleiche Vision von der Welt. Und schließlich dient diese enge Zusammenarbeit und diese gemeinsame Vision von der Welt von Google und der US-Regierung den Zielen der Außenpolitik der Vereinigten Staaten von Amerika.

Im gleichen Zusammenhang schreiben Sie, dass der Besuch von Eric Schmidt im Jahre 2013 in China, Nordkorea und Birma natürlich für Washington eine eine Art "verdeckte Diplomatie" darstellte. Welche Beweise haben Sie dafür?

Julian Assange: Da spreche ich aus eigener Erfahrung. Wir konnten nachweisen, dass wenn Eric Schmidt und ich Informationen austauschten, diese sofort an die höchsten Stellen im State Department7 weitergeleitet wurden. Und wenn Eric Schmidt Lisa Shields8 als Kontakt zu mir nutzte, dann gab es zuvor einen Informationsfluss in umgekehrter Richtung, nämlich vom Außenministerium hin zu Eric Schmidt. In Bezug auf Eric Schmidt und seine verdeckte Diplomatie mit Nordkorea und mit einigen Ländern, mit denen Washington nicht in der direkten Kommunikation gesehen werden möchte, bin nicht ich derjenige, der dies behauptet, sondern da wiederhole ich nur das, was schon andere gesagt haben. Aber ich habe, wie gesagt, eine konkrete Erfahrung9 mit seiner Funktion als Informant des US-Außenministeriums gemacht. Und andere Personen konnten auch einschätzen, was Eric Schmidt in Nordkorea und in anderen Ländern machte.

Vor einigen Monaten war Eric Schmidt auf Kuba10. Glauben Sie, dass diese Reise ebenfalls eine Art von "verdeckter Diplomatie" war?

Julian Assange: Ja, das glaube ich.

Glauben Sie, dass Sie einen Fehler begingen, als Sie im Jahr 2011 Eric Schmidt und seine der US-Regierung nahestehenden Freunde empfingen? Waren Sie da naiv?

Julian Assange: Das sind interessante Fragestellungen. Ich bin seit langem daran gewöhnt, mich mit vielen Personen jeglicher Couleur zu treffen. Beispielsweise mit Journalisten mit fragwürdiger Vorgeschichte. Aber ich hatte nicht die Zeit herauszufinden, welches ihre Gründe für den Besuch bei mir waren. Daher habe ich das Treffen mit Eric Schmidt und seinen drei Begleitern – Jared Cohen, Lisa Shields, Scott Malcomson – so abgehalten, wie ich es immer mache. Natürlich war ich sehr vorsichtig, Details unserer Operationen oder die Namen meiner Teammitglieder zu enthüllen... Diese Art von Vorsichtsmaßnahmen eben… Wenn Sie aufmerksam die Niederschrift unseres Gesprächs lesen, können Sie erkennen, dass ich versuche, mich aus den allzu bohrenden Nachfragen von Eric Schmidt herauszuwinden.

Als er mich zum Beispiel fragte, wie sich Wikileaks in diesem Moment technisch selbst verteidigt… Statt ihm darauf direkt zu antworten, beschreibe ich, wie sich Wikileaks verteidigte… zu früheren Zeiten. Aber man kann viel über eine Person lernen, wenn diese dich lange besucht. Und in diesem Fall dauerte der Besuch von Eric Schmidt und seinen drei Begleiter vom US-Außenministerium bei mir über fünf Stunden... Und das ist ausreichend Zeit, um eine vergleichsweise genaue Vorstellung von der Gesundheit des Gegenübers, seinem Gemütszustand, von dem, was ihn interessiert zu bekommen und zu erkennen, worüber jemand lacht etc. Und natürlich, wenn ich gewußt hätte, dass die Informationen, die Eric Schmidt über mich gesammelt hat, direkt ins US-Außenministerium gelangen, wäre ich etwas vorsichtiger gewesen…

Aber auch ich habe diese Art von Information über ihn zusammengetragen und sie zeigte mir, wer Schmidt war und ich glaube, dass auch meine Leser dies erkennen werden. Wenn man aufmerksam auswertet, was er und seine drei Begleiter mich fragten, worüber sie lachten, den Unterschied zwischen einem echten und einem falschen Lachen erkennt…. Daraus kann man viel ableiten… So ist beispielsweise offensichtlich, dass Eric Schmidt China als Feind betrachtet. Denn als ich Witze darüber machte, wie wir mit Wikileaks die chinesischen Geheimdienste ausgetrickst haben, da war das Lachen von Schmidt lauter und spontaner, während er in anderen Momenten ein falsches Lachen zeigte.

Waren Sie enttäuscht, als Sie die von Schmidt in seinem Buch präsentierte entstellte Version dieses Gespräches lasen?11

Julian Assange: Ich war enttäuschter von Schmidts Buch selbst. Das hat mich enttäuscht. Aber es war auch sehr interessant zu entdecken, was dieses Buch zu sein vorgab. Und da ich unser Treffen natürlich ebenfalls aufgenommen hatte, konnte ich genau sehen, was ich zu Eric Schmidt gesagt hatte und was dieser davon in seinem Buch wiedergab. So konnte ich erkennen, was er versuchte.

Ich konnte die Intention von Eric Schmidt erahnen, als ich untersuchte, welche Teile des Gesprächs er behalten, welche er gestrichen und welche er verfälscht hatte. Sein Ziel war es nicht, mich persönlich anzugreifen, auch wenn er einige verletzende Sachen sagte. Sein Ziel war, Google als "geopolitischen Visionär" zu positionieren, den die USA benötigten. So wollte er erreichen, dass die Verantwortlichen aus Washington zu ihm zu kommen und auf Google hören.

Sie sagen, dass viele Bürger das Ausspionieren und die Kontrolle durch den Staat kritisieren, während Sie gleichzeitig feststellen, dass es nur wenig Kritik an der Überwachung der Bürger von Seiten der privaten Unternehmen gibt. Ist letztere ähnlich gefährlich wie die staatliche Überwachung?

Julian Assange: Sie gehen also davon aus, dass es einen Unterschied gibt zwischen dem Staat und den großen Privatunternehmen? (Lachen)

Ich stelle Ihnen die Frage. Ich selbst habe eine eigene Meinung dazu...

Julian Assange: Diese Trennung verschwindet in den meisten westlichen Staaten immer mehr. Aber die Komplizenschaft ist in den USA, wo 80 Prozent der geheimdienstlichen Ausgaben12 in die Privatwirtschaft fließen, noch deutlicher. Selbst der geheimste Nachrichtendienst der USA, der Teil des am besten geschützten Kerns des Staates ist, bestimmt 80 Prozent seiner Ausgaben für Unternehmen aus der Privatwirtschaft. Daher ist es interessant, sich zu fragen, warum es mehr Untersuchungen zur staatlichen als zur Spionage von Seiten der Privatwirtschaft gibt. Ich glaube, hier passieren zwei Dinge. Erstens gibt es die allgemeine Gesetzmäßigkeit, dass bei höherem Abstraktionsgrad sich die Zahl der Menschen verringert, die diese Abstraktion nachvollziehen.

Ein Beispel: Wenn die US-Regierung das privatwirtschaftliche Sicherheits- und Militärunternehmen Blackwater13 vertraglich dazu verpflichtet, dass deren Söldner im Mittleren Osten tätig sind: Wieviel erfährt man in Bezug auf die Anzahl der Söldner der Unternehmens, das im Irak oder in Afghanistan tätig ist, im Vergleich zu den Informationen, die man in Bezug auf die Anzahl der Soldaten des US-Heeres erhält?

Wie groß ist die Aufmerksamkeit, wenn die Söldner von Blackwater jemanden umbringen oder eine Straftat begehen, im Vergleich zur medialen Aufmerksamkeit, wenn das Verbrechen oder die Straftat von einem Soldaten verübt wird? Nichtsdestotrotz ist es in beiden Fällen die US-Regierung, die die Anweisungen gibt und die Operationen finanziert. Man gibt dem Kind einen anderen Namen und allein die Umbenennung reicht aus, die Wahrheit zu verbergen und die Realität zu verschleiern.

Und zweitens gibt es, insbesondere in den Vereinigten Staaten von Amerika, diesen ideologischen Aspekt. Auf der einen Seiten haben wir die nordamerikanische Linke… Fast diese gesamte liberale Linke befindet sich, eingebunden in ein System des Klientelismus, im Schoß der Partei der Demokraten, und daher wird von dort nicht ausreichend beobachtet, was mit den Exzessen der Regierung passiert, inklusive der allgemeinen Privatisierungen.

Und auf der anderen Seite haben wir den liberalen Anteil in der Partei der Republikaner, der sagt, dass die Regierung das eigentliche Problem ist und niemals die Privatwirtschaft. Nichtsdestotrotz ist es vor allem der private Sektor, der die Regierung anleitet. Und einige Mega-Unternehmen wie Google oder Goldman Sachs bestimmen mit ihrer Größe und ihren Monopolen über zentrale staatliche Dienstleistungen, als wären sie selbst die Regierung. Das sind Mega-Unternehmen, die einen jährlichen Umsatz aufweisen, der größer ist als das Bruttoinlandsprodukt von Neuseeland oder das BIP vieler anderer Staaten.

Zum Beispiel dem BIP von Ecuador…

Julian Assange: Ja tatsächlich, dem BIP von Ecuador. Wenn wir das Ölunternehmen Chevron mit einem jährlichen Umsatzvolumen von 300 Milliarden US Dollar vergleichen mit dem BIP von Ecuador in Höhe von 90 Millliarden US-Dollar jährlich… Die Differenz ist gewaltig. Wir wissen, dass es einen Konflikt zwischen diesen beiden Entitäten gibt14: Chevron versucht Ecuador als einen "mächtigen Staat" darzustellen, der die staatlichen Machtbefugnisse nutzt, um ein privates Unternehmen zu schmälern und einzuschüchtern….

Aber wenn wir uns die Einnahmenseite anschauen, so ist ohne Zweifel Chevron derjenige von beiden, der mehr Ressourcen besitzt. Das Unternehmen ist so groß, dass es sich außerdem mit der Macht der USA verbünden konnte. Diese können ebenfalls ihre staatlichen Machtbefugnisse nutzen, nicht auf direktem Wege aber sehr wohl auf indirekte Art und Weise, um den Versuch zu unternehmen, Ecuador einzuschüchtern... Wenn nötig, indem sie die sogenannte "Zivilgesellschaft" mobilisieren.

Gehört das Konzept der "Zivilgesellschaft" in die Welt der Märchen?

Julian Assange: Das Konzept an sich ist kein Märchen, aber dessen Umsetzung in der Praxis sehr wohl. Denn die Mehrheit der Organisationen der sogenannten "Zivilgesellschaft" wird finanziert, um als Agenten des Staaten und der mächtigsten Unternehmen zu agieren. In meinem Buch gebe ich dafür einige Beispiele, nicht um diesen Punkt zu beweisen, sondern um zu untersuchen, was Google macht.

Wer finanziert zum Beispiel die New America Foundation in Washington? Die Antwort ist: Eric Schmidt persönlich, sowie das Unternehmen Google, das US-Außenministerium, Radio Free Asia und noch einige andere, wobei die hier genannten die wichtigsten Sponsoren sind. Und die Generaldirektorin der New America Foundation, Anne-Marie Slaughter, hat früher als sehr enge Beraterin von Hillary Clinton im US-Außenministerium gearbeitet und sie berät dort auch heute noch. Und gleichzeitig ist sie Dozentin in Princeton.

Und so haben wir sie hier alle beieinander: Eric Schmidt als Einzelperson, das Unternehmen Google, das US-Außenministerium als Teil der US-Regierung. Das Gleiche passiert mit Radio Free Asia und mit der Welt der Wissenschaft, die zum Teil von Anne-Marie Slaughter repräsentiert wird. Eric Schmidt ist Aufsichtsratsmitglied vieler dieser Stiftungen, gemeinsam mit den Vorstandsmitgliedern von Facebook. Auch wenn es aus der Ferne so scheint, als würden Google und Facebook miteinander im Wettbewerb stehen, so bekämpfen sie sich in sozialer Hinsicht nicht, sondern arbeiten in Stiftungen zusammen.

Außerdem kooperieren sie mit dem Staat, wie im Fall der New America Foundation. In meinem Buch gehe ich bei dieser Stiftung noch mehr ins Detail, weil sie aus politischer Sicht am bezeichnendsten ist. Sie ist quasi das "politische Zuhause" von Eric Schmidt in Washington. Selbst wenn er und andere Google-Manager auch in anderen Stiftungen engagiert sind, die vorgeblich die "Zivilgesellschaft" verkörpern.

Sie behaupten, dass sich "hinter der Fassade der Demokratie tatsächlich ein mächtiger Wunsch nach Kontrolle über die Bürger" befindet. Worauf stützen Sie sich bei dieser Behauptung?

Julian Assange: Steht Ihre Frage in Zusammenhang mit dieser falschen "Zivilgesellschaft"?

Ja, das ist die Idee. Die sogenannte "repräsentative Demokratie" verbirgt Ihrer Aussage nach den großen Wunsch, die Menschen zu kontrollieren…

Julian Assange: Ich sehe schon…. Sicherlich kennen Sie die wunderbare Aussage von Noam Chomsky: "Die Kommunikationsmedien sind in der Demokratie das, was die Propaganda in der Diktatur ist".

Ja, zwei Formen zu manipulieren.

Julian Assange: Es ist eine notwendige Seite des Kontrollsystems.

In diesem Zusammenhang, lassen Sie uns doch bitte über das Thema "Total Information Awareness" sprechen. Es geht nicht darum, dass Sie dieses Phänomen beschreiben, denn das tun Sie ja in Ihrem Buch, sondern meine Frage ist: Glauben Sie, dass dieses Projekt wirklich fallengelassen wurde?

Julian Assange: "Total Information Awareness? Nein, ganz sicher nicht. Uns liegen Dokumente über die Gründung von "Total Information Awareness" vor, die Wikileaks bisher noch nicht veröffentlich hat. Nachdem ich deren Entwicklung bis ins Detail untersucht habe, ziehe ich den Schluss, dass der Geheimdienstkomplex in den USA unmittelbar nach den Attentaten des 11. September 2001 mehr Macht an sich reissen wollte.

Damit sollte vieles von dem erreicht werden, was man schon so lange wollte…. Auch wenn der Komplex bereits sehr mächtig war… Es ist auch nicht so, dass es nicht schon vor dem 11. September eine massive Überwachung gegeben hätte. Die NSA war schon so etwas wie "das große Raubtier" in Washington und sie sammelte bereits eine riesige Menge an Informationen. Aber kurz nach dem 11. September glaubten die US-Streitkräfte, dass sie sich einen Teil dieses Kuchens schnappen und der NSA wegnehmen könnten.

Daher machten sie diesen Vorschlag für die "Total Information Awareness" mit etwas, das sich MOAD, the Mother Of All Database, die Mutter aller Datenbanken nannte, und alle Informationen aus den USA, von der CIA, den Satellitenstaaten und den anderen Nachrichtendiensten vereinte. Und diesem Projekt wurde ursprünglich stattgegeben. Aber die NSA begriff diese Einmischung der US-Streitkräfte als eine Gefahr für ihre eigene institutionelle Macht. Deshalb kämpfte die NSA gegen das Projekt "Total Information Awareness".

Und ursprünglich gewann sie nicht. Es wurde eine Art Oberstes Cyberkommando eingerichtet, das nicht von der NSA geleitet wurde. Und das Büro der "Total Information Awareness" wurde ebenfalls nicht von der NSA geleitet. Und so verbündete sich die NSA mit den Demokraten, mit den führenden Demokraten, und begann, dieses Projekt zu bekämpfen. Nachdem sie es unter dem Vorwand, dass es die Bürgerrechte bedrohe, geschwächt hatten, begann die NSA, sich Teile, Stücke der "Total Information Awareness" einzuverleiben und diese in das Kerngeschäft der NSA zu integrieren….

Letztendlich hat die NSA den größten Teil der Elemente des Projektes "Total Information Awareness" absorbiert. Das heißt, das Projekt als solches ist verschwunden, aber all seine Ziele besitzen weiter ihre Gültigkeit und sind heute Teil der NSA-Missionen.

Ihren Lesern sagen Sie: "Begreifen Sie, wie die Welt funktioniert!". Aber: wo können sie das lernen?

Julian Assange: In erster Linie natürlich durch den Kauf und das Lesen meines Buches…(Lachen)

Klar…. Und außerdem?

Julian Assange: Die Revolution im Bereich der Kommunikation hat alle Gesellschaften miteinander verbunden. Das bedeutet, dass sie auch alle Spione einer Gesellschaft mit den Spionen anderer Gesellschaften verbunden hat, einschließlich der wichtigsten Spione, denen von der NSA. Und dies hat die negativen Aspekte der Globalisierung verstärkt, zum Beispiel den höchst aggressiven wirtschaftlichen Wettbewerb, die Lichtgeschwindigkeit, mit der Finanztransfers getätigt werden…

Das bedeutet, dass die dominierenden, bereits mächtigen Gruppen ihre Macht jetzt dank des Internets ausbauen können und sie auf die Länder ausweiten können, deren Gesellschaften auch dank Internet enger zusammenrücken. Auf der anderen Seite erlaubt dieser Prozess – die gleiche technologische Revolution – vielen Menschen in allen Teilen der Welt, sich gegenseitig zu schulen. Und zwar durch die horizontale Informationsverbreitung. Und dies erlaubt es uns grundsätzlich, uns besser zu informieren und zu verstehen, wie die Welt wirklich funktioniert.

Das ist der positive Aspekt, von dem wir anfangs sprachen…

Julian Assange: Ja. Die NSA und ähnliche Spionageorganisationen, wie Google und andere Firmen, deren Hauptgeschäft das Sammeln von privaten Informationen ist, haben Informationen von den weniger mächtigen Menschen gesammelt und diese gespeichert, um sie zu ihrem eigenen Vorteil zu nutzen. Und dies hat ihre Macht stark erhöht. Dies hat die Macht derjenigen erhöht, die bereits mächtig waren. Das ist der negative Aspekt.

Aber auf der anderen Seite hat diese horizontale Informationsverbreitung das Wissen und damit auch die Macht von Millionen von Menschen vergrößert. Und daraus sind einige, nicht viele, Organisationen wie Wikileaks entstanden, die sich darauf spezialisiert haben, geheime Daten dieser höchst mächtigen Organisationen zusammenzutragen und diese der ganzen Welt zur Verfügung zu stellen.

Sie versuchen so, das fehlende Gleichgewicht der Macht wieder herzustellen. In gewisser Weise habe ich nicht auf Ihre Frage geantwortet, aber heutzutage gibt es so viele Möglichkeiten zu lernen. Und die letzten fünf Jahre waren die Zeit, in der die größtmögliche politische Bildung möglich war. Nicht in allen Ländern, aber wenn man sich ansieht, welche Bildung derzeit gleichzeitig in der ganzen Welt geschaffen wird, das hat es noch nie gegeben.

Glauben Sie wirklich, dass das Internet die Asymmetrie beim Besitz von Information beendet hat?

Julian Assange: Ja, das glaube ich, aber wie ich gerade erklärt habe, versuchen die großen Unternehmen und der Staat dieses Phänomen durch das Sammeln von nochmal mehr Informationen zu kontrollieren.

Sie sagen: "... es ist nicht der Staat, der alles über die Bürger wissen sollte, sondern die Bürger sollten alles über den Staat wissen".

Julian Assange: Ja, so sollte es sein. Wen interessiert Transparenz? In Wahrheit niemanden. Die Menschen werden nicht mit dem Thema "Transparenz" in ihrem Herzen geboren. Sie denken nicht an Transparenz im letzten Moment ihres Lebens, kurz vor dem Sterben.

Sicherlich...

Julian Assange: Die Menschen bringen von Geburt an einen Wunsch nach Gerechtigkeit mit und bevor sie sterben, möchten sie gerecht behandelt werden. Das gleiche passiert mit der Privatsphäre. Transparenz und Privatsphäre sind nur deswegen wichtig, weil sie Mechnismen sind, die Macht geben oder entziehen.

Sie behaupten, dass Wikileaks zum Sturz zweier Diktaturen beiegetragen hat, nämlich der in Tunesien und der in Ägypten. Sind Sie davon überzeugt?

Julian Assange: Viele Menschen sind überzeugt davon.

Ist das erwiesen?

Julian Assange: Ben Alis Minister geben zu, dass die Verbreitung einiger Telegramme mit explosiven Informationen durch Wikileaks dem System von Ben Alí das Rückrat gebrochen hat. Es ist offensichtlich, dass diese Verbreitung eine wichtige Rolle spielte. Sie kamen genau im richtigen Moment, in einem Klima großer sozialer Unzufriedenheit. Denn derjenige, der Ben Alí wirklich stürzte, war Ben Alí selbst.

Die Diktatur selbst, natürlich….

Julian Assange: Ja.

Ich würde gerne noch etwas weiter gehen. Sie behaupten, dass zur Zeit des arabischen Frühlings und der weltweiten Aufstände junger Menschen, angefangen bei den "Indignados" in Spanien bis zu den Protestlern von "Occupy Wall Street", "… das Internet zu einem Demos, einem Volk wurde, das Kultur, Werte und Hoffnungen teilt. Sie sagen, dass das Internet also zu einem Ort wurde, an dem Geschichte geschrieben wurde. Ist es nicht etwas übertrieben zu behaupten, das Internet sei ein "Volk"?

Julian Assange: Vor 2005 war das Internet ein Bereich, der deutlich apathischer war. Aber danach hat sich das stark gewandelt, auch dank Wikileaks.

Trotzdem: glauben Sie nicht, es sei etwas übertrieben zu behaupten, "Internet ist ein Demos"?

Julian Assange: Es ist übertrieben zu behaupten, dass das Internet ingesamt so ist. Aber es gibt Millionen von Menschen im Internet – die genaue Zahl kenne ich nicht – die sich selbst als Teil dieses Demos wahrnehmen. Auf der anderen Seite gibt es weitere Millionen von Menschen, die das Internet nutzen und sich nicht als Teil dieses Internet-Demos begreifen. Das verhindert aber nicht, dass sich, ich wiederhole, Millionen von Menschen sehr wohl als Teil dieses Demos wahrnehmen. Ich kenne sogar Personen, die ich schon gefragt habe, woher sie seien und von denen einige mir darauf geantwortet haben "Ich komme aus dem Internet".

Generation Internet…

Julian Assange: Es ist lustig… Aber sie meinen das ernst, nicht als Witz. Sie spüren deutlich, dass das Internet der Ort ist, wo ihre persönliche Kultur entstanden ist.

Glauben Sie weiterhin, dass das Teilen von Information ein Weg ist, die Welt zu befreien?

Julian Assange: Es gibt keine andere Hoffnung. Es gab nie eine andere Hoffnung. Das war immer der Kampf. Dass die Menschen Information erhalten. Wenn wir uns ins antike Griechenland zurückversetzen, an die Debatten zu Zeiten der Aufklärung denken, oder an die Zusammenstöße in China oder die Unabhängigkeitskriege in Lateinamerika, oder auch die postkolonialen Kriege: Der erste Schritt bestand immer darin, die Situation zu verstehen; zu begreifen, was möglich und was nicht möglich ist.

Sogar wenn wir uns von den Fragestellungen entfernen, die mit der Verteilung der Rohstoffe oder dem Ungleichgewicht der Mächte zusammenhängen – denn manchmal glaube ich, dass die Linke sich zu sehr auf diese Fragen konzentriert… Wenn wir nur einfach schauen, wozu der Mensch fähig ist, wenn er unter besten Bedingungen lebt, und wozu die Zivilisation fähig ist, wenn sie sich im besten Zustand befindet, jegliche Kultur, jegliche Zivilisation…

Es ist klar, dass man keine Pläne für etwas schmieden kann, wenn man selbst nicht daran glaubt. Man kann nicht verstehen, ob ein Aktionsplan nützlich oder unnütz ist, wenn man diesen Plan nicht detailliert analysiert und die Situation verstanden hat. Wenn man nicht versteht, wie sich die menschlichen Institutionen verhalten und wenn man nicht versteht, wie der Mensch funktioniert. Der Mensch wurde immer durch das Fehlen von Wissen beschränkt.

Stellen wir uns vor, dass morgen alle Welt taub, stumm und blind wäre: Die Menschen könnten nicht miteinander kommunizieren, weder ihr Wissen weitergeben, noch aus der Vergangenheit oder aus Schriftstücken lernen, sie könnten ihr Wissen nicht ihren Kindern oder der Zukunft weitergeben. Lassen Sie uns diese extreme Situation vorstellen…. Das heißt, die Menschen wären wie Kaninchen oder wie Steine…. Aber wir können uns auch eine andere Haltung vorstellen, in der die Akquise von Wissen sehr viel wichtiger wäre und die Bildung deutlich besser als heute….

Nun gut, derzeit befinden wir uns zwischen dieser erhöhten Position und der Situation, einfache Steine zu sein…. Vor fünf Millionen Jahren befanden wir uns vielleicht auf einem sehr niedrigen Niveau, nun haben wir uns etwas gesteigert, aber es fehlt noch viel, um dank angemessener Bildung und Information ein tatsächlich höheres Niveau für die Menschheit zu erlangen.

Sie sprachen vorhin über Transparenz. Ein ehemaliger französischer Außenminister von den Sozialisten, Hubert Védrine, sagte einmal als Kritik an Wikileaks: "Die absolute Transparenz ist der Totalitarismus"… Wikileaks wurde auch beschuldigt, die "Privatspähre der Staaten zu verletzen". Glauben Sie, dass es Grenzen geben muss für die Verbreitung geheimer Informationen über die Staaten?

Julian Assange: Wenn sich die verantwortlichen Politiker in den Regierungen über Transparenz beschweren, muss ich lachen. Hinter diesen Anschuldigungen steht ein Argument wie: Ich glaube, dass die Menschen sich nicht gegenseitig bestehlen sollten. Man kann das glauben oder nicht glauben. Aber in der Realität ist das unwichtig, weil wir nicht Gott sind und die Staaten sind das auch nicht. In der Praxis wissen wir, dass die Staaten sich nicht selbst regulieren können, um zu vermeiden, dass sie "böse" werden. In der Konsequenz sollten die Staaten von anderen Instanzen reguliert werden, von Personen, die in diesem Staat leben und von Personen außerhalb des Staatsapparates.

Das ist eine Tatsache und viele Humanisten haben dies vorgeschlagen. Eine sich selbst regulierende Institution, die keine externe Regulierung erfährt, ist zu Exzessen oder zur Korruption verdammt. Daher sollten in der Praxis einige staatliche Institutionen professionell agieren, beispielsweise die Polizei, die die Mafia untersucht. So können sie für sich sicherstellen, dass ihre Untersuchungen nicht in Frage gestellt werden.

Wikileaks agiert zweifellos professionell und wir sorgen dafür, dass die Identität unserer Informanten nicht gefährdet wird, oder dass die Identität unseres Teams, unseres Personals nicht enthüllt wird. Und diese wurde nicht enhüllt. Aber unsere Geheimnisse zu bewahren, liegt nicht in der Verantwortung der gesamten Gesellschaft. Gleichfalls ist es nicht so, dass, nur weil Polizei oder Geheimdienste imkompetent agieren, die Presse oder die Bürger sich gegenseitig eine Zensur auferlegen sollten.

Sie sagen, dass Wikileaks der Welt "eine journalistische Lektion" erteilt hat und man "alle" Medien "zerstören" und ersetzen sollte. Übertreiben Sie hier nicht wieder etwas?

Julian Assange: Ich habe mit den Kommunikationsmedien in verschiedenen Funktionen zusammengearbeitet: als Journalist, als Herausgeber, im Wettbewerb mit anderen Publikationen und, wie alle Welt, auch als Konsument oder Leser. Aber ich habe auch erfahren, was nur wenige Menschen erfahren haben, sogar nur wenige Journalisten: Nämlich als Subjekt unter den Kommunikationsmedien zu leiden. Wenn die Medien über mich sprechen.

Daher habe ich eine sehr scharfe Wahrnehmung entwickelt in Bezug auf deren fehlende Professionalität. So habe ich festgestellt, dass sie viele Vorurteile hegen und dass sie im Dienst der dominierenden Macht handeln, der sie Rechenschaft schuldig sind. Auch wenn es unter den Journalisten, die bei den dominanten Medien arbeiten, auch sehr gute gibt, so sind die institutionellen Begrenzungen doch sehr streng und fast unvermeidbar. Im Grunde genommen werden sie von der Macht korrumpiert.

Und wenn eine mediale Organisation Einfluss gewinnt, vielleicht einfach weil sie ihre Arbeit gut macht, dann wird sie mächtig. Und in der Folge lädt sie andere Personen dazu ein, für sich zu arbeiten. Gleichzeitig werden diese Personen von anderen sozial mächtigen Gruppen eingeladen, um sich mit ihnen auf gleicher sozialer oder geschäftlicher Augenhöhe zu fühlen und um Informationen auszutauschen. Und dieser Prozess ist einfach ein Prozess der Verführung und des Schmeichelns, dem die meisten Menschen nicht widerstehen können. Das führt zu dem Ergebnis, dass eine einflussreiche Mediengruppe, die diesen Einfluss über Jahre ausgeübt hat, Informationen nicht mehr auf anständige Art verbreiten kann.

Ich wollte Sie fragen: In welcher Beziehung stehen Sie aktuell zu Edward Snowden? Wenn es nicht geheim ist….

Julian Assange: Es ist kein Geheimnis, dass Wikileaks, dass ich und andere Personen von Wikileaks es geschafft haben, Edward Snowden aus Hongkong herauszuholen und ihn an einem sicheren Ort unterzubringen. Er bekommt Asyl in Russland und hat jetzt eine Organisation zum Schutz der Informationsquellen von Journalisten gegründet, die Courage Foundation heißt. In Bezug darauf, wie wir miteinander kommunizieren… dazu kann ich nichts sagen.

Interessant ist allerdings der Grund, warum ich darauf nicht näher eingehen kann: Das liegt daran, dass es in den USA eine Grand Jury gibt, die den Fall Snowden untersucht und die FBI-Agenten, die mit dieser Grand Jury zu tun haben, haben mehrfach nachgefragt, welche Rolle ich und Sarah Harrison15, sowie andere Mitglieder von Wikileaks im Fall Edward Snowden gespielt haben.

Aber wir sind stolz und sehr zufrieden, dass Edward Snowden ein sicheres Asyl gefunden hat. Seine Familie hat sich gerade mit ihm in Russland getroffen. Und er verfügt über Bewegungsfreiheit im größten Land des Planeten. Er besitzt Reisedokumente. Noch muss er sehr vorsichtig sein, aus Russland auszureisen, da die USA versucht haben, ihn festzunehmen…. Aber wenn er mit dem, was er tut, sehr vorsichtig ist, dann ist er derzeit in einer guten Situation. Und das ist ein sehr wichtiger Anreiz, damit andere Whistleblower wie er den Schritt tun und das gleiche tun, was er getan hat.

Sie teilen mit Edward Snowden den Status, einer der meistgesuchten Männer der USA zu sein und gleichzeitig von vielen Menschen als "Held unserer Zeit" bezeichnet zu werden.

Julian Assange: Ja… eine gute Aktion bleibt nicht ungestraft… (Lachen)

Sind Sie bereit mit den USA zu verhandeln um Ihre Situation zu beenden?

Julian Assange: Wir haben versucht mit den USA zu verhandeln, und meine Anwälte in Washington haben verhandelt. Das US-Justizministerium weigert sich, mit meinen Vertretern zu sprechen. Das Neueste von Seiten des Justizministeriums ist, dass die Untersuchung über meine Person weitergeht, aber sie weigern sich, mir dies mitzuteilen. Sie teilen es dem Gericht mit, aber sie möchten nicht mit unseren Anwälten oder mit mir sprechen. Auch die Regierung von Ecuador hat auf staatlicher Ebene versucht, mit der US-Regierung diese Frage zu erörtern. Aber auch hier weigert sich die US-Regierung, Gespräche aufzunehmen.

Vergangenen Juni kündigten Sie öffentlich an, bald hier herauszukommen…

Julian Assange: Nein, das habe nicht ich angekündigt, sondern es waren die Medien, die das ankündigten.

Ah! Ein anderer Beweis für die "Lügen der Medien"… (Lachen). Wann glauben Sie, hier herauszukommen?

Julian Assange: Ich habe große Hoffnung. Die rechtliche Situation ist eindeutig. Wir haben einige Dutzend verschiedene Klagen bei unterschiedlichen Gerichtsbarkeiten eingereicht, und sie kommen voran. Bei der Hälfte von ihnen sind wir in der Offensive. Zum Beispiel haben wir eine strafrechtliche Klage gegen die Geheimdienst-Operationen gegen mich in Schweden eingereicht. Eine andere betrifft die Militäroperationen der USA gegen uns in Deutschland, eine andere in Dänemark die illegale Zusammenarbeit zwischen dem dänischen Nachrichtendienst und dem FBI gegen uns.

Und mit einer anderen strafrechtlichen Klage in Island haben wir ebenfalls Erfolg gehabt und konnten dort erreichen, dass ein Mittelsmann des FBI, der Informationen zu unseren Lasten weitergab, eingesperrt wurde. Aber ich habe auch in Schweden Berufung eingelegt und wir hoffen dort auf ein positives Ergebnis. Rechtlich ist die Situation seit langem klar. Auf der anderen Seite ist es so, dass die USA und Großbritannien, je länger das Ganze dauert, das Thema Wikileaks distanzierter betrachten…. Derzeit sind sie beispielsweise sehr mit der Organisaton "Islamischer Staat" beschäftigt… In Großbritannien stehen außerdem im nächsten Jahr Wahlen an. Und in Schweden gibt es eine neue Regierung.

Eine sozialdemokratische…

Julian Assange: Ja, aber wir sollten nicht vergessen, dass es eine sozialdemokratische Regierung war, die beschloss, im Jahr 2001 mit der CIA zusammenzuarbeiten16. In Schweden gibt es keinen großen Unterschied zwischen Mitte-Rechts und Mitte-Links… Tatsächlich befinden sie sich in Stockholm gerade in einer Zeit des Übergangs und in dieser Zeit ist der Druck auf die Gerichtsbarkeit nicht so hoch, weil sich die neue Regierung erst sortieren muß.

In Großbritannien gibt es mehrere Splittergruppen, die auf meiner Seite stehen und und das hat dazu geführt, dass nun ein Gesetz geändert wurde. Es sei daran erinnert, dass man mich hier vier Jahre ohne Anklage festgehalten hat, genauso wie auch in den USA und in Schweden keine Vorwürfe gegen mich vorliegen… Für die meisten Menschen erscheint dies unglaublich und sie glauben nicht, dass das wahr sein kann. Und ich kann auch nicht glauben, dass so etwas passieren kann, aber – nichtsdestotrotz – passiert es mir gerade.

Ich wurde ohne Vorliegen von Vorwürfen vier Jahr lang festgehalten… Und sie versuchen mich nun ohne die Vorlage einer Klage auszuliefern… Aber, glücklicherweise wurde von Seiten Großbritanniens, dem dortigen höchsten Gericht, anerkannt, dass das ein Missbrauch darstellte, der sich nach damals herrschender Gesetzgebung nicht verhindern ließ. Als Konsequenz daraus hat das Parlament nun das Gesetz modifiziert und nun ist auch in Großbritannien eine Auslieferung ohne Vorliegen einer Anklage nicht mehr möglich.

Dann haben sie aus Ihrer Angelegenheit einen Spezialfall gemacht?

Julian Assange: Nein. Obwohl es ein Problem gibt: Das neue Gesetz gilt nicht rückwirkend. Diese Klausel der "fehlenden Retrospektivität" wurde in das neue Gesetz eingefügt, nachdem im London Independent ein Artikel erschienen war, der die Ansicht vertrat, dass das neue Gesetz in seiner ursprünglich vorgesehenen Form dafür sorgen würde, dass Assange frei gelassen werden müsse. Wahrscheinlich ist das Gesetz gar nicht rechtskräftig, denn das Einfügen dieser Klausel dient einzig und allein den Zweck, einer bestimmten Person zu schaden.

Aber man kann nicht Gesetze für bestimmte Personen erlassen…

Julian Assange: Nun gut, da haben sie getrickst, in dem sie nicht meinen Namen aber meine genauen Lebensumstände genannt haben. (Lachen)

Ich denke, sie werden es die "Assange-Novellierung" nennen…

Julian Assange: Meine Anwälte witzeln und sagen, dass es die "Julian-Ausnahme im Assange-Gesetz" sei. (Lachen). Aber ich habe Vertrauen. Ich bin Optimist.


Das Gespräch fand am 24. Oktober 2014 in London statt. Der Text des Interviews wurde von Julian Assange durchgesehen und korrigiert. Die Übersetzung und erste Niederschrift aus dem Spanischen leistete Marta Sedó.

  • 1. When Google Met Wikileaks, OR Books, New York City 2014, ISBN 978-1-939293-57-2.
  • 2. Siehe auch das Interview mit Noam Chomsky vom 15. August 2012 mit Vincent de Paul: Noam Chomsky on Government, Silicon Valley and the Internet, http://www.socialphy.com/posts/computers-technology/17119/Noam-Chomsky-o...
  • 3. Colossus: The Forbin Project (Colossus: das Forbin-Projekt), 1970, Regie: Joseph Sargent. Der Science-Fiktion-Film erzählt die Geschichte einer USA, die ihre Landesverteidigung einem im Berg verborgenen Elektronengehirn überträgt, das wiederum den sowjetischen Verteidigungscomputer Guardian kontaktiert und mit diesem gemeinsam einen Mega-Computer bildet, der sich seiner Macht bewusst wird und die Kontrolle über den Planeten übernimmt.
  • 4. Interkontinentalraketen
  • 5. Nachdem Eric Smidt von 2001 bis April 2011 geschäftführender Vorstand (leitendes Verwaltungsratsmitglied) von Google war, ist er nun seit dem 4. April 2011 geschäftsführender Vorstand des Google-Aufsichtsrates.
  • 6. Jared Cohen ist Direktorin von Google Ideas, einem von Google gesponserten Think Tank. Dieser stellt sich der Aufgabe "die globalen Herausforderungen zu identifizieren und festzulegen, welche technologischen Lösungen zur Anwendung kommen könnten". Sie war Beraterin von Condoleeza Rice und Hillary Clinton, den US-Außenministerinnen unter George W. Bush bzw. Barack Obama.
  • 7. US-Außenministerium
  • 8. Lisa Shields ist die Bereichsleiterin Kommunikation im Council on Foreign Relations, dem wichtigsten Think Tank der USA für auswärtige Beziehungen, der in enger Beziehung zu den Demokraten im State Department steht; Lisa Shields ist verlobt mit Eric Schmidt.
  • 9. Cf. "Presidente ejecutivo de Google visita Cuba", 14yMedio, La Habana, 28. Juni 2014. http://www.14ymedio.com/nacional/Presidente-Google-visita-oficial-Cuba_0...
  • 10. Cf. Presidente ejecutivo de Google visita Cuba, 14yMedio, La Habana, 28. Juni 2014. http://www.14ymedio.com/nacional/Presidente-Google-visita-oficial-Cuba_0...
  • 11. Eric Schmidt, Jared Cohen, The New Digital Age. Reshaping the Future of People, Nations and Business [Die neue digitale Ära. Die Neuordnung für Menschen, Nationen und den Handel] (2013).
  • 12. Die United States Intelligence Community besteht aus insgesamt 17 Geheimdiensten; zu ihnen zählen die CIA, die NSA, die DEA und das FBI.
  • 13. Blackwater USA (später auch Blackwater Worldwide, heute: Academi) ist eine privates US-amerikanisches Sicherheits- und Militärunternehmen, das als "mächtigste Privatarmee des Planeten" bezeichnet wird. Es unterstützte die US-Armee im Irak und in Afghanistan.
  • 14. Siehe hierzu auch Ignacio Ramonet: Ecuador y la mano sucia de Chevron (Ecuador und die schmutzige Hand von Chevron), Le Monde diplomatique en español, Dezember 2013.
  • 15. Britische Journalistin, ermittelt und schreibt im Bereich Recht und ist juristische Beraterin von Julian Assange.
  • 16. Im Jahr 2001 wurde Schweden von einem Folterskandal an zwei ägyptischen Bürgern erschüttert. Beide wurden während eines geheimen CIA-Flugs mit Ziel Kairo aus Schweden gefoltert. Damals wurde das skandinavische Land von einer Links-Koalition unter Führung des sozialdemokratischen Premierministers Göran Persson regiert.
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