Amerikas / Kultur

Das Janusgesicht der Ethnizität

Ethnische Identitätspolitik zwischen Emanzipation und Unterdrückung

evo-amtseinfuehrung.jpg

Amtseinführung von Boliviens Präsident Evo Morales nach indigenen Riten
Amtseinführung von Boliviens Präsident Evo Morales nach indigenen Riten

"Spanier", "Indianer" und "Schwarze". Die ethnische Hierarchie der Gesellschaft war ein zentrales Merkmal kolonialer Herrschaft in Lateinamerika. Die indigenen Bewegungen der 1990er-Jahre haben ethnische Differenz wiederum zum Kern ihrer Forderung nach gesellschaftlicher Anerkennung gemacht. Welche Bedeutung haben ethnische Identitäten in den lateinamerikanischen Gesellschaften der Gegenwart?

Am 21. Januar 2015 wurde der wiedergewählte bolivianische Staatspräsident Evo Morales in den vorspanischen Ruinen von Tiawanaku im Rahmen einer indigenen Zeremonie in seine dritte Amtsperiode eingeführt. An dem Festakt, der einen Tag vor der offiziellen Amtseinführung im Nationalparlament von La Paz stattfand, nahmen Repräsentanten verschiedener indigener und anderer sozialer Bewegungen Lateinamerikas teil.

Als Evo Morales zehn Jahre zuvor mit einem unerwartet deutlichen Ergebnis zum ersten indigenen Staatspräsidenten Lateinamerikas 1 gewählt worden war, war dies zwar in den Augen der Weltöffentlichkeit einer Sensation gleichgekommen. Doch spätestens seit den 500-Jahr-Feiern und -Protesten der europäischen Entdeckung und Eroberung Amerikas im Jahr 1992 sind indigene Akteure aus der politischen Landschaft Lateinamerikas nicht mehr wegzudenken. Vergleichsweise weniger beachtet sind demgegenüber die zahlreichen afroamerikanischen Bewegungen, die ebenfalls seit den 1990er-Jahren um politische Aufmerksamkeit für ihre Belange kämpfen. Die Anfänge der indigenen Bewegungen Lateinamerikas lassen sich bis in die 60er-Jahre des 20. Jahrhunderts zurückverfolgen, die afroamerikanische Bewegung in Brasilien sogar bis in die erste Jahrhunderthälfte.

Der lange Kampf gegen soziale Ausgrenzung

Gemeinsam ist diesen sozialen Bewegungen die Forderung nach Anerkennung ihrer spezifischen ethnischen Identität, nach politischer Teilhabe und nach Bewahrung ihrer Lebensgrundlagen. Historischer Hintergrund dieser Forderungen ist die jahrhundertelange Unterdrückung der Nachkommen der indigenen Urbevölkerung des Subkontinents wie auch der Nachkommen der aus Afrika in die Neue Welt verschleppten Sklaven. Bis in die 60er-Jahre des 20. Jahrhunderts waren die politischen Eliten der lateinamerikanischen Länder weitgehend davon ausgegangen, dass die ethnischen Unterschiede der Bevölkerung durch die voranschreitende Modernisierung der Gesellschaft zunehmend eingeebnet würden. Das erklärte politische Ziel war seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert die kulturell homogene Mestizennation, mitunter forciert durch Kampagnen gezielter kultureller Assimilierung oder offener militärischer Unterdrückung und stets begleitet durch unterschiedliche Formen alltäglicher Gewalt.

Von der Klasse zur Ethnie

Bis in die Anfänge der Kolonialzeit zurück reicht auch der Widerstand indigener oder afroamerikanischer Gruppen gegen diese verschiedenen Formen der Unterdrückung. Im Zuge des Aufkommens sozialer Bewegungen seit dem frühen 20. Jahrhundert formierte sich Protest und Widerstand lange Zeit vornehmlich im Zeichen des Klassenkampfes, angeführt von Bauern- und Gewerkschaftsorganisationen, begleitet von linksgerichteten Parteien oder Guerillagruppen, in denen indigene Akteure selbst noch wenig Einfluss hatten. In den 1960er- und 1970er-Jahren bildeten sich jedoch genuin indigene Gruppen und Organisationen heraus, zunächst auf lokaler und regionaler Ebene, bis im Jahr 1986 die erste und bis heute bedeutendste nationale indigene Dachorganisation Lateinamerikas, die Confederación de Nacionalidades Indígenas del Ecuador (Conaie), entstand. Heute üben nicht nur in Ecuador und Bolivien zahlreiche indigene Akteure auf lokaler, regionaler und nationaler Ebene politische Funktionen aus, sondern auch auf der internationalen Ebene bis hin zur UNO treten indigene Vertreter Lateinamerikas für die Rechte der von ihnen vertretenen Bevölkerungsgruppen ein. Afroamerikanische Organisationen sind wiederum mittlerweile selbst in solchen lateinamerikanischen Ländern präsent, deren Selbstbild bis heute die europäischen Wurzeln der Nation betont, so etwa in Argentinien.

Die ambivalenten Folgen ethnischer Identitätspolitik

Die Selbstverständlichkeit, mit der wir heute von "indigenen" oder "afroamerikanischen" Akteuren, Gruppen, Rechten etc. sprechen, kann allerdings nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Behauptung einer gruppenspezifischen, auf gemeinsamer Abstammung beruhenden kulturellen Identität, mithin einer ethnischen Identität, politisch wie wissenschaftlich keineswegs unproblematisch ist. Ohne Zweifel hat die indigene Renaissance der 1990er-Jahre dazu geführt, dass in Lateinamerika jahrhundertealte Ressentiments und offener Rassismus, soziale Marginalisierung und eklatante Armut verstärkt Gegenstand politischer Debatten und staatlicher Reformen im Zeichen des Multikulturalismus, der Pluriethnizität oder -nationalität geworden sind.

Die jüngere Vergangenheit hat aber auch gezeigt, dass ethnische Identitätspolitiken neue soziale Grenzen und politische Konflikte etablieren können. Wenn heute etwa afroamerikanische Organisationen in Ecuador die historischen Siedlungsgebiete der von ihnen vertretenen Bevölkerungsgruppen zum festen Bestandteil ihrer ethnischen Identität erklären, so sind es gerade indigene Akteure, die einen solchen Anspruch zurückweisen und als exklusives Merkmal der indigenen Bevölkerung verteidigen. Ethnische Identitätspolitiken können zudem den sozialen Druck zur Herstellung und Bewahrung gruppeninterner Homogenität erhöhen und damit zur Verfestigung traditioneller Geschlechterrollen beitragen oder Konflikte zwischen den Generationen hervorrufen.

Auch die politische Gestaltung und rechtliche Umsetzung von pluriethnischen Verfassungsbestimmungen kommt mitunter an ihre Grenzen. Dies gilt etwa für die Etablierung von Territorien indigener Selbstverwaltung, da die vielfältigen Migrationsströme der Vergangenheit heutige ethnische Grenzziehungen erschweren. Die aktuellen Konflikte um die Ausbeutung von Erdöl bzw. Erdgas in Ecuador, Peru und Bolivien zeigen wiederum, dass die staatlichen Programme zur Förderung indigener Gruppen und Siedlungsgebiete schnell an ihre Grenzen kommen, wenn "nationale Interessen", nicht zuletzt die Staatseinnahmen, ins Spiel kommen.

Hybridität und Wandel ethnischer Identität

Ethnische wie nationale Identitäten sind somit vor allem eines: eine – nicht selten umkämpfte – Ressource in politischen Aushandlungen und Konflikten. Ob die in diesen Kontexten beschworenen "ethnischen Gruppen" tatsächlich als stabile, homogene Kollektive verstanden werden können, ist eher fraglich. In den Kulturwissenschaften gern als Kennzeichen unserer spät- oder postmodernen Gegenwart bezeichnet, kann die historische Forschung die Flexibilität und den Wandel der identitären Positionierung von Individuen und sozialen Gruppen bis weit in die Vergangenheit hinein zurückverfolgen. So wurde mancher südamerikanische "Indianer" schon im 17. Jahrhundert durch die Abwanderung aus seinem Heimatdorf in eine größere Stadt zum "Mestizen". Der sich darin ausdrückende Wandel des ethnisch definierten sozialen Status war die Voraussetzung, um den Tribut- und Arbeitspflichten zu entgehen, welche die spanische Krone der amerikanischen Urbevölkerung auferlegt hatte. Unser heutiges Wissen über die kulturellen Normen und Praktiken der Kolonialzeit zeigen deutlich, dass spanische Eroberer, indigene Gemeinden und verschleppte afrikanische Sklaven nicht in separierten Lebenswelten existierten, sondern dass ein steter kultureller Austausch über räumliche und soziale Grenzen hinweg stattfand. Es scheint, dass der Wille zur ethnischen Abgrenzung in den unteren Bevölkerungsschichten während der Kolonialzeit weit weniger ausgeprägt war, als es die gesellschaftlichen Ordnungsvorstellungen der spanischen Krone und der sozialen Oberschichten vor Ort vorsahen.

So lässt sich auch mit Blick auf die lateinamerikanische Gegenwart festhalten, dass ethnische Selbst- und Fremdzuschreibungen sowohl in der Politik als auch auf der Ebene der Alltagsbeziehungen vom jeweiligen Kontext abhängig und damit wandelbar sind. Eingebunden in gesellschaftliche Machtverhältnisse, dienen ethnische Identitäten der sozialen Verortung von Menschen(-gruppen), sei es zum Zwecke der Emanzipation oder der Unterdrückung. In der sozialen Praxis – und durchaus nicht nur in der Kunst – sind es aber immer wieder einzelne Individuen, die sich einer solch eindeutigen sozialen Verortung entziehen und ganz bewusst flexible oder hybride Identitäten pflegen. Dem entspricht die Politik aktueller sozialer Bewegungen, in der es immer wieder zur Kooperation zwischen klassischen linken Bewegungen und indigenen Organisationen kommt, aktuell etwa im Bereich des Umweltschutzes und der Debatten zum Klimawandel. 


Christian Büschges ist Professor für iberische und lateinamerikanische Geschichte an der Universität Bern und forscht u.a. zur Bedeutung ethnischer Identitätspolitiken in Lateinamerika. Der Text erscheint in der kommenden Ausgabe der Matices – Zeitschrift zu Lateinamerika, Spanien und Portugal, Nr. 81.

  • 1. Anmerkung der Redaktion: Hier irrt der Autor. Benito Juárez, ebenfalls ein Indigener, wurde 1858 zum Präsidenten Mexikos gewählt
Unterstützen Sie amerika21 mit einer Spende via Flattr