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16.06.2015 Venezuela / Politik

Eine venezolanische Geschichte

In dem Interview-Band von Ignacio Ramonet wird klar, warum Hugo Chávez zum Kristallisationspunkt der Geschichte seines Landes wurde
Hugo Chávez und Amerika21.de-Kolumnist Ignacio Ramonet im Interview

Hugo Chávez und amerika21-Kolumnist Ignacio Ramonet im Interview

Quelle: Ignacio Ramonet

Es gibt historische Momente, in denen die "katalysierende Wirkung einer einzelnen Person nötig" ist, "damit es zum Durchbruch kommt". Diese Person bildet "in dieser Lage ein wichtiges Bindeglied, weil ohne ihren Handlungswillen und ihr Charisma die Differenzen Oberhand gewinnen und die Dinge beim Alten bleiben"1. Als Ignacio Ramonet und Hugo Chávez sich in ihren Interviews zum Leben des venezolanischen Präsidenten bis zum Caracazo, dem Aufstand der Venezolaner gegen die neoliberale Politik des sozialdemokratischen Präsidenten Carlos Andrés Pérez im Februar 1989, vorgearbeitet haben, wirft Ramonet die zitierte Passage zur Rolle der Person in der Geschichte ein und fragt Chávez, ob er nicht auch denke, diese Funktion seit den 1990er-Jahren in Venezuela ausgefüllt zu haben.

Chávez antwortet auf diese auffallend ausführliche Frage von Ramonet relativierend, sagt aber auch, dass eine Reihe von Bedingungen ihm eine entscheidende Rolle eingebracht hätten. Wie entscheidend diese Rolle war und bis heute ist, wurde in der Tat in den 1990er-Jahren und dann natürlich besonders seit dem Amtsantritt von Chávez als venezolanischem Präsidenten im Jahr 1999 deutlich. Der Interviewband, der im vergangenen Dezember auf Deutsch erschien, beleuchtet dabei zwar nur das "erste Leben" des 2013 verstorbenen Chávez, also die Zeit vor der Präsidentschaft. Es wird dabei klar, warum es ausgerechnet dieser Offizier aus Barinas war, der der Politik seines Landes eine neue Richtung weisen konnte.

Zwar blickt Chávez an einigen Stellen auch voraus und greift in die Zeit der Präsidentschaft vor. Größtenteils geht es in diesem Interview aber um den Aufstieg des Jungen aus einfachsten Verhältnissen in der Provinz an die Spitze seines Landes. Es wird klar, wie sehr Chávez' Geschichte mit der seines Landes verwoben ist, wie sehr er ein Sohn Venezuelas ist und damit eben auch, warum gerade er die "katalysierende Wirkung" entfalten und Venezuelas Fünfte Republik begründen konnte. Dass dies nur in Verbindung mit dem venezolanischen Volk möglich war und ist und wie Chávez es gelang, eine ganz besondere Verbindung zu seinen Landsleuten aufzubauen, ist gleichsam Teil des Buches.

Historische Tradition

Hugo Chávez' Geschichte ist vielfach beschrieben worden, sein Aufstieg bis zum gescheiterten Putsch 1992 und zur Präsidentschaft ist auch in deutschsprachigen Veröffentlichungen gut dokumentiert und mit Gewinn nachlesbar (z.B. Twickel 2007, Zeuske 2008). Der Interviewband setzt gleichwohl eigene Schwerpunkte – eben solche, die Chávez selbst gerne in den Mittelpunkt stellte – und ist somit zumindest eine hervorragende Ergänzung zu der bereits vorliegenden Literatur. Denn Chávez gibt hier einen tieferen, einen viel intimeren Einblick in das, was ihn bewegt und geprägt hat.

Ausführlich geht es dabei zum Beispiel um seine intensive Auseinandersetzung mit dem legendären Offizier Pedro Pérez Pérez, genannt Maisanta, den Chávez als Vorfahren – er war sein Urgroßvater – ausgemacht hatte und dessen Vorfahre Offizier unter Ezequiel Zamora war. Zamoras Vater kämpfte unter Bolívar. "Wir bilden also eine Kette", sagt Chávez. "Unsere Großväter und wir, ihre Söhne und Enkel, sind alle gleich: gleiches Blut, gleicher Geist, die gleichen Kämpfe, die gleichen Fahnen und die gleichen Ideale. Alle Kämpfer für die Freiheit." (93)

Chávez war sich seiner Geschichte und der seines Landes bewusst, er vertiefte sich in sie und war wie kaum ein anderer in der Lage, solche Traditionslinien nicht nur zu propagieren, sondern sie auch zu leben. Dass er sich als Militär, als Kandidat und später als Präsident auf den venezolanischen Gründungsmythos und Bolívar bezog, war nach Jahren des Ausverkaufs ein greifbarer und verständlicher Neuanfang "auf der Basis autochthoner Ideen und Zielvorstellungen" (Zeuske 2008, 481). Für Chávez ist die Geschichte eine "große Lehrmeisterin, sie hilft uns, uns unser selbst bewusst zu werden" (101). Weil er dieser Lehrmeisterin zuhörte, weil er genau hinschaute, war es ihm anders als anderen möglich, neue Wege zu beschreiten und dabei die Tradition zu bewahren.

Oft ist Chávez' Umgang mit der Geschichte kritisiert oder belächelt worden, die große Symbolik wie beispielsweise das Schwert Bolívars, das Chávez immer wieder nutzte. Genau dadurch aber hielt er die Erinnerung wach. Durch seine unermüdlichen Vorträge über die venezolanische Geschichte verbunden mit der Vision der Befreiung – die zur Verwunderung der Linken in Lateinamerika wie anderswo immer wieder auch christliche Traditionen aufnahm – schuf er ein kollektives Geschichtsbewusstsein, das bis in die Barrios drang und deren Vortrag immer wieder beeindruckend war. Denn wenn ein Venezolaner, so er Anhänger von Chávez ist, dem Gast beispielsweise aus Deutschland die Geschichte seines Landes voller Stolz in Grundzügen erklärt und auslegt, ist Bolívar, sind aber auch Zamora und Rodríguez präsent.

Wer seine eigene Geschichte nicht kennt, wer die Geschichte seines Landes nicht durch- und aufgearbeitet hat, der kann sie auch nicht bewusst gestalten. Gerade weil Souveränität und Selbstbestimmung notwendige Voraussetzung für die eigenständige Entwicklung eines Landes sind, ist die Bewahrung, aber auch die Bewältigung – je nach konkretem Inhalt – der historischen Tradition so wichtig. Nach dieser Maxime handelte Chávez. So ist das umfangreiche Interview von Ignacio Ramonet nicht nur ein Geschichtsbuch, das dem Leser die Persönlichkeit dieses außergewöhnlichen Politikers nahebringt. Gleichzeitig liefert es auch einen Blick auf die Geschichte Venezuelas und ist mithin eine Hilfe für die Venezolaner, sich durch die Geschichte ihres Landes weiter hindurchzuarbeiten.

Der Militär

Für viele Linke ist es bis heute ein Problem, dass Hugo Chávez' bis zur Entlassung 1994 ein Militär war. Dass die Armee Venezuelas "in ihrer Zusammensetzung die Volksmassen" vertreten hat (216), wird dabei gerne übersehen. Das ist auch eine der Grundlagen für den zivil-militärischen Pakt, den Chávez schon 1992 anstrebte und im Rahmen seiner Präsidentschaft so weit aufbaute, dass er 2002 beim Putschversuch gegen ihn genügend Rückhalt in den Streitkräften hatte. Dass dieser Pakt notwendig war (und ist) zeigt dabei die lateinamerikanische Geschichte, in der das Militär vielfach eine reaktionäre Rolle gespielt hat, etwa in Chile.

Chávez zitiert eine Rede Fidel Castros aus dem Jahr 1973 kurz nach dem Putsch gegen Salvador Allende, eine Rede, die er am Radio live gehört habe: "Wenn jeder Arbeiter und jeder Bauer ein Gewehr in der Hand gehabt hätte, wäre es nie zu diesem faschistischen Putsch gekommen." (313) Diese Rede habe bereits früh die Notwendigkeit der Zusammenarbeit von Zivilisten und Militärs gestärkt, so Chávez. Durch seine Einsätze auch gegen die Guerilla in Venezuela erlebte er beide Seiten und verstand, warum der bewaffnete Kampf, mit dem er zeitweise sympathisierte, nicht der richtige Weg war. Auch hier verbinden sich persönliche Erfahrungen – der Mord an einem Kameraden aus dem Hinterhalt durch eine Guerillaeinheit – mit politischen Analysen und Kontakten zu Douglas Bravo und anderen.

Hugo Chávez lernte durch Vermittlung seines Bruders Adán 1978 den bereits legendären Guerillero kennen und merkte schnell, dass beide in die gleiche Richtung dachten. Er sah seine Rolle in der Bewegung Ruptura als eine langfristige an und blieb so in der Armee, auch wenn er immer wieder damit haderte und Alternativen für sich selbst überlegte. Chávez wusste, dass er auch durch seine politische Position, die kaum zu verbergen war, immer etwas besser sein musste als die anderen. Gleichzeitig war es aber auch die Armee, waren es die Fähigkeiten, die er als Offizier an den besten Militärschulen seines Landes ausbildete, die dabei halfen, ihn für die Sektiererei der Linken seines Landes unempfänglich zu machen. Er lernte nicht nur Bravo, sondern auch den Generalsekretär der Bewegung La Causa R kennen und schlug die Vereinigung der Bewegungen vor. Das musste scheitern. "Alle waren von der gleichen Sache besessen: Sie wollten die revolutionäre Bewegung bestimmen, und diese Obsession brachte sie dazu, sich mit den anderen zu bekriegen." (326)

Was Chávez eine Tragödie nennt, hat indes auch etwas damit zu tun, dass diese "alte Linke" nicht in der Lage war, ihre konkrete Stellung in Geschichte und Gegenwart Venezuelas sowie gleichzeitig die Aufgabe zu erkennen, die der revolutionären Bewegung des Landes gestellt war. Der Wandel konnte nicht innerhalb des Systems geschehen. Diese Erkenntnis vertrat Chávez, der analysierte: "Die Spaltung, die Uneinigkeit, die fehlende historische Vision einer Linken, die Unfähigkeit, sich zusammenzuschließen – das sind einige der Hauptgründe des immer wiederkehrenden Sieges der Rechten in Lateinamerika" (ebenda). Angesichts der aktuell erneut ablaufenden Spaltungen innerhalb der Bewegung in Venezuela – die PSUV-Strömung Marea Socialista möchte im Herbst 2015 mit eigenen Kandidaten zur Parlamentswahl antreten, weil die Parteiführung ihrer Ansicht nach selbstherrlich und sektiererisch vorgeht – wird immer klarer, dass auch der organisierte Chavismus Probleme hat, diese Lehre aus der Geschichte umzusetzen. Chávez selbst erkannte nach eigener Aussage durch die Grabenkämpfe in der Linken, "dass die Bewegung in den Streitkräften entstehen müsste" (327).

Jenseits der organisierten Linken

Die Bewegung im Militär entstand im Dezember 1982 und dabei stellten sich Chávez und seine Mitstreiter in die Tradition von Bolívar. Der Wortlaut des Schwurs am Samán-Baum von Güere lautete, den "Libertador" paraphrasierend: "Ich schwöre beim Gott meiner Väter, ich schwöre bei meiner Ehre, dass meine Seele keinen Frieden finden und mein Arm nicht ruhen wird, bis die Ketten gesprengt sind, die mein Volk durch den Willen der Mächtigen knechten. Volkswahlen, freie Erde und freie Menschen, Schrecken der Oligarchie" (368). Die "Bolivarische Revolutionäre Armee" (EBR), später umbenannt in "Bolivarische Revolutionäre Bewegung" (MBR-200), entstand innerhalb der Armee und war bis zum gescheiterten Putsch im Februar 1992 nur wenigen Eingeweihten bekannt.

Chávez hatte für sich die Lehren daraus gezogen, dass der Weg der organisierten linken Parteien in die Sackgasse geführt hatte, auch wenn er am Bündnis mit ihnen festhielt, was sich 1992 als Fehler erweisen sollte. Ihm wurde in den 1980er Jahren immer klarer, dass die Politik in der Vierten Republik nicht die Lösung für die Probleme seines Landes bringen konnte und so deprimierten ihn beispielsweise im Dezember 1988 die Siegesfeiern nach dem Wahlsieg von Carlos Andrés Pérez. War dieser zehn Jahre zuvor noch als korrupt beschrieben worden, so wurde er nun gewählt und gefeiert, während die linken Gruppen gespalten blieben. "Welche Hoffnung blieb diesem Land noch?", fragte er sich. "Ich ging völlig deprimiert ins Bett, wollte aus der Armee austreten, mein Studium beenden und sehen, was sich auf der Straße mit den Bewegungen machen ließ." (395)

Aber Chávez blieb in der Armee, arbeitete weiter im Verborgenen am Aufbau der Organisation und musste im Februar 1989 mit ansehen, wie das protestierende Volk zusammengeschossen wurde. Seine Bewegung war planlos: "Nur wenige von uns konnten individuelle Aktionen unternehmen, um das Massaker einzudämmen." (400) Chávez selbst hütete das Bett, er war krank. In der Rückschau sieht er den Caracazo als Wiedergeburt der Bolivarischen Revolution, ein Volk erhob sich gegen den IWF. Die Erhebung verlief planlos und mit vielen Verlusten, die bolivarische Bewegung im Militär erlebte indes einen neuen Aufschwung. Allerdings war sie aus mehreren Gründen, die Chávez detailliert beschreibt, 1992 nicht in der Lage, den Putsch gegen Präsident Pérez erfolgreich auszuführen.

Der Putschversuch des 4. Februar unter seiner Führung, der mit der berühmten Fernsehansprache und dem "por ahora" (vorerst sei man gescheitert) endete und Chávez landesweit bekannt machte, war letztlich eine rein militärische Aktion, denn die zivilen Bündnispartner waren paralysiert. In Chávez' Augen lag dies vor allem am Putsch in der Sowjetunion, mit dem das Ende des "Realsozialismus" besiegelt wurde. Zwar habe sich die Bewegung zu dieser Zeit noch nicht das Ziel des Sozialismus auf die Fahnen geschrieben gehabt, gleichwohl waren die Sowjetunion oder auch Nicaragua, wo die Sandinisten 1990 die Wahlen verloren, Referenzpunkte gerade auch für die internationalen Kontakte.

Chávez lässt es dabei im Interview – und Ramonet drängt ihn auch nicht dazu – an einer tiefergreifenden Analyse des "Realsozialismus" mangeln, er bleibt in dem Buch ein vager Referenzpunkt, der aber in Wirklichkeit keiner sein konnte, die "allgemeine reale Staatssklaverei", wie Rudi Dutschke prägnant die Sowjetunion beschrieben hat, widersprach diametral dem bolivarischen Programm der Militärs um Chávez. Er macht indes im Interview klar, dass die Ereignisse der Jahre 1989-1991 insbesondere für die zivilen Bündnispartner, die politischen Parteien, große Bedeutung hatten: "In der zweiten Jahreshälfte 1991 sah ich, wie die Kräfte bei unseren zivilen Verbündeten der Linken schwanden", sagt er (444). Ohne ihren Koffer in Moskau hatte diese "alte Linke" abgewirtschaftet. Es mussten ganz neue Wege beschritten werden.

Aufbau von Basisorganisationen

Knapp zehn Jahre nach dem Schwur, mit dem die Bewegung im Militär entstanden war, war sie nun in der Öffentlichkeit aufgetreten. Chávez wurde nach dem Putschversuch und der Ansprache zum Mythos, wurde inhaftiert und arbeitete aus dem Gefängnis weiter. Gleichzeitig begann sich das Volk zu organisieren und schuf so eine Alternative zu den Kaderparteien der Linken, die schon 1992 nicht in der Lage gewesen waren, entscheidend beim Sturz der Regierung und dem Aufbau einer neuen Republik mitzuwirken. Sie blieben zerstritten. Während die einen sich nach dem Sturz von Pérez bei der Neuwahl 1993 hinter dem Kandidaten der La Causa R versammelten, unterstützten die anderen – unter ihnen die Kommunisten – zumindest für kurze Zeit den späteren Präsidenten Raphael Caldera.

Das Ziel von Chávez und seinen Kameraden war eine neue Verfassung, die Beteiligung an den Wahlen kam erst sehr viel später in den Blick, auch wenn einige der Offiziere sich linken Parteien anschlossen. Die Alternative war das organisierte Volk und Chávez hatte schon aus dem Gefängnis begonnen, überall im Land bolivarische Komitees zu gründen. Ohne seine einnehmende Art, ohne sein Bewusstsein über die eigene Geschichte und die eigene Herkunft und ohne die unermüdlichen Reisen durch das Land nach der Freilassung im Jahr 1994 hätte er die Verbindung mit den einfachen Venezolanern allerdings nicht vertiefen können.

Chávez musste ihnen eines vermitteln: Es gibt eine Alternative zur herrschenden nur scheinbar demokratischen Ordnung, eine "konkrete Utopie". "Es ging darum, in der Psyche des Volkes diesen wunderbaren Gedanken eines anderen Landes zu stärken." (506) Gleichzeitig war es nötig, über "eine eigene politische Organisation mit eigenem politischen Profil zu verfügen [...], weil wir andernfalls in tausende unterschiedliche Strömungen zerfallen wären" (513). Es war ein Aufbau mit langem Atem, in dem sich immer wieder zeigte, dass das Volk nach und nach immer stärker hinter Chávez und nicht hinter den Parteien stand.

Die Menschen wollten – Chávez beschreibt einen Protestmarsch zum 1. Mai – ihn hören und nicht die Parteiführer, die, wie er sagt, "nicht genügend Rückgrat" hatten, "um den Verfügungen und den Tücken des Systems zu widerstehen. Unser Ziel war vielmehr die Kraft des Volkes zu kanalisieren und sie auf das Ziel des Systemwandels auszurichten: die Verfassungsgebende Versammlung" (519). Der Wahlsieg 1998 war nur denkbar durch den unermüdlichen Aufbau der neuen bolivarischen Bewegung als neuer politischer Akteur jenseits der alten Denkmuster (554). Die Unterstützung wuchs, die Glaubwürdigkeit der alten Parteien sank, was Chávez schließlich dazu gebracht hatte, entgegen des ursprünglichen Programms doch zur Wahl anzutreten. "Ich überzeugte mich davon, dass ich an die Spitze des Landes aufsteigen müsse, um es zu verändern" (560).

Ungelöste Probleme

Chávez stand mehr als 14 Jahre an der Spitze seines Landes und er hat es verändert. Die Veränderungen sind nachhaltig, inwieweit sie aber Bestand haben, ist unklar. Wir können heute sehen, dass die Veränderungen neue Probleme mit sich brachten und viele der alten nicht überwunden sind. Im Interview mit Ramonet beschreibt Chávez den Kern des venezolanischen Dilemmas, wenn er seinen ersten Besuch in Caracas schildert. Zwar habe er damals noch nicht das ganze Problem verstanden, aber es deutete sich an. Die Elendsviertel, die es überall gab und die bis heute wachsen, hingen mit der Politik der vorigen Regierungen zusammen, die das Land sich selbst überließen und alles auf das Erdöl setzten. "Das Geschäft mit dem Erdöl vernichtete die Landwirtschaft fast völlig." (226) Ihr Aufbau unter Chávez ist trotz einiger punktueller Erfolge als gescheitert zu betrachten, derzeit scheint ein neuer Anlauf nicht in Sicht.

Der Regierung Chávez ist es nicht gelungen, die Rückkehr aufs Land zu befördern und den Weg in Richtung größerer Ernährungssicherheit geschweige denn Ernährungssouveränität zu beschreiten. Die derzeitigen Versorgungsprobleme hängen auch damit zusammen, dass das Land mehr als je zuvor vom Erdöl abhängt (vgl. z.B. Lander 2014). Der venezolanische Sozialismus ist – bei aller Organisation der Basis – ein Verteilungssozialismus. Selbst das, was Chávez in knappen Worten als wirtschaftlichen Sozialismus beschreibt, ist heute nur in Ansätzen verwirklicht: "Nationalisierung der Schlüsselbereiche der Wirtschaft, Entwicklung von Kooperativen, Beteiligung der Arbeiter an allen Niveaus der Organisation und Führung von Betrieben, ein öffentliches Kreditinstitut etc." (477)

Chávez hatte 2006 öffentlich begonnen, vom Sozialismus besprechen. Er hat immer betont, dass es ein eigener venezolanischer Sozialismus sein müsse und hat bis zu seinem Tod daran gearbeitet. Seine Anstrengungen reichten nicht, sein Programm mag etwas zu kurz gegriffen haben; der ehrliche Wille und die konkrete Utopie sind ihm aber keineswegs abzusprechen. Wenn man die gerade knapp zitierten Eckpfeiler aber prägnant zusammenfassen will, so hat die Verstaatlichung Korruption und Klientelismus befördert, die Entwicklung der Kooperativen ist nur der Zahl nach erfolgreich und die Beteiligung der Arbeiter ist insbesondere in der staatlichen Erdölindustrie weiterhin kaum vorhanden – zumal eine Verbindung mit den sonstigen Organisationen des Chavismus fehlt. Chávez selbst weist im Interview darauf hin, dass Sozialismus ohne eine Veränderung des Menschen, ohne eine Selbstveränderung nicht möglich sei (ebenda).

Es ist eines der Versäumnisse des Chavismus, dass ihre Organisationen zum einen kaum mehr als Wahlkampfmaschinen und zum anderen kaum mehr als lokale Basisorganisationen waren. Gleichzeitig sind Fehler wiederholt worden und die Lehren aus missglückten Sozialismus-Versuchen nicht konsequent gezogen worden (weitere Gedanken hierzu in Buttkereit 2011, 103ff.). Die offene Frage ist, ob eine Kursänderung möglich ist, bevor alte Fehler immer und immer wiederkehren. Aber diese kann Chávez nicht mehr selbst beantworten. Sein Beispiel indes könnte bei der Bewältigung der Fehler helfen, wenn es bewusst – auch in der von ihm geübten Selbstkritik – verstanden und davon ausgehend über ihn hinaus gedacht wird.


Zitierte Literatur

  • Buttkereit 2011: Helge Buttkereit, "Wir haben keine Angst mehr". Interviews, Reportagen und Analysen zum bolivarischen Veneziela, Pahl-Rugenstein 2011
  • Lander 2014: Edgardo Lander, Neo-Extraktivismus als Entwicklungsmodell für Lateinamerika und seine Widersprüche, als Ergänzung ist auch sein Gespräch mit Tobias Lambert interessant
  • Ramonet/Chávez 2014: Hugo Chávez, Mein erstes Leben, Neues Leben, Berlin 2014
  • Twickel 2008: Christoph Twickel, Hugo Chávez. Eine Biografie, Edition Nautilus, 3. Auflage, Hamburg 2007
  • Zeuske 2008: Michael Zeuske, Von Bolívar zu Chávez. Die Geschichte Venezuelas, Rotpunktverlag, Zürich 2008
  • 1. Ramonet/Chávez 2014, 428, die Seitenangaben im Folgenden beziehen sich auf dieses Buch.
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