DruckversionEinem Freund senden
07.10.2016 Argentinien / Politik

Hebe de Bonafini: "Wir können nicht einfach regungslos sitzen bleiben"

Die Vorsitzende der Madres de Plaza de Mayo über die Reaktion der Bevölkerung auf den Versuch, sie festzunehmen
"Kein Vergeben, kein Vergessen": Bild zu Ehren der "Madres" im Stadtteil La Boca in Buenos Aires. Es wurde vom Wandmaler Lucas Quinto entworfen und von Schülern der Escuela de Adultos Nº 29 de La Boca angefertigt

"Kein Vergeben, kein Vergessen": Bild zu Ehren der "Madres" im Stadtteil La Boca in Buenos Aires. Es wurde vom Wandmaler Lucas Quinto entworfen und von Schülern der Escuela de Adultos Nº 29 de La Boca angefertigt

Lizenz: CC

"Das Volk hat bewiesen, dass wir viel schaffen können, dass die Straße uns gehört", sagt die Vorsitzende der Madres de Plaza de Mayo1 und betont: "Macri2 ist nicht der Eigentümer dieses Landes.

Wie so oft hat Hebe de Bonafini mit 87 Jahren wieder bewiesen, dass sie den Mut hat zu tun, was sonst niemand tut. Und dieses Mal provozierte sie ein unerwartetes politisches Ereignis. Sie widersetzte sich einer Gerichtsanordnung, die sie dazu verpflichtete, ihr Verteidigungsrecht auszuüben. Ja, die von Richter Marcelo Martínez de Giorgi angeordnete Vorladung zu einer Aussage ist eine Prozessinstanz, die zu Gunsten des Beschuldigten gedacht ist. Gegen die Präsidentin der Vereinigung Madres de Plaza de Mayo wird derzeit im Rahmen eines Betrugsfalls beim Wohnungsbauprogramm, das als "Sueños Compartidos" (Geteilte Träume) bekannt ist, ermittelt. Sie hatte angekündigt, dass sie nicht aussagen würde, da sie dies bereits getan habe und zudem bereits alle Dokumente eingereicht hätte. Der Richter erließ einen Haftbefehl, den wie für einen Kriegseinsatz ausgerüstete Polizisten durchsetzen sollten, während sich die Mütter, wie jeden Donnerstag, auf den Weg zur Plaza de Mayo machten – dem Ort auf der Welt, an dem sie das Gefühl haben, mit ihren verschwunden Söhnen und Töchtern zusammenzukommen. Spontan bildete sich eine Menschenmenge, die die Mütter schützend in ihre Mitte nahm und entkommen ließen und dem maßlosen Polizeieinsatz eine Grenze setzten. Einen Tag später revidierte der Richter den Haftbefehl und willigte ein, die Aussage von Bonafini im Haus der Mütter entgegenzunehmen. In einer Karawane fuhr Hebe nach Mar de Plata und dort sprach sie mit Página/12.

"Ich bin zufrieden, nicht wegen dem, was diesem Land geschieht, sondern weil das Volk bewiesen hat, dass es viele Dinge gibt, die wir schaffen können, dass die Straße uns gehört und dass auf der ganzen Strecke nichts passiert ist. Die Leute warfen uns Papierzettel zu, wie schön! Nicht alle sind PRO3. Ich möchte nicht das Motto unserer Vereinigung ändern, aber dieses 'Wir schaffen das' (Sí podemos) trifft nun auf uns zu. Das Motto haben wir uns angeeignet, ich werde es nicht benutzen, weil ich nicht kopieren will, ich denk mir ein anderes aus, aber… Macri, wir schaffen das!"

Es scheint so, als hätten Sie einen Jaime Durán Barba4...

Um Himmels Willen! Mir fallen Slogans ein, weil ich in der Sache drin stecke. Was passiert ist, ist verrückt. Die Stimmung der Leute…überall an der Wegstrecke erwarteten sie uns mit kleinen Geschenken und Fahnen.

Was haben die Leute gesagt?

Sie haben mir gedankt. Ich habe ihnen gesagt, dass sie das vollbracht haben, nicht ich. Ich habe mich nur getraut zu machen, was sich sonst niemand traut. Wir Völker müssen verstehen, dass die Plätze und Straßen uns Recht geben können. Wir haben in Varela, Gutiérrez, Hudson, Chascomús, Lezama, Maipú gehalten und die Karawane konzentrierte sich am Ortseingang von Mar de Plata. Auf der Strecke waren Leute, Motorräder folgten uns und filmten, was passierte. Das war unbeschreiblich. So etwas habe ich noch nie für eine Frau aus einem Dorf gesehen, nicht mal für einen Star. Da war kein Durchkommen, die Leute waren total verrückt. Ich bin total beeindruckt.

Cristina Fernández de Kircher5. Wie war dieses Gespräch?

Ja, mehrmals. Zunächst war sie um mein Leben besorgt. Der erste Polizeieinsatz war extrem. Es gab drei Wasserwerfer, zwei Reihen von Aufstandsbekämpfungseinheiten, Bewaffnete in zivil, drei Personentransporter und Polizisten der Bundespolizei, die das Haus der Mütter umzingelten. Ich dachte: "Das kann ein Massaker werden, wir müssen aufpassen." Deshalb machten wir diese Finte und gingen einfach über den Bürgersteig weg. Die Leute folgen einem auf die Straße, weil man etwas unternimmt, und dann muss man sie schützen. Cristina hatte große Angst, dass die Polizei mich mitnehmen und mir etwas passieren würde, dass ich krank werden und sterben könnte. Sie sagte: "Pass bloß auf dich auf." Ich entgegnete ihr: "Ich weiß, was ich tue, Cristina. Ich denke immer an meine Kinder6, die alles gegeben haben und ich denke, dass der Moment gekommen ist, alles zu geben, was man hat. Mir bleibt nur noch so wenig Lebenszeit. Worin soll ich die investieren, wenn nicht in diese Sache." - "Ist gut", sagte sie mir, "mach', was du willst." Später war sie erleichtert. Sie rief mich nochmal an, weil ja alles anders endete, als wir gedacht hatten, nicht wahr?

Sie hatten angekündigt, dass Sie nicht aussagen würden. Hätten Sie gedacht, dass so ein Kommando auf Sie angesetzt werden würde?

Niemals sage ich aus, wenn sie diejenigen nicht verhaften, die sie verhaften sollten. Sie kamen mit Schutzschildern und Kriegsausrüstung an. Das Haus der Mütter war bereits voller Mitglieder unserer Organisation. Auch Bewaffnete in Zivil waren da.

Bewaffnete Zivile?

Ja, die Leute, die sie in Zivil schicken, die Spione, kommen immer, dieses Mal waren es viele. Manchmal erkenne ich sie während der Märsche und schmeiße sie raus und sie hauen ab. Ab und zu verkleiden sie sich als Alte, oder sie schicken dir ein junges, schlecht gekleidetes Mädel, und dann kriegst du mit, dass sie dich ausspionieren. Sie stellen sich an meine Seite und besetzen strategische Orte auf dem Platz, um die Leute zu hören, die gekommen sind und mich zu sehen. Ich lehnte mich ausd dem Fenster und sah die Wasserwerfer. Juan Manuel Morente, der Rechtsanwalt, hatte die gute Eingebung, den Offiziellen, der zur Hausdurchsuchung kam, rauszuschmeißen, weil er keinen Durchsuchungsbefehl vorzeigte. Juan Manuel ist ein junger, sehr intelligenter Mann.

Im Gericht wollten sie mein Schreiben, das Schreiben einer Frau, nicht annehmen, weil es nicht juristisch sei. In Wahrheit habe ich mich immer dem Gesetz gebeugt. Ich bin mehrmals zum Gericht gegangen, es ist nicht so, dass ich nicht hingegangen wäre. Weißt du, Kafka hat gesagt, das Gesetz ist das Gesetz der Bourgeoisie und was wir gemacht haben, ist, dagegen ein wenig aufzubegehren, dagegen, dass die Bourgeois immer Recht behalten. Nach alledem haben sie aus Lateinamerika, Europa, aus allen Teilen der Welt angerufen, sie haben mich nicht in Ruhe gelassen. Einige haben gesagt: "Du hast die Rechtssprechung geändert". Ich weiß nicht, ich verstehe nicht viel von Recht. Ich weiß nur, dass es sehr gut ist, dass so etwas passiert und wir Völker uns sicher sein können, dass wenn wir auf die Straße gehen, um für unser Recht zu kämpfen, auch Recht bekommen. Wenn man zu Hause sitzen bleibt, ist das schwierig.

Im Konkreten ist der Richter nach der Reaktion der Bevölkerung mit seinem Haftbefehl zurückgerudert und hat gesagt, er sei bereit, ins Haus der Mütter zu kommen. Wie bewerten Sie diese juristische Tatsache, die offensichtlich eine politische Lesart hat?

Wenn der Richter ins Haus der Mütter kommt, werden wir ihn empfangen. Wir haben denen noch nicht einmal bei Hausdurchsuchungen die Türen verschlossen. Sie haben bei uns schon so oft durchsucht, aber da wir nichts zu verbergen haben… Bei der ersten Durchsuchung, die wir wegen der Sache mit Schoklender7 hatten, kam eine Unmenge von Uniformierten. Die Mütter kamen auch und ich sagte ihnen: "Erschreckt euch nicht: Wir haben nichts zu verstecken. Die sollen ruhig alle Möbel aufmachen, alles durchsuchen. Wir bleiben hier in der Küche sitzen." Als wir dablieben, sagte einer der Offiziellen, "Ich werde hier anfangen“, öffnete einen Küchenschrank und holte drei blaue Bücher heraus. Er dachte, das wären Rechnungsbücher, aber es waren Tagebücher der Mütter. Der Typ schlug sie auf und da stand "Prozess und Strafe für die Schuldigen" als Titel auf einem der Tagebücher. Es war so, als würden wir es zu ihm sagen, er wusste nicht, was er tun sollte. Bei jeder Sache, die sie öffneten, kamen Dinge der Mütter zum Vorschein. Sie brachten alles durcheinander, warfen aber nichts auf den Boden, und blieben stundenlang. Wir haben uns also nie der Justiz widersetzt, sondern im Gegenteil ihnen schon oft Tür und Tor geöffnet, sollen sie jetzt also vorladen rufen, wen sie meinen vorladen zu müssen.

Wen glauben Sie, werden sie nicht vorladen?

Eine Menge Leute. Es gibt mehr als Hundert Beschuldigte. Ich habe mit dem Richter gesprochen. Es ist nicht so, als wären wir nicht hingegangen. Es erschien mir wichtig, "Basta" zu sagen, "Basta" auch an die Adresse von Macri.

Wollten Sie dem Macrismus eine politische Warnung geben?

Klar. Er kann nicht einfach tun, was er will. Er ist nicht der König des Landes. Das haben ihn die Yankees glauben gemacht, aber er ist nicht Eigentümer dieses Landes. Zum Regieren ist er da, nicht dafür, das Land in Besitz zu nehmen. Er hat vom Land Besitz ergriffen und nun verkauft er es aus und verschenkt es. Der Mangel an Arbeitsplätzen ist ein Verbrechen, für das jemand zahlen muss, man sieht nachts Schlangen von Menschen, die nach Essen suchen, und es sind nicht die Menschen, die auf der Straße leben. Leute, die kein Essen kaufen können, nicht weil sie das Gas nicht bezahlen können, sondern weil sie keine Arbeit haben.

Werden Sie vor dem Richter aussagen?

Nein. Ich habe das Recht, nicht auszusagen. Das hat mir (Raúl) Zaffaroni8 gesagt, einer von vielen, die mich angerufen haben. Den Richter empfangen, ja, wie es sich gehört, aber nicht aussagen. "Du hast Rechte", haben mir die Anwälte gesagt. Die älteren, die schon etwas verdorrt sind, nicht, die sagten mir, ich müsste hingehen. Von beiden Seiten haben sie mir in den Ohren gelegen und ich musste einen kühlen Kopf bewahren, um zu überlegen, was das Richtige ist. Ich habe daran gedacht, was meine Kinder wollen würden und was allen Leuten nützen würde. Und das, denke ich, haben wir gemacht.

Von Macri über Marcos Peña9 bis Gabriela Michetti 10 heißt es immer wieder, dass alle vor dem Gesetz gleich sind und dass Sie sich deshalb der Justiz stellen müssten.

Ich möchte mit denen nicht gleich sein, auch nicht vor dem Gesetz. Schau mal an, wie sie sie sich jetzt mit uns gleich machen wollen. Je weiter entfernt von denen, desto besser. Schau dir an, wie sie uns jetzt gleichmachen wollen. Aber wir gleichen uns in nichts.

Hatten Sie irgendeinen Kontakt mit dem Richter oder lief alles über Ihren Anwalt?

Alles über meinen Anwalt. Da bin ich sehr juristisch.

Es wird ein schwieriges Treffen werden, Sie haben den Richter beschimpft.

Was er nicht sagen kann, ist, ich sei nicht ehrlich. Also gut. Ich werde ihn respektvoll empfangen. Es gibt keinen Grund, warum mir der Respekt vor ihm fehlen sollte. Öffentlich ist er mir vielleicht ab und zu abhanden gekommen, weil man sich da manchmal nicht im Zaum halten kann. Aber wir Mütter haben nicht das kleinste Problem mit ihm und sein Besuch wird eine gute Gelegenheit sein, einmal unser Haus kennen zu lernen. Das Haus der Mütter zu betreten, ist heilsam, schön, bringt Freude und wir haben viel zu zeigen.

Hebe de Bonafini (März 2015), die Vorsitzende der Madres de Plaza de Mayo

Der Richter sagte, er erwäge die Möglichkeit, einer Anzeige wegen Strafvereitelung gegen die politischen Führer an Ihrer Seite stattzugeben. Wie sehen Sie das?

(Lacht.) Wir können ein Theaterstück aufführen, eine Sainete11 wäre fantastisch. Das Problem ist, dass die Leute es nicht glauben würden. Einige von ihnen wollten länger bleiben und ich musste ihnen sagen: "Nein. Wir müssen pinkeln. Wir Mütter sind schon seit einer Ewigkeit nicht mehr auf die Toilette gegangen." Aus diesem Grund sind wir eilig zurückgekehrt. Wenn wir nicht Paxon, das Harntreibemittel, für das man beim PAMI jetzt auch noch zahlen muss, nehmen würden, wären wir länger geblieben.

Das Ganze war unverhältnismäßig. Denken Sie, der Richter dachte an die Folgen, die es haben würde, einen Haftbefehl gegen die Präsidentin der Vereinigung der Madres de la Plaza de Mayo zu erlassen?

Das Sicherheitskommando hat das Ganze ausgelöst. Die haben keinen Blick für die Geschichte. Der Richter denkt, ich bin eine arme Frau, die halt jeden Donnerstag auf den Platz geht. Er weiß nicht, was wir Mütter alles gemacht haben, er weiß nicht, wie sehr das Volk uns liebt. Das ist die Arbeit von 40 Jahren. Ich habe mich nie zurückgehalten, viele Leute haben mir gesagt: "Hebe, dir kann etwas zustoßen." Ich habe gelitten, seit sie meine Kinder verschwinden ließen, aber ich habe nie an mich selbst gedacht. Jedes Mal, wenn man etwas tut, ist das wie eine Geburt. Man darf nicht an sich selbst denken, sondern daran, dass das Kind gesund zur Welt kommt. Auch das war wieder wie eine Geburt und das Resultat sollte ein Gutes werden. Zehn Tage nachdem sie mir meinen Sohn nahmen, als sie mich wissen ließen, dass sie ihn schon seit zehn Tagen folterten, ging ich zum Kommissariat 5, weil der Richter nicht gehen wollte. Der Richter Aramo aus La Plata sagte mir: "Meine Dame, Sie sind verrückt". Und ich betrat tatsächlich wie eine Verrückte das Kommissariat, sie konnten mich nicht bändigen und verpassten mir schließlich eine Tracht Prügel, und sie warfen mich bei strömendem Regen auf die Straße. Ich blieb weinend auf der Straße liegen und dachte nicht an mich, ich dachte an meinen Sohn, der da drin war.

Und so war es auch jetzt wieder: Ich dachte an diesen Moment, an meine Kinder, dachte daran, wie viele Leute noch mitkriegen müssen, wie viel Macht wir haben, die Dinge zu tun, die wir wollen und und für richtig halten. Wir können nicht regungslos sitzen bleiben und sagen "Oh je, wie schlecht es uns geht. Oh je, sie haben mich gefeuert." Nein, liebe Freunde. Es gibt viele Dinge, die man tun kann, nichts kaputt machen, nicht mit Gegenständen werfen, nicht provozieren. Was die wollen, ist ein Toter. Mir war neulich angst und bange, ich dachte: "Was wollen die? Dass einer sich widersetzt und sie ihm einen Kopfschuss verpassen können." Stellt euch vor, wie die Leute drauf waren, als immer mehr Polizisten kamen. Wie viele Leute braucht man, um eine 87-Jährige festzunehmen?

Die Mainstream-Medien predigten, dass Ihr Widerstand Gewalt beinhaltete.

Ganz genau. Und deshalb muss man aufpassen, wie weit man geht und wie man was macht. Wir Mütter sind es gewohnt, der Polizei auszuweichen. Seit vierzig Jahren halten wir uns die vom Leibe, seit vierzig Jahren vertreiben wir sie von der Plaza, denn wir wollen sie dort nicht, wir brauchen sie nicht. Als (Fernando) de la Rua12 uns eines Tages den Platz abriegelte und nicht wieder öffnen wollte, liehen wir uns zwei Aluminiumleitern aus, kletterten die eine rauf und die andere runter und stiegen so über die Absperrungen auf den Platz. Damals ging das noch, da waren wir weit jünger. Wir Völker finden immer einen Weg. Jetzt wo ich hier in Mar del Plata bin, auf diesem Zusammentreffen, habe ich die ersten Karten mitgebracht, die wir Mütter angefertigt haben. Am Anfang wollten wir keine Flugblätter machen, wir hatten Angst, denn Flugblätter galten oft als Grund, wieso man unsere Söhne und Töchter verschleppt hatte. So haben die Mütter von La Plata sich ausgedacht, dass jede ihre Karten anfertigt wie sie möchte… Darf man kaum erzählen, wie schrecklich die aussahen, mit blutenden Herzen, mit einem Kreuz, mit dem gekreuzigten Christus. Zu Weihnachten ´78 stellten wir uns an die Straßenecken und verteilten diese Karten mitten unter der Diktatur, sie waren persönlich und von einer Mutter, aber es waren viele Mütter und so gab es eine Karte nach der anderen. Ich habe Kopien gemacht, auch für die Jugendlichen, die heute Journalismus und Publizistik studieren. Denen möchte ich zeigen, dass man nicht all diese neuen Apparate braucht, die es heute gibt. Wenn man etwas schaffen möchte, wenn man etwas anklagen möchte, findet man immer eine Art und Weise, das zu tun. Uns haben sie oft festgenommen und mit einem Toten in eine Zelle gesperrt, einem Toten mit Geruch, von dem wir wussten, dass er einer der Unseren war, um uns Angst einzujagen, damit wir nicht weiter auf die Straße gingen. Wovor sollen wir uns jetzt fürchten? Dass sie uns verhaften?

Was Sie erlebt haben, ist unvorstellbar.

Bis zu 15 Tage hielten sie uns gefangen. Ich dachte darüber nach, wie ich erzählen würde, was uns passierte, niemand würde uns glauben. Ich trug eine kleine Kamera am Bauch, ging auf die Toilette und machte Fotos vom Bad. Deshalb habe ich eine Menge Fotos der Innenansichten der Kommissariate, wohin sie uns brachten. Das sind Formen der Rebellion, die aber nichts nützten.

Es ist genau das Rebellieren, was nicht tolerierbar ist.

Es ist ein Gesetz der Bourgeois. Wir müssen die Verfassung ändern, wir brauchen eine Verfassung, die uns verteidigt. Die Länder mit der größten Stärke in Lateinamerika sind die, die ihre Verfassung geändert haben. Auch wenn sie Probleme haben, passiert denen nicht so etwas wie in Brasilien oder wie uns hier. Hätten wir eine andere Verfassung, hätten diese Leute uns nicht das Mediengesetz und vieles anders und was weggenommen. Daran werden wir arbeiten. Wir werden sterben, aber das ist egal, andere werden uns folgen.

Momentan ist das Kräfteverhältnis ungünstig.

Das hängt davon ab, ob wir auf die Leute auf der Straße setzen oder nicht. Das fehlt den anderen. Für manche Veranstaltungen lässt Macri Statisten unter Vertrag nehmen. Sie weihen Gebäude ein, aber es kommen nicht die Leute, die in die Häuser einziehen werden, sie bezahlen aus Angst Leute dafür, dass sie dort hingehen. Ich könnte nicht all die Statisten bezahlen, die uns diese Tage auf der Straße begleitet haben. Das ist das, was sie nicht können und was ihnen fehlt : das Volk. Das Volk ist auf der anderen Seite. Und wir sind weder alle Diebe, noch Spinner, noch Verräter. Mit Cristinas Leitung werden wir weit kommen. Es gibt viele Arten zu führen und sie ist immer ein Vorbild.

Was sagen Sie denen, die ihre jahrelange Verbindung mit dem Kirchnerismus skeptisch sehen?

Ich bin darauf sehr stolz und führe mich geehrt, dass man mir erlaubt, Kirchneristin zu sein. Der Peronismus und der Kirchnerismus haben am meisten gelitten, wurden am meisten bestraft und haben am meisten Massaker durchlitten. Nicht wegen der Massaker, sondern weil das Leute waren, die alles aufs Spiel setzten: (Rodolfo) Walsh13 und so viele mehr wussten sehr genau, was ihnen zustoßen würde. Es ist, als würde ich sagen: "Ich weiß nicht, was passiert, wenn ich in ein Kommissariat gehe." Wenn man etwas macht, weiß man, dass dir verschiedene Dinge passieren können, aber wenn wir nur an uns selbst denken, dann sind wir von vorn herein geliefert.

Jetzt organisieren Sie für den kommenden Donnerstag die 2.000. Demonstration.

Ja, 2.000 Demonstrationen, das ist nicht gerade wenig. Wir sind sehr zufrieden, es kommen viele Leute, es wird an vielen Orten Demonstrationen geben, ich bin jetzt bei den Freundinnen von Mar del Plata. Ich war mit der Idee hergekommen, mich einen Tag auszuruhen. Ich hatte nicht erwartet, dass das alles passieren würde. Das Einzige, was ich tun werde, ist rausgehen, um mit meinen Freundinnen zu sprechen und mit Silvina aus Córdoba, der Ärztin, die mich nach Rom begleitet hat, und mit Sofia, meiner Sekretärin, die ich den ganzen Tag herumscheuche.

Ich bereite so viele Dinge vor. Neben dem Marsch am Donnerstag und dem Widerstandsmarsch, werden wir am 22. August die Bar "Der Revolutionär" einweihen. An diesem Datum geschahen zwei schwerwiegende Dinge, die aber sehr positive Folgen hatten: das Massaker von Trelew14, das die Geschlossenheit der Genossen zur Verteidigung des Vaterlands zeigte, und es war das Datum, an dem wir zum ersten Mal unsere Gründungsurkunde unterzeichneten. Ein Notar ließ uns in einer kleinen Behausung unterkommen, damit wir zu verschiedenen Uhrzeiten das Dokument unterschrieben. Am 14. August hielten wir mit Zetteln eine Wahl in Emilio Mignones Haus ab. Und aus purem Zufall registrierten wir unsere Vereinigung dann am 22. August 1979.

Worüber sprechen Sie mit den Müttern?

Über alles Mögliche. Jetzt möchte ich eine große Versammlung organisieren, um die Verfassung zu ändern. Zaffaroni, der davon schon seit einer Weile spricht, wird einer der Hauptteilnehmer sein, und es gibt eine ganze Reihe junger Anwälte, die mich anrufen und mir sagen, dass das dringend notwendig ist, weil man an der Universität immer noch das Gesetz für die Reichen gelehrt bekommt, für die Bourgeois, wie Kafka sagte. Glaubt mal nicht, dass ich Kafka gelesen habe, das habe ich gestern gelernt und heute wiederhole ich es. Intellektuelle sprechen mit einem und schicken einem alles, was sie gelesen haben. Kürzlich habe ich angefangen, Upa zu lesen15.

Und bis hierhin sind sie gekommen…

Ja, weil ich von vielen Leuten begleitet wurde. Sie müssen verstehen, dass alle ihren Anteil gehabt haben, auch viele Journalisten haben mir eine Menge geholfen, nicht alle sind Idioten. Als die Sache jetzt im Fernsehen lief, sorgte unser Gegner dafür, dass die Leute auf die Straße gingen. Sie sahen diese Monstrosität und sagten: "Mit den Müttern dürfen sie das nicht machen." Als ich das ganze Unheil sah, sagte ich den Müttern: "Wir müssen über den Bürgersteig fliehen". Der Polizei blieb der Mund offen stehen… Sie hatten dieses riesige Kommando und wir konnten flüchten.

Wenn man das mit Abstand betrachtet, scheint es grotesk, dass eine Gruppe älterer Frauen es geschafft hat, so einem gewaltigen Kommando zu entwischen.

Wir sind darin geübt. Manchmal, wenn sie uns nicht vorbeilassen, sag ich zu einem, "Herr Kommissar, nehmen Sie das Motorrad weg", und sie lassen uns durch. Denen gefällt es, dass ich sie "Kommissar" nenne und sie geben klein bei. Man muss sie motivieren, die Ärmsten.

Glauben Sie, dass die Reaktion der Bevölkerung sich auf einen weiteren unannehmbaren Fall wie die Haft von Milagro Sala16 auswirken kann?

Das hängt von den Leuten ab. Man muss auf die Straße gehen und aufpassen, dass nichts passiert. Jetzt denke ich, sollte man wegen der großen Arbeitslosigkeit auf die Straße gehen. Genug mit den Entlassungen, das muss man irgendwie stoppen, das Volk auf der Straße kann die Entlassungen stoppen. Der Mensch ist immer erfinderisch. In der Zeit von De la Rua sagte ein Freund eines Tages zu mir: "Ich werde hart gekochte Eier verkaufen, damit die Leute sie nicht kochen müssen", und jetzt hat er eine Fabrik. Es gibt für den Menschen nichts, das unmöglich ist. Vielleicht eine neue Form des Tauschens. Wenn sie uns ein bisschen Land geben würden. Ich sage nicht, den Reichen das Land wegnehmen, um es den Armen zu geben, dafür sind die Reichen zu stark. Aber doch ein paar Grundstücke, die nah an den Straßen sind, ein bisschen zum Sähen, zum Ernten vom eigenen Landstück. Ich spreche hier nicht mal von der Agrarreform!

Das Interview erschien am 7. August in der überregionalen argentinischen Tageszeitung Pagina/12

  • 1. Madres de Plaza de Mayo (Mütter des Platzes der Mairevolution) ist eine Organisation argentinischer Frauen, deren Kinder unter der Militärdiktatur von 1976 bis 1983 "verschwanden". Nach Schätzungen von Menschenrechtsorganisationen wurden in der Zeit etwa 30.000 Menschen umgebracht oder verschwanden nach ihrer Entführung durch Polizei und Militär
  • 2. Mauricio Macri ist seit Dezember 2015 Präsident von Argentinien. Er war zuvor seit 2007 Bürgermeister von Buenos Aires
  • 3. Mitte-rechts-Partei Propuesta Republicana (Pro) von Präsident Macri
  • 4. Jaime Durán Barba, konservativer politischer Berater aus Ecuador
  • 5. Cristina Fernández de Kirchner von der Peronistischen Partei war von 2007 bis 2015 Präsidentin Argentiniens
  • 6. Jorge Omar Bonafini (27) "verschwand“ am 8. Februar, Raúl Alfredo Bonafini (24) am 6. Dezember 1977
  • 7. Sergio Schoklender, der mit der Mütter-Organisation zusammenarbeitet, wird des Betruges im Wohungsbauprogramm Sueños Compartidos beschuldigt
  • 8. Eugenio Raúl Zaffaroni, argentinischer Jurist, Richter und Kriminologe
  • 9. Kabinettschef der Regierung Macri
  • 10. Vizepräsidentin der Regierung Macri
  • 11. Wikipedia:Das Sainete ("Leckerbissen") ist ein schwankhaft-heiterer, kurzer Einakter der spanischen Theatertradition mit instrumental begleitetem Gesang und Tanz
  • 12. Fernando de la Rúa war vom 10. Dezember 1999 bis zum 21. Dezember 2001 Präsident von Argentinien
  • 13. Rodolfo Jorge Walsh war ein argentinischer Journalist und Schriftsteller, der am 25. März 1977 von Soldaten auf der Straße getötet wurde, nachdem er in einem "Offenen Brief eines Schriftstellers an die Militärjunta” die diktatorische Regierung ihrer zahlreichen Verbrechen anklagte
  • 14. Wikipedia:Unter der Militärdiktatur von Alejandro Agustín Lanusse waren am 22. August 1972 25 Oppositionelle aus dem Hochsicherheitsgefängnis von Rawson geflohen, kurz darauf wurden 19 von ihnen am Flughafen von Trelew von Regierungstruppen gestellt und 16 später auf der Marinebasis der Stadt in ihren Zellen erschossen. Drei für die Erschießungen verantwortliche Marineoffiziere wurden erst 2012 zu lebenslanger Haft verurteilt
  • 15. Upa ist eine Figur des argentinischen Comic-Zeichners Dante Quinterno (1909 ‒ 2003)
  • 16. Die Aktivistin der Kooperativenorganisation Túpac Amaru und Abgeordnete des Parlasur, Milagro Sala, wurde im Januar 2016 wegen "Auflehnung gegen Regierungsentscheide" verhaftet
Unterstützen Sie amerika21 mit einer Spende via Flattr

Alle Bilder dieses Artikels

"Kein Vergeben, kein Vergessen": Bild zu Ehren der "Madres" im Stadtteil La Boca in Buenos Aires. Es wurde vom Wandmaler Lucas Quinto entworfen und von Schülern der Escuela de Adultos Nº 29 de La Boca angefertigt
Hebe de Bonafini (März 2015), die Vorsitzende der Madres de Plaza de Mayo

Was Sie auch interessieren könnte ...