Kolumbien: Hoffnung säen, eine Bewegung ernten

Mit dem "Kongress der Völker" (Congreso de los Pueblos) geht es darum, die Macht der Bevölkerung aufzubauen

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Bei der landesweiten Minga in diesem Frühjahr prangerten die Streikenden auch die systematischen Morde an Anführern sozialer Bewegungen an (hier am 4. Mai in Riosucio, Chocó)
Bei der landesweiten Minga in diesem Frühjahr prangerten die Streikenden auch die systematischen Morde an Anführern sozialer Bewegungen an (hier am 4. Mai in Riosucio, Chocó)

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Beim Protest 2019 beweisen die Indigenen einmal mehr ihre Mobilisierungsstärke
Beim Protest 2019 beweisen die Indigenen einmal mehr ihre Mobilisierungsstärke

Aus den Kämpfen der indigenen Bewegung im Norden des Cauca entstand 2008 unter dem indigenen Begriff Minga eine breite Protestbewegung gegen Krieg, Repression, Neo-Liberalismus und Freihandelsabkommen. Diese Minga war auch Ausgangspunkt einer dauerhafteren Organisierung und der Gründung des Congreso de los Pueblos – ein Dachverband verschiedenster Basisgruppen und Organisationen, die sich als Gegenpol und Gegenmacht zum gewählten Parlament, dem Congreso de la Republica de Colombia, begreift.

"Mit unserer eigenen ‚Gesetzgebung` erfahren wir alle mehr Demokratie, Wohlstand und Gerechtigkeit als in den 200 Jahren des Bestehens der Republik." (Aus der Gründungserklärung des Congreso de los Pueblos)

Kolumbien ist das lateinamerikanische Land mit dem längsten bewaffneten Konflikt in der gesamten Region. Trotz des im September 2016 zwischen den Revolutionären Streitkräften Kolumbiens (Fuerzas Armadas Revolucionarias de Colombia, Farc) und der Regierung unterzeichneten Friedensabkommens gibt es weiterhin zahlreiche Konflikte zwischen verschiedenen Akteuren. Da sind zum einen die Guerillagruppe Nationale Befreiungsarmee (Ejército de Liberación Naciónal, ELN), zum anderen paramilitärische Gruppen. Letztere werden vom Staat geschützt und sind für die meisten Massaker, Vertreibungen, Fälle von Verschwindenlassen und gezielten Morden im Land verantwortlich. Diese unterschiedlichen bewaffneten Akteure haben Einfluss auf das politische Leben im Land und auch auf die sozialen Bewegungen.

Die Wurzeln dieses sozialen, politischen und bewaffneten Konflikts lagen schon immer – und liegen immer noch – begründet in der Nutzung und im Besitz des Landes. Hinzu kommt das "Verschließen der Kanäle politischer Partizipation" durch die sogenannte Frente Nacional, dem Pakt zwischen der Liberalen und der Konservativen Partei, die sich mit der Präsidentschaft 16 Jahre lang abwechselten. Beide Probleme waren 1964 ausschlaggebend für die Gründung der Guerillagruppen ELN und Farc. Damit wurde die Lage noch komplizierter. Ab diesem Zeitpunkt wurde nicht mehr nur für Grundrechte und einen Wohlfahrtsstaat gekämpft, sondern das Fundament für eine Debatte über revolutionäre Umwälzung war gelegt.

Von den Spaniern kolonisiert, unfähig nach der Unabhängigkeit eine eigene Nation zu gründen, kulturell und ökonomisch von den USA dominiert, in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts stets im Krieg – auf diesen Zustand trafen die Konfliktparteien. Zunächst gab es große Hoffnung, dass die Guerilla die sozialen Kämpfe im Land vorantreiben würde.

Die 1960er und 1970er Jahre waren dementsprechend gekennzeichnet von der Idee der Transformation mit Hilfe der bewaffneten Auseinandersetzung. Im Laufe der Jahre, Niederlagen, Kriegsschäden und dem Aufkeimen neuer sozialer Bewegungen, die einen Weg ohne Waffen suchten, verblasste diese Vorstellung jedoch. Dennoch dient dem Staat die Existenz der bewaffneten Aufständischen als Kernargument, um die Kämpfe für Veränderungen, für Gleichheit, Gleichberechtigung, für soziale und Klimagerechtigkeit zu diskreditieren.

Mingas: Gegen die Angst und das Schweigen

Zwischen 1994 und 2006 erstarkten die Paramilitärs und die Verfolgung der unterschiedlichen sozialen Gruppen nahm massiv zu. Selektive Morde, Massaker, Verschwindenlassen, Vertreibungen und andere Vorgehensweisen, mit denen die Stimme des Protests zum Schweigen gebracht werden sollten, wurden alltäglich. So verstummten große Teile der sozialen Bewegungen. Dies war ein harter Schlag gegen die Basisorganisationen, deren Reaktionsmöglichkeiten somit stark geschwächt wurden.

Vor diesem Hintergrund berichteten die Medien im Jahr 2004 (unter der Regierung von Álvaro Uribe Vélez) über eine Massenmobilisierung im Cauca: die "Minga für das Leben, die Gerechtigkeit, die Freude, die Autonomie und die Freiheit". Rund 70.000 Indigene, Kleinbauern und andere soziale Gruppen machten sich auf den Weg von Santander de Quilichao im Cauca nach Cali.

Ihr Ziel: Einen Kongress von Indigenen und Basisgruppen abzuhalten und die Gesellschaft dazu aufzurufen, ihre eigene Regierung zu gründen. Die Landbevölkerung erhob sich in diesem Moment, um das Schweigen zu brechen und Hoffnung zu säen. Schon in ihrer Selbstbezeichnung zeigte sich die Notwendigkeit, sich auf eine andere Art und Weise zu bewegen und zu mobilisieren, nämlich mit Freude, nach dem Vorbild des historischen Widerstands der Indigenen.

Zu diesem Zeitpunkt gaben sich einige damit zufrieden, über eine mögliche Agrarreform zu diskutieren. Dabei blieb der geschichtsträchtige Slogan "Das Land denen, die es bearbeiten" weit hinter dem zurück, was die Indigenen vorschlugen: Autonomie, selbstverwaltete Gebiete, eigene Kultur und eigene Regierung. Das Land sollte zurückerobert werden, aber auch die eigene Identität. Wer sind wir? Wohin wollen wir als Bevölkerung?

Der Begriff vom "Land" wurde ausgedehnt auf die Meere und Flüsse, denn sie sind Teil von uns und unseren Vorstellungen von Gesellschaft. Die eigene Geschichte musste wieder angeeignet werden, um eine vom Krieg gespaltene Gesellschaft neu zusammenzufügen. Zurück zu den Urahnen, den Traditionen, den Toten, den Mythen, den Symbolen. Oder, in den Worten des indigenen Volkes der Misak: Die Vergangenheit steht vor uns, um uns den Weg zu leiten. Die Zukunft steht hinter uns, denn wir kennen sie noch nicht.

Auch 2005 und 2006 fanden große Mobilisierungen statt. Aber erst das Jahr 2008 führte zu den sozialen Kämpfen, die die Gründung des Congeso de los Pueblos ermöglichten.

Zwei wichtige Mobilisierungsprozesse hatten sich ergeben. Die Zuckerrohrarbeiter führten einen Streik gegen die unmenschlichen Arbeitsbedingungen durch, zugleich protestierten rund 20.000 Indigene im Cauca. Sie blockierten die Hauptverkehrsroute in den Süden des Kontinents. Die Regierung unter Uribe Vélez reagierte mit massiver Repression, was jedoch die Solidarität mit dem Protest zusätzlich entfachte. Hinter dem Protest stand vor allem die Forderung, dass die Regierung zahlreiche Abkommen erfüllen sowie die Verfassung des Landes einhalten sollte.

"Ich war Studentin und Aktivistin und erlebte diese Proteste mit Enthusiasmus. Viele von uns reisten damals in den Cauca. Anarchisten, Sozialisten, Sozialdemokraten, Unorganisierte, Hippies. Wir fühlten uns dafür verantwortlich, bei der Minga mitzumachen. Dabei lernten wir sehr viel. Für viele war es der bisher massivste Protest in ihrem Leben. Die Universität wurde zum Ort der politischen Debatte. Wir luden Zuckerrohrarbeiter, Indigene, Bauern und Bäuerinnen ein. Wir wollten ihr Rückhalt sein und lernten ein Land kennen, das bisher in unserer Wahrnehmung nicht vorgekommen war." (Yolima Bedoya)

Eine der Voraussetzungen der Minga lautete: Alleine schaffen wir es nicht. So wurden die unterschiedlichsten Organisationen und Bewegungen dazu aufgerufen, sich zu fünf Fragen zu äußern: Land und Territorium – Leben und Menschenrechte – Wirtschaftsmodell und Regeln der Ausbeutung der Erde – unerfüllte Abkommen und eigene Agenda. Dies war der Startschuss für den Zusammenschluss der sozialen Bewegungen als Minga des sozialen, gemeinsamen Widerstands.

Zur Hoffnung, zum Thema der Identität, zur Notwendigkeit sich selbst zu regieren, kam nun die Frage nach dem Subjekt der sozialen Transformation hinzu. Offenbar war es weder die Guerilla noch die Arbeiterschaft. Zweifelsfrei steckte in der Annahme, dass wir es "alleine nicht schaffen", die Einsicht, dass sich die Bedingungen stets veränderten. Die Zeiten hatten sich geändert und machten es unumgänglich, dass sich die unterschiedlichsten Ausdrucksweisen gegen Ausbeutung und Ausrottung zusammentaten. Diese erste Prämisse führte zu dem Glauben daran, dass es möglich sein müsste, ein Land mittels Selbstverwaltung der Bevölkerung aufzubauen.

Schritt für Schritt verinnerlichten wir eine Art mystisches, neues, sozial vielfarbiges Subjekt. Im politischen Kampf versuchten wir, die tulpa, caminar la palabra, palabrero – neue Sprechweisen und Aktionsformen – einzubeziehen. Die tulpa besteht aus drei Steinen um ein Feuer herum, worauf der Topf gestellt wird und wo die Probleme des Haushalts besprochen werden. Caminar la palabra bedeutet, das Wort weiterzugeben, durch das Land zu ziehen, um zu diskutieren und zu entscheiden, wie wir regieren wollen. Der palabrero entfacht die Diskussion.

Aus heutiger Sicht hat die Minga dazu beigetragen, die Angst zu durchbrechen, die sozialen Kämpfe zu diversifizieren, sich die eigene Geschichte anzueignen und die Frage nach einer gemeinsamen Zukunft aufzuwerfen. Die Mingas haben gezeigt, dass Selbstverwaltung von unten möglich ist, ohne auf den Staat zu warten. Sie haben das Zusammentreffen und die gemeinsame Artikulation unterschiedlichster sozialer Subjekte ermöglicht. Sie haben Mystik und Liebe für den Kampf geweckt, die der Konflikt zuvor Tag für Tag bedroht hatte.

Von der Minga zum Congreso de los Pueblos

Es reichte niemals aus, mit der Regierung zu verhandeln, da sie ihre Absprachen nie einhielt. Wo der Kongress der Republik Gesetze mit dem Tod schmiedete, war ein "Kongress der Völker" (Congreso de los Pueblos) notwendig, der Gesetze für das Leben erlässt. Es ging also darum, die Macht der Bevölkerung aufzubauen.

"Dieser Kongress hatte ein Ziel: das Land von unten zu regieren, damit die Bevölkerung die Macht hat, damit die Menschen ihr Land und ihre Wirtschaft selbst verwalten. So einfach ist das. Wir erobern für die kolumbianische Bevölkerung und die kolumbianischen Völker die Souveränität zurück."

Auf der Grundlage der fünf Themen gründeten sich zwei Bewegungen Hand in Hand, die Minga des Widerstands als Ort der Debatte und Aufbau des Politischen sowie der Congreso de los Pueblos als Raum der politischen Vertretung (wo quasi "gehorsam regiert" wird).

Erfahrungen mit Selbstverwaltung auf dem gesamten Territorium wurden dafür benötigt, ebenso der bäuerliche, indigene und afrokolumbianische Selbstschutz zur Verteidigung des Landes; eigene Bildungsprozesse, um die Geschichte kennenzulernen und die Welt von Lateinamerika aus zu betrachten; ein eigenes Gesundheitssystem, um die traditionellen Heilpflanzen wieder zu entdecken. Und all dies mit einem fundamentalen Unterschied zu vorher: Es ging nicht mehr nur um indigene Prozesse. Eine Tür hatte sich geöffnet und gab die Sicht frei für eine unglaubliche Vielfalt von sozialen Akteuren, die sich im Congreso de los Pueblos zusammenfanden.

Heute ist der Congreso de los Pueblos eine soziale Bewegung, die sich ständig weiterentwickelt und in zwei Richtungen kämpft: Er versucht eigene Regierungen aufzubauen und territoriale Autonomie zu erlangen sowie gleichzeitig dem Staat fundamentale Rechte abzuringen.

Yolima Bedoya – Historikerin (Universität von Antioquia / Medellín). Ab 2006 u.a. im "Proceso Nacional Identidad Estudiantil" aktiv, dann 2008 bei der Minga de Resistencia Social y Comunitaria, später im Congreso de los Pueblos. Heute begleitet sie kleinbäuerliche Gemeinschaften in der Region Urabá/Antioquia

Der Beitrag ist in der Broschüre "Land, Kultur und Autonomie ‒ Die indigene Bewegung im Cauca (Kolumbien)" erschienen. Sie kann hier bestellt werden

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