Indigene Wache in Kolumbien: "Wir wussten, dass die Angriffe kommen würden"

Cric-Vertreter zu Gewalt im Südwesten Kolumbiens, kollektivem Selbstschutz und Schwächungsmanövern gegen die Regierung

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Oveimar Tenorio: "Die Guardia Indígena schützt unsere Territorien, erhebt unsere Stimme und verteidigt das Leben"
Oveimar Tenorio: "Die Guardia Indígena schützt unsere Territorien, erhebt unsere Stimme und verteidigt das Leben"

Ein Gespräch mit dem politischen Leiter der Guardia Indígena (Indigene Wache) des Regionalen Indigenen Rats vom Cauca (Cric), Oveimar Tenorio.

Im Südwesten Kolumbiens eskaliert erneut die Gewalt. Besonders betroffen ist das Departamento Cauca, wo indigene Gemeinden zwischen staatlicher Vernachlässigung, paramilitärischer Bedrohung, illegal bewaffneten Gruppen und ökonomischen Interessen um ihr Überleben kämpfen. Eine zentrale Rolle spielt dabei die Guardia Indígena, ein kollektives, unbewaffnetes Selbstschutzsystem der indigenen Bewegung, das seit Jahrzehnten für Autonomie, Territorium und indigene Lebensweise kämpft. Im Juni ereignete sich in der Region eine Anschlagsserie (amerika21 berichtete).

Im Gespräch mit dem politischen Leiter der Guardia Indígena des Cric wird deutlich: Der bewaffnete Konflikt hat sich seit dem Friedensvertrag mit der Farc im Jahr 2016 tiefgreifend verändert – und die Angriffe auf indigene Gemeinden haben zugenommen. Die Guardia sieht sich konfrontiert mit neuen bewaffneten Akteuren, staatlicher Repression und einer gezielten Zerschlagung ihres sozialen Gefüges. Dennoch bleibt ihr Ziel klar: der Schutz der Gemeinschaft, politische Bildung und die Verteidigung einer alternativen Weltanschauung.

Welche Rolle spielt die Guardia Indígena in der aktuellen Situation im Südwesten Kolumbiens?

Seit dem Friedensabkommen mit der Farc im Jahr 2016 erleben wir in Kolumbien eine schwierige Zeit. Der bewaffnete Konflikt wurde nicht beendet, sondern hat sich neu konfiguriert. Heute haben wir es mit einem Konflikt zu tun, der nicht nur politisch oder ideologisch motiviert, sondern vor allem ökonomisch und militärisch geprägt ist.

Zentrum dieses Konflikts ist der Südwesten Kolumbiens, insbesondere die Departamentos Valle del Cauca, Cauca und Nariño. Hier konzentrieren sich Drogenhandel, illegaler Bergbau und bewaffnete Auseinandersetzungen.

Mindestens sieben neue bewaffnete Strukturen sind aktiv – viele davon bezeichnen sich selbst als "disidencias", also Splittergruppen der Farc, etwa das Estado Mayor Central unter Iván Mordisco oder die Strukturen Frente 57 und Frente 33 unter dem Kommando von Andrey Avendaño.

Diese Gruppen verursachen Chaos in den indigenen Territorien: durch die Zwangsrekrutierung von Minderjährigen, durch die Vereinnahmung politischer Prozesse von Indigenen, Bauern und Bäuerinnen, durch Angriffe auf unsere Autoritäten. Es ist ein gezielter Angriff auf das indigene Leben – verübt sowohl durch bewaffnete Gruppen als auch durch staatliche Politik, die Konzernen den Zugang zu unseren Territorien erleichtert.

Seit 2019 wurden 46 Mitglieder der Guardia Indígena ermordet. Ebenso wurden indigene Autoritäten getötet – Träger unserer Erinnerung, Kultur und Geschichte. Seit 2021 gibt es verstärkt Angriffe auf junge Menschen, insbesondere auf diejenigen, die sich politisch engagieren. Es ist ein Angriff auf unsere Kosmovision.

Was bedeutet das konkret für die Aufgabe der Guardia Indígena?

Unsere Bewegung existiert seit etwa 1630. Wir haben den Bürgerkrieg der 1.000 Tage überlebt, das politische Hin und Her der kolumbianischen Machteliten, die Rückeroberung unserer Territorien in den 1980er und 1990er Jahren und die Zeit des Paramilitarismus. Auch dem Neoliberalismus und den Freihandelsabkommen haben wir widerstanden, denn sie widersprechen unserem indigenen Denken.

Heute stellen wir uns dem bewaffneten Konflikt, der Globalisierung und dem kulturellen Verschwinden entgegen, durch politische Bildung, neue Führungsformen in unseren Gemeinschaften und durch kollektive Organisation. Wir sind weder rechts noch links. Wir sind autonom.

Die Guardia Indígena schützt unsere Territorien, erhebt unsere Stimme und verteidigt das Leben. Wir zeigen der Jugend einen Weg zum Frieden. Denn die Medien und sozialen Netzwerke lehren sie Konsum, nicht Identität. Es ist in Ordnung, von außen zu lernen, aber wir müssen auch wissen, wer wir sind.

Wie hat die Guardia Indígena konkret auf die jüngste Gewaltwelle im Departamento Cauca reagiert?

Wir haben ein Team, das kontinuierlich die Lage in den Territorien analysiert. Deshalb wussten wir schon vor den Attacken, dass sie kommen würden, und konnten rechtzeitig reagieren. In diesen Wochen gab es deshalb keine Todesopfer unter Indigenen.

Sie wussten also von den Angriffen im Voraus?

Ja. Während es für die nicht-indigene Gesellschaft überraschend war, war es für uns vorhersehbar. Wir kennen die Zeitpunkte, zu denen solche Angriffe stattfinden, oft an Gedenktagen toter Kommandanten bewaffneter Gruppen.

Zum Beispiel am 13. Juni wird in Kolumbien an den Todestag von alias "Mayimbú" erinnert, einem früheren Farc-Dissidenten, der 2022 bei einem Militäreinsatz im Cauca getötet wurde. Die staatlichen Sicherheitskräfte erwarteten einen Angriff am 13. Juni, aber wir analysierten, dass er früher kommen würde. Und so war es: Der Angriff fand am 10. Juni statt.

Wir hatten Schutzmaßnahmen vorbereitet, Kontrollpunkte eingerichtet, Prävention betrieben – alle waren in höchster Alarmbereitschaft. Es gab Schüsse, aber keine Toten.

Wir wussten, dass vor und nach dem 13. Juni weitere Angriffe möglich waren. Wichtig ist zu sagen: Wir schützen die ländlichen Territorien, nicht die urbanen Zentren. Trotzdem leisten wir Schutz, auch für nicht-indigene Gemeinden, etwa im Ort Silvia, wo die Bevölkerung uns vertraut.

Wir setzen rote, grüne und weiße Flaggen, um zu signalisieren: Das ist indigenes Territorium. Bewaffnete Gruppen haben hier nichts verloren. Bevor wir dieses Sicherheitskonzept etablierten, hatten bewaffnete Gruppen die Bevölkerung für ihre Zwecke instrumentalisiert.

Wie steht die Guardia Indígena zur Präsenz des kolumbianischen Militärs?

Früher haben wir keine Militärpräsenz akzeptiert, weil wir mit der Farc direkt humanitäre Absprachen treffen konnten. Heute ist das anders. Die bewaffneten Gruppen sind in den Gemeinden selbst präsent – oft weiß niemand, wer zu wem gehört. Sie sind Teil der Familien, der Alltagsstrukturen.

Wir fordern keinen Rückzug des Militärs, aber wir verlangen, dass es sich strikt an die Verfassung und das internationale Recht hält und keine Gewalt gegen die Zivilbevölkerung ausübt. Wir passen uns diesem neuen Kontext an. Außerdem hat sich die Kommunikation mit der Armee seit Petros Amtsantritt deutlich verbessert.

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In den Medien heißt es, Kolumbien sei in die Gewalt der 1980er und 1990er Jahre zurückgekehrt. Stimmen Sie dem zu?

Teilweise ja – aber der heutige Konflikt ist ein anderer. Es geht nicht mehr um politische Machtkämpfe zwischen Parteien, sondern um die Kontrolle über natürliche Ressourcen.

In den 1960er Jahren entstanden Gruppen wie die Farc oder M-19 aus politischer Motivation. Heute kämpft niemand mehr um politische Macht, weder der Staat noch bewaffnete Gruppen. Auch deshalb kam es 2016 zum Friedensvertrag. Heute geht es um wirtschaftliche Macht: um die Kontrolle von Flora, Fauna, Koka.

Die bewaffneten Gruppen kämpfen nicht mehr gegen den Staat, sondern um den Reichtum Kolumbiens. Parallel dazu findet ein politischer Kampf zwischen Links und Rechts statt. Wir als Indigene kämpfen für eine multiethnische und vielfältige Welt, in Kolumbien und darüber hinaus.

Sehen Sie einen Zusammenhang zwischen dem Anschlag auf Miguel Uribe Turbay, der von Präsident Petro vorgeschlagenen Volksbefragung1 und der aktuellen Gewaltwelle? 

Ja. Wenn die kolumbianische Rechte in den 1940er Jahren Jorge Eliécer Gaitán2 ermorden konnte, wenn sie Carlos Pizarro töten konnte, dann trauen wir ihr auch heute alles zu.

Der Anschlag auf Turbay steht für uns im Zusammenhang mit dem Versuch, die Regierung von Petro zu destabilisieren. Es ist das erste linke Regierungsprojekt seit über 200 Jahren. Die Rechte versucht, durch Gewalt ein Klima der Unsicherheit zu schaffen und dann das Paramilitarismus-Modell als Lösung zu verkaufen. Wie damals bei den "falsos positivos"3: Zuerst wird Angst erzeugt, dann wird die Militarisierung als Ausweg verkauft.

Turbay, andere rechte Politiker und Medien wie Semana greifen die Indigenen des Cauca offen an. Sie behaupten, wir seien korrupt, faul, verbündet mit bewaffneten Gruppen, gegen die Polizei. Und jetzt geschieht dieser Anschlag. Gleichzeitig gibt es Angriffe im Cauca. Für uns ist das kein Zufall.

Aber Turbay ist ein rechter Kandidat, die Farc-Splittergruppen stammen aus der linken Guerilla. Wie passt das zusammen?

Es gibt Überschneidungen von Interessen. Man muss nicht offiziell zusammenarbeiten, um vom gleichen Chaos zu profitieren. Der Anschlag in Bogotá und die Gewalt im Cauca erzeugen Angst, und genau diese Angst wird genutzt, um die Regierung als unfähig darzustellen. Es gibt eine Allianz des Schweigens zwischen rechten Kräften, illegalen Gruppen und ökonomischen Eliten.

Was ist ihr gemeinsames Ziel?

Der Bevölkerung einzureden, dass Sicherheit nur durch autoritäre Politik zu erreichen ist, und so Wahlen zu gewinnen. Sie wollen beweisen, dass Petro unfähig ist, das Land zu regieren, dass seine Friedenspolitik gescheitert ist. So soll die öffentliche Meinung beeinflusst werden.

Und welche Rolle spielt die Volksbefragung in diesem Zusammenhang?

Alles geschah mitten im Prozess der Volksbefragung. Wir glauben, dass das kein Zufall war. Die Aufmerksamkeit sollte davon abgelenkt werden. In den Medien wurde die Volksbefragung an den Rand gedrängt. Und wenn dann abgestimmt wird, fehlt der Regierung der Rückhalt. Genau das war das Ziel.

Welche bewaffneten Gruppen sind aktuell im Cauca aktiv?

Wir haben mindestens sechs bewaffnete Gruppen identifiziert, zusätzlich zum Militär. Dazu gehören die ELN, der Estado Mayor Central, die Frente 57, die Segunda Marquetalia, die Gruppe von "Calarcá" sowie reaktivierte paramilitärische Strukturen in den Departamentos Cauca und Valle. Hinzu kommen Drogenkartelle wie das mexikanische Kartell von Sinaloa.

Insgesamt sind mindestens zehn Gruppen aktiv. Sie alle kämpfen um Land für den Kokaanbau. Das ist unsere Realität.

Wie wirkt sich das auf die indigenen Gemeinden aus?

Unsere Bewegungsfreiheit ist stark eingeschränkt. Minderjährige werden rekrutiert. Allein im Jahr 2024 wurden mindestens 800 Jugendliche mit bewaffneten Gruppen in Verbindung gebracht, 600 davon allein in der ersten Jahreshälfte im Cauca.

Unsere Autoritäten werden bedroht, ganze Gemeinschaften vertrieben, Territorien militarisiert. Und vor allem: Die indigene Bewegung wird systematisch verfolgt.

Früher gab es Absprachen zwischen der Guardia Indígena und der FARC. Wie sieht es heute aus? 

Heute ist die Situation völlig anders. Ein Großteil der neuen bewaffneten Gruppen rekrutiert sich aus indigenen Gemeinden – etwa 60 Prozent ihrer Mitglieder sind Indigene. Das bedeutet: Indigene töten Indigene.

Früher hatten wir mit der FARC Vereinbarungen, die unsere Autonomie respektierten. Mit "Mono Jojoy"4 konnten wir in den 1990er und frühen 2000er Jahren eine gewisse Koexistenz erreichen.

Heute gibt es kein Gegenüber mehr, keine politische Agenda, keinen Dialog. Wir als indigene Bewegung haben nie einer bewaffneten Gruppe vertraut, aber früher konnten wir wenigstens auf Respekt pochen. Heute geht es nur noch um Gewalt und wirtschaftliche Interessen.

  • 1. Angesichts der Blockierung der Sozialreformen der Regierung von Gustavo Petro, unter anderem durch den Kongress, in dem sie keine Mehrheiten hat, setzte Petro eine Volksbefragung in die Wege. Dadurch sollte die Bevölkerung sagen, ob sie speziell die Arbeitsreform will oder nicht. Nach der enormen Zustimmung zu diesen Maßnahmen landesweit verabschiedete der Kongress schließlich doch die Arbeitsreform. Die Volksbefragung wurde eingestellt.
  • 2. Jorge Eliécer Gaitán war ein in den unteren Sozialschichten sehr beliebter Politiker der Liberalen Partei und galt als aussichtsreicher Kandidat für die Präsidentschaftswahl 1950. Er wurde jedoch 1948 ermordet. Der demobilisierte Guerillero Carlos Pizarro kandidierte bei der Präsidentschaftswahl im Mai 1990 für die linke Alianza Democrática M-19. Im April 1990 wurde er ermordet.
  • 3. Als "Falsos positivos" sind in Kolumbien über 6.000 illegale Hinrichtungen von Personen aus armen Verhältnissen durch die Streitkräfte bekannt, vor allem während der Regierung von Álvaro Uribe (2002–2010). Militärangehörige präsentierten die Opfer als gefallene Guerilleros, um Prämien zu kassieren.
  • 4. "Mono Jojoy" war der Deckname eines gewichtigen Farc-Kommandanten, der im Jahr 2010 durch das Militär getötet wurde.