Rund 41 Millionen Kolumbianer sind am 31. Mai dazu aufgerufen, an die Urne zu gehen und unter 14 Kandidaten denjenigen zu wählen, der das Land bis 2030 regieren wird. Eine unmittelbare Wiederwahl ist in Kolumbien ausgeschlossen. Um im ersten Wahlgang zu gewinnen, sind mehr als 50 Prozent der gültigen Stimmen erforderlich. Andernfalls findet am 21. Juni eine Stichwahl zwischen den beiden Kandidaten mit den meisten Stimmen statt. Der neue Präsident wird am 7. August im Casa de Nariño sein Amt antreten.
Das Favoritenduo des progressiven Bündnisses Pacto Histórico (Historischer Pakt) besteht aus dem Präsidentschaftskandidaten Iván Cepeda Castro und der Vizepräsidentschaftskandidatin Aida Quilcué Vivas, einer indigenen Politikerin und Senatorin. Die Kampagne von Cepeda und Quilcué zielt darauf ab, bereits im ersten Wahlgang zu gewinnen. Ziel ist es, "Perspektiven in Kolumbien zu schaffen".
Da die Wahlteilnahme freiwillig ist, wird die Wahlenthaltung, die in Kolumbien historisch gesehen sehr hoch ist (45 Prozent bei den Präsidentschaftswahlen 2022), einen wichtigen Einfluss auf die Ergebnisse haben. Ein weiterer Faktor wird die Wirkung der intensiven Schmutzkampagne der Rechten sein, die in ihren Medien und in den sozialen Netzwerken gegen den scheidenden Präsidenten Gustavo Petro und Cepeda als Kandidaten der progressiven Linken geführt wird.
Zum jetzigen Zeitpunkt ist Cepeda der Einzug in die Stichwahl am 21. Juni sicher, da er eine geeinte Linke gegen eine zersplitterte Rechte anführt. Er hat sogar das Bündnis ausgeweitet, das Gustavo Petro 2022 zum Sieg verhalf, und eine Koalition aus "Progressiven, Liberalen und Reformern" aus dem gesamten politischen Spektrum gebildet. Der ehemaligen liberale Präsident Ernesto Samper (1994–1998), der Cepeda unterstützt, sagte: "Das Land wird sich entscheiden müssen, ob es den Wandel vertiefen oder zum alten neoliberalen Modell zurückkehren will."
Senator Cepeda möchte das Vermächtnis von Gustavo Petro fortsetzen. Er ist Menschenrechtler und Sprecher der Organisation der Opfer staatlicher Gewalt Movice. Er verkörpert die Bemühungen, der anhaltenden Gewalt in Kolumbien ein Ende zu setzen und den von Petro versprochenen "totalen Frieden" zu erreichen. Cepeda ist der Sohn des Senators Manuel Cepeda Vargas, der 1994 im Zuge der Auslöschung von mehr als 6.200 Mitgliedern der linken Partei Unión Patriótica (Patriotische Union) durch Staatsagenten ermordet wurde. Diese außergerichtliche Hinrichtung wurde 2010 von der Interamerikanischen Menschenrechtskommission (CIDH) verurteilt und 2022 von der kolumbianischen Wahrheitskommission als Völkermord eingestuft.
Sein Regierungsprogramm "Die Kraft der Wahrheit" verspricht die Vertiefung der strukturellen Veränderungen, die die erste linke Regierung Kolumbiens unter der Führung von Gustavo Petro eingeleitet hat. Ein Präsident mit einer "hohen und ungewöhnlichen" Popularität von über 50 Prozent am Ende seiner Amtszeit. Obwohl seine Regierung im Kongress keine Mehrheit hatte, blieb sie mit der sozialen Bewegung von unten der sozialen Aufstände von 2019 bis 2021 verbunden und konnte dank der sozialen Mobilisierung auf den Straßen Fortschritte erzielen.
Cepeda hat einen hervorragenden Wahlkampf in direktem Kontakt mit den Menschen vor Ort geführt. Er verfügt über die Unterstützung der Gewerkschaften und der sozialen Bewegungen. Dadurch hat er die soziale Basis des Pacto Histórico erweitert und sein Wahlprogramm unter demokratischer Mitbestimmung entwickelt, um die wirtschaftliche und soziale Revolution der Regierung von Gustavo Petro fortzusetzen. Ziel ist es, Armut abzuschaffen, soziale Ungleichheit zu überwinden, Hunger und Arbeitslosigkeit zu beseitigen sowie den Zugang zu Gesundheitsversorgung und kostenloser Bildung zu verbessern. Darüber hinaus will Cepeda die Energiewende und die Agrarreform vorantreiben sowie Allianzen zwischen Staat und Gemeinden aufbauen.
Zudem schlägt er eine "ethische Revolution" gegen die makrostrukturelle Korruption und für Wahrheit, Gerechtigkeit und Wiedergutmachung für die Opfer vor. Dabei sollen Garantien für die Nichtwiederholung, der Schutz der Friedensunterzeichner1 und die Einhaltung des Friedensabkommens von 2016 sichergestellt werden, um aus Kolumbien einen Akteur des Friedens zu machen. Das Programm des Pacto Histórico sieht die Stärkung der konstituierenden Macht2 vor. Es verspricht eine politische und demokratische Revolution, die auf dem Grundsatz "Ich werde regieren, indem ich gehorche, und zuhören, indem ich Dialog führe" basiert.
Zersplitterung der Rechten zwischen Libertarismus und traditionellem Uribismus
Die Programme der kolumbianischen Rechtskandidaten Abelardo de la Espriella und Paloma Valencia weisen kaum Unterschiede auf und setzen beide auf eine sicherheitszentrierte Wende. Trotz einer massiven Kampagne gegen den Progressismus in den unternehmensnahen Medien, in den sozialen Netzwerken und aus Washington heraus stellt El País fest, dass die internen Streitigkeiten der kolumbianischen Rechten den Weg zu einem Sieg bei den Präsidentschaftswahlen mit einem einzigen Kandidaten behindern.
Andere Beobachter sind sich einig, dass die Zersplitterung der Rechten zu einer Niederlage bei den Präsidentschaftswahlen führen wird. Wieder andere fügen hinzu, dass die Rechte einen Fehler begangen habe, indem sie ihren Wahlkampf auf einen ideologisierten Anti-Petro-Diskurs ausgerichtet habe.
Die Zersplitterung des rechten Spektrums zeigt sich auf der einen Seite im Duo der ultrarechten Außenseiter Abelardo de la Espriella, auch bekannt als "El Tigre", und José Manuel Restrepo Abondano, ehemaliger Minister des Ex-Präsidenten Iván Duque (2018-2022), von der Organisation Defensores de la Patria (Verteidiger des Vaterlands). De la Espriella will mit "eiserner Hand" regieren. Seine Rhetorik orientiert sich an der des argentinischen Präsidenten Javier Milei, des salvadorianischen Präsidenten Nayib Bukele und des chilenischen Präsidenten José Kast, der ihn zu seiner Amtseinführung eingeladen hatte.
Seine ultrarechte populistische Rhetorik beruft sich auf den herrschenden Alltagsverstand im Dienste der Nation: Familie, Eigentum, Arbeit, religiöser Glaube und Sicherheit. Er verspricht Sicherheit, Sparmaßnahmen und eine libertäre Wirtschaft. Sein Programm heißt "País Milagro" (Wunderland). In Fragen der Sparpolitik schlägt er vor, den Staatsapparat bis 2030 um 40 Prozent zu verkleinern. Er würde dabei die "Kettensäge" nachahmen und Ministerien abschaffen, da seiner Politik zufolge 700.000 Beamte und Auftragnehmer überflüssig würden.
Im Bereich der Sicherheit hat er vor, das Justizsystem für den Frieden abzuschaffen und Kolumbien aus der Interamerikanischen Menschenrechtskommission (CIDH) zu holen. Er folgt dem repressiven Programm Bukeles buchstabengetreu und verspricht den Bau von zehn Mega-Gefängnissen und Haftanstalten, um sicherzustellen, dass Kriminelle nicht aus Platzmangel auf freiem Fuß bleiben oder von den Haftanstalten aus weitere Straftaten begehen. Zudem will er die Streit- und Sicherheitskräfte aufstocken, um die vollständige Kontrolle über das Staatsgebiet zu gewährleisten.
In wirtschaftlicher Hinsicht schlägt er eine libertäre Wirtschaft wie in Argentinien unter Javier Milei vor, mit einem schlankeren Staat, Steuersenkungen, Deregulierung und einer Stärkung des neoliberalen, auf Rohstoffabbau basierten Modells durch ausländische Investitionen. Bei seinem Wahlkampfauftritt in Bogotá hielt der ultrarechte Kandidat seine Rede in einem kugelsicheren "Aquarium", umgeben von Rauch und pyrotechnischen Effekten.
Paloma Valencia: Kandidatin der Uribisten
Auf der anderen Seite des ultrarechten Spektrums ist das Duo der Partei des Ex-Präsidenten Álvaro Uribe, Centro Democrático (Demokratisches Zentrum), das in den Umfragen an Zustimmung verliert. Das Duo besteht aus der Präsidentschaftskandidatin Paloma Valencia und dem Vizepräsidentschaftskandidaten Juan Daniel Oviedo.
Ihr Regierungsprogramm umfasst 111 Punkte; es greift die traditionellen Vorschläge Uribes auf, um die Sicherheitskrise zu bewältigen und "ein Leben ohne Angst" zu ermöglichen. Wie Abelardo de la Espriella schlägt sie vor, die Ausgaben für Sicherheit sowie die Ausstattung der Streit- und Sicherheitskräfte zu erhöhen und auf künstliche Intelligenz und Technologie zurückzugreifen.
In wirtschaftlicher Hinsicht strebt sie ein höheres Wirtschaftswachstum an, indem sie Steuern senkt, Unternehmensvorschriften lockert und das Unternehmertum fördert. Sie beabsichtigt, ausländische Investitionen anzuziehen und die Auslandsschulden umzustrukturieren. Sie will den Extraktivismus stärken, indem sie Fracking und die Förderung von fossilen Brennstoffen wiederbelebt. Valencia verspricht Wege zum Ausstieg aus der informellen Wirtschaft, die Beseitigung des Rückstaus bei der Vergabe von Arztterminen sowie die Verbesserung der Effizienz des Gesundheitssystems.
Das Debakel der Kandidatur der Vertreterin des Uribismus in den Umfragen ist auf den Niedergang der rechten Politik zurückzuführen, die die kolumbianische Politik in den letzten Jahrzehnten dominierte. Diese ist mit der Verurteilung des ehemaligen Präsidenten Álvaro Uribe im August 2025 wegen Zeugenbestechung und Prozessbetrug verbunden. Das sind geringfügige Vergehen im Vergleich zu seiner langen Geschichte von Verbindungen zum Paramilitarismus und zum Drogenhandel sowie zu den Verbrechen, die während seiner Präsidentschaft begangen wurden.
Die Kandidatur von Paloma Valencia konnte die Krise des Uribismus nicht lösen, wie es Iván Duque 2018 geschafft hatte. Diese Krise hängt unter anderem mit den Schwierigkeiten bei der Neubesetzung der Präsidentschaftskandidatur der Partei Centro Democrático nach der Ermordung des Präsidentschaftskandidaten Miguel Uribe Turbay durch einen Auftragskiller der ausländischen Mafia zusammen.3 Hinzu kommen die internen Machtkämpfe in der Partei, die dennoch die zweitstärkste Kraft im Kongress ist.
Ungewisses Ergebnis aufgrund umstrittener Umfragen
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Die Umfrage des Verbandes der lateinamerikanischen und karibischen Länder Celag deutete auf einen möglichen Sieg Cepedas im ersten Wahlgang hin. Die meisten Umfragen sehen Cepeda zwar als Sieger am 31. Mai, rechnen aber mit einer Stichwahl am 21. Juni. Laut der Invamer-Umfrage liegt der linke Kandidat bei 44,6 Prozent, De la Espriella bei 31,6 Prozent und Valencia bei 14,0 Prozent.
Die Auswertung mehrerer Umfragen des Online-Portals La Silla Vacía ergibt ein ähnliches Bild. Die übrigen elf Kandidaten, darunter die Kandidaten der politischen Mitte Sergio Fajardo und Claudia López, würden nicht über drei Prozent hinauskommen. Alle Umfragen deuten auf einen Einbruch der Kandidatin der Uribisten, Paloma Valencia, hin – die dennoch auf eine Überraschung hofft – und sehen De la Espriella in der Stichwahl.
Es könnten jedoch, wie schon 2022, Überraschungen geben, denn Umfragen in Kolumbien neigen aufgrund der regionalen Vielfalt, der Ungleichheiten und der auf dem Spiel stehenden Interessen dazu, daneben zu liegen. Wie das journalistische Portal Agencia Periodismo Investigativo (Api) in Erinnerung ruft, sagten alle Umfragen im Jahr 2022 einen Sieg für Federico "Fico" Gutiérrez voraus. Doch es war Rodolfo Hernández, der den zweiten Platz belegte und in der Stichwahl gegen Gustavo Petro antrat. Was die Stichwahl am 21. Juni betrifft, so zeigt die jüngste Umfrage des Online-Mediums Cambio ein Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen Cepeda und De la Espriella in der zweiten Runde. Umfragen wie die von Guarumo und EcoAnalítica, die von der rechtsgerichteten Zeitung El Tiempo in Auftrag gegeben wurden, behaupten sogar, dass Cepeda in der Stichwahl gegen De Espriella und Valencia verlieren würde.
Laut der Zeitung El País haben die Kontroversen um die Umfragen und deren Methodik die Debatten geprägt. So verbot der Nationale Wahlrat (CNE) die Umfrage des brasilianischen Unternehmens Atlas Intel für die rechtsgerichtete Zeitschrift Semana, da sie gegen die Vorschriften zur Veröffentlichung von Umfragen verstieß, indem sie eine verbotene digitale Methodik verwendete, die die Ergebnisse verfälschte und die Stimmen für Abelardo de la Espriella überbewertete.
Kampagne gegen Gustavo Petro, Iván Cepeda und den Progressismus
Bei diesen Präsidentschaftswahlen hat sich das verstärkt, was manche als "Betrugsaktion" gegen Kolumbien bezeichnen. Das Fehlen einer offiziellen Debatte zwischen den Präsidentschaftskandidaten trug nicht zur Klarheit bei. Die internationale Presse konzentriert sich vor allem auf die Themen der Gewalt und Polarisierung. Tatsache ist jedoch, dass die Zahl der Morde trotz der Schwierigkeiten im Rahmen der Friedenspolitik der "Paz Total" auf einem historischen Tiefstand liegt.
Laut Api werden die Präsidentschaftswahlen 2026 als "eine der schmutzigsten und undemokratischsten" in die Geschichte eingehen. Tatsächlich kommen zu der traditionellen Kampagne der Wirtschaftsmedien gegen den Progressismus noch Angriffe und Desinformation in den sozialen Netzwerken hinzu, wobei auch künstliche Intelligenz und die "Schlammschlacht-Maschine" mit Überflutung durch Algorithmen zum Einsatz kommen.
Bloomberg und andere Medien stellen die Bilanz der Regierung Gustavo Petro infrage. Sie kritisieren die Staatsverschuldung und den finanzpolitischen Kurs der progressiven Regierung und behaupten, wie die Zeitung El Colombiano, die Existenz eines versteckten Defizits. Sie ziehen die positive Wirtschaftsbilanz und die 100 Erfolge der Regierung Petro in Zweifel.
Die Schmutzkampagne greift ihrerseits auf Desinformationstechniken zurück, wie etwa die gefälschte Audioaufnahme, die unter anderem vom Nachrichtensender RCN Noticias, der Tageszeitung El Tiempo und anderen Medien verbreitet wurde. In der Aufnahme, die aus militärischen Kreisen stammt, hört man den Anführer einer der nicht demobilisierten ehemaligen FARC-Strukturen, Rogelio Benavides, seine Unterstützung für den Kandidaten des Pacto Histórico bekräftigen und allen, die nicht für Iván Cepeda stimmen, Gewalt androhen.
Tatsächlich handelte es sich jedoch laut Angaben des Verteidigungsministeriums um einen Straftäter aus einer Haftanstalt im Departamento Tolima, der telefonische Erpressungen verübte.
Hinzu kommen Hinweise auf Wahlmanipulation und die Durchsetzung eines bestimmten Narrativs durch das millionenschwere "Proyecto Júpiter" der Uribisten, das von der Zeitschrift Raya aufgedeckt wurde. Dabei soll es sich um eine parallele Struktur politischer Einflussnahme handeln, die aus Unternehmern, gemeinnützigen Organisationen, einflussreichen Persönlichkeiten und privaten Medien besteht, die jenseits der gesetzlichen Wahlregeln Kolumbiens agieren und über erhebliche finanzielle Mittel verfügen, um ihre Wahlagenda durchzusetzen. Darüber hinaus steht die Desinformationskampagne gegen die kolumbianische und andere progressive Regierungen in der Region im Kontext des sogenannten "Hondurasgate", das vom Fernsehsender Canal Red Lateinamerika aufgedeckt wurde.
Ein weiterer Faktor ist die Offensive Washingtons zur Durchsetzung seiner Interessen in der Region, insbesondere in Kolumbien.
Entscheidende Wahlen für Kolumbien und Lateinamerika
Die progressive kolumbianische Linke sieht angesichts einer gespaltenen Rechten ihre besten Siegchancen. Ein Erfolg des Pacto Histórico im ersten oder zweiten Wahlgang würde die von der Regierung Petro 2022 eingeleitete politische Zeitenwende bestätigen. Er wäre zugleich ein Bruch mit einer ausgrenzenden, klientelistisch geprägten Staatsordnung mit langjähriger Tradition. Diese zeigte sich früher in einem liberal-konservativen Zweiparteiensystem, das zwei Flügel eines im Kern rechten Spektrums vereinte. Zentraler Bezugspunkt war das Abkommen des "Frente Nacional" (Nationales Bündnis).
Es geht um einen schwierigen Übergang, geprägt von der Gewalt, die historisch mit einer eingeschränkten, indirekten Demokratie verbunden ist. Eine durch die Oligarchie blockierte Demokratie mit tiefen sozioökonomischen Ungleichheiten, die durch ein neoliberales, auf Rohstoffabbau ausgerichtetes Modell und eine anhaltende Abhängigkeit von Washington noch verschärft wurden.
Dieser Übergang bleibt komplex: Obwohl sich der Pacto Histórico bei den Parlamentswahlen am 8. März als stärkste Kraft etablierte und seine Sitze im Senat von 20 auf 25 sowie im Repräsentantenhaus von 26 auf 37 ausbauen konnte, verfügt die progressive Linke weiterhin nicht über eine Mehrheit im Kongress und bleibt auf soziale Mobilisierung angewiesen.
Ein erneuter Sieg des Pacto Histórico würde bestätigen, dass sich die Linke zu einer dauerhaften politischen Kraft entwickelt hat, und die Fortsetzung der Reformbemühungen des scheidenden Präsidenten Gustavo Petro sichern. Zudem würde er endgültig mit der rechten politischen Tradition brechen und damit ein neues Zweiparteiensystem zwischen der im Pacto Histórico vereinigten Linken und einer in sieben Parteien zersplitterten Rechten etablieren. Letztere stellt jedoch nach den Parlamentswahlen vom 8. März weiterhin die Mehrheit im Kongress.
Die Präsidentschaftswahlen in Kolumbien sind somit von entscheidender Bedeutung für die Linke und den Progressismus in Lateinamerika. Ein Sieg von Cepeda würde die Welle ultrarechter, autoritärer und den Interessen Washingtons verpflichteter politischer Projekte infrage stellen, die sich in der Wiederwahl von Daniel Noboa in Ecuador, dem Wahlsieg von Nasry Asfura in Honduras, den Erfolgen von Javier Milei in den Zwischenwahlen Argentiniens und dem Sieg von José Kast in Chile niederschlägt. Er könnte den Beginn eines neuen progressiven Zyklus markieren.
Ein Sieg von Iván Cepeda und die Fortsetzung des progressiven Projekts des Pacto Histórico würden die progressive Front stärken, die von Gustavo Petro, Claudia Sheinbaum in Mexiko, Inácio Lula da Silva in Brasilien und anderen Regierungen der Region gegen die strategischen Ziele der kolonialistischen Vorherrschaft der "Doktrin Donroe" in Lateinamerika errichtet wurde. Die Regierung von Gustavo Petro hat den ineffektiven Krieg Washingtons gegen die Drogen in Frage gestellt, treibt eine souveräne Energiewende voran, verteidigt die lateinamerikanische Integration und prangert in der internationalen Politik sowohl den Völkermord am palästinensischen Volk in Gaza als auch die Aggression Washingtons gegen Kuba an.
In diesem Zusammenhang sei an die Drohungen des aus Kolumbien stammenden republikanischen Senators von Ohio, Bernie Moreno, erinnert. Er warnte, Washington könne die Ergebnisse nicht anerkennen, sollten Unregelmäßigkeiten im Zusammenhang mit der Einschüchterung von Wählern auftreten. Moreno wird als Wahlbeobachter fungieren. Als enger Vertrauter Trumps drohte er damit, dass dieser wiederholen würde, was er in Venezuela bereits getan habe: "Wir mussten bereits militärisch in Venezuela intervenieren, um das Land in Ordnung zu bringen." Gustavo Petro antwortete dem US-Senator: "Die freie Entscheidung der kolumbianischen Bevölkerung muss respektiert werden. Dies ist eine Demokratie, keine Leibeigenschaft."
* Marcelo Solervicens ist Politikwissenschaftler und Kommunikationsforscher mit Schwerpunkt auf Medienpolitik und politischen Prozessen in Lateinamerika. Er arbeitet als Journalist und Publizist.
- 1. Damit sind die demobilisierten Ex-Angehörigen der FARC-Guerilla gemeint, die den Friedensvertrag von 2016 unterzeichnet haben gemeint (Anmerkung des Übersetzers).
- 2. In der politischer Theorie (u. a. Antonio Negri) wird die "konstituierende Macht" als eine gesellschaftliche, nicht vollständig institutionalisierbare Macht verstanden, die außerhalb und zugleich innerhalb verfassungsstaatlicher Ordnungen wirkt und als potenziell dauerhafte, kollektive Fähigkeit politischer Subjekte zur Neugründung politischer Strukturen gedacht wird (A. d. Ü).
- 3. Der kolumbianische Präsident Gustavo Petro beschuldigte ein internationales, mafiöses Netzwerk, das Expert:innen als Junta del Narcotráfico (Führungszirkel des Drogenhandels) bezeichnen, des Mordes an Turbay. Die offizielle Version der noch nicht abgeschlossenen Ermittlungen der Generalstaatsanwaltschaft zeigt ihrerseits auf die Ex-FARC-Gruppe Segunda Marquetalia als verantwortliche Organisation.

