Es ist geradezu obszön, dass ausgerechnet das Southcom1 Kräfte nach Caracas entsendet, um nach der Katastrophe Unterstützung im Flugverkehr und an den Flughäfen zu leisten. Ein noch größeres Verbrechen ist jedoch, dass die USA die Naturkatastrophe jetzt nutzen, um endlich das zu erreichen, was sie schon lange wollen: die Kontrolle über den Öl- und Bergbausektor Venezuelas und die letztendliche Privatisierung der öffentlichen Versorgungsdienste, die die sozialistische bolivarische Regierung kennzeichnen. Nachdem Trump bereits die venezolanische Ölindustrie enteignet und vom Verkauf des gestohlenen Rohöls profitiert hat, ist die Überweisung von lächerlichen 150 Millionen Dollar an "Hilfe" an das Land, dem er seine souveränen Ressourcen geraubt hat, eine Beleidigung auf dem Niveau des Siedlerkolonialismus.
Das ist "Katastrophenkapitalismus", ein Begriff, den Naomi Klein in ihrem Buch "Die Schock-Strategie" populär gemacht hat und letztlich ein gut dokumentierter Aspekt imperialistischer Ausplünderung. Klein erläutert, wie Regierungen und Konzerne im Zuge wirtschaftlicher Maßnahmen – sei es durch Sanktionen externer Mächte oder durch die Umsetzung neoliberaler Politik im Land selbst – den Schock eines ungeplanten, katastrophalen Ereignisses ausnutzen, um radikale, umfassende Sparmaßnahmen und ihre Kontrolle durchzusetzen.
Die Katastrophenhilfe wird zum Mittel für umfangreiche ausländische Investitionen und Entwicklungsprojekte. Damit geht eine ausländische Kontrolle über diesen Entwicklungsprozess einher und schließlich die Aneignung eines bereits geschwächten Staates zugunsten der ausländischen Regierungen und Unternehmensinteressen, die hinter den Hilfsgeldern stehen. Wirtschaftspolitische Maßnahmen, die unter normalen Umständen abgelehnt würden, lassen sich einem ohnehin schon geschwächten Staat leichter aufzwingen, wenn dieser Staat und seine Bevölkerung durch eine Naturkatastrophe in eine verzweifelte Lage gebracht wurden.
Der Einsatz der Katastrophenhilfe als "Trojanisches Pferd" für neoliberale Ausplünderung und Kontrolle nach dem Erdbeben in Haiti im Jahr 2010 vermittelt eine erschreckende Vorstellung davon, was Venezuela heute bevorstehen könnte.
Die USA haben das Erdbeben in Haiti als Vorwand benutzt, um gemeinsam mit ihren ausländischen Verbündeten eine nahezu vollständige Kontrolle über den Wiederaufbau des Landes zu erlangen, wenn nicht sogar über das Land selbst. Diese Verbündeten sind in der von der UNO eingesetzten "Core Group" organisiert, die den Inselstaat faktisch regiert.
Die Hilfs- und Wiederaufbaumaßnahmen sowie die dafür bereitgestellten Milliarden US-Dollar wurden von den in der "Core Group" vertretenen und anderen ausländischen Regierungen und Auftragnehmern gesteuert, wobei der haitianische Staat unter dem damaligen Präsidenten René Préval umgangen wurde. Internationale Instanzen rechtfertigten dies mit der Behauptung, Haiti sei hoffnungslos korrupt.
In der Tat herrschte dort Chaos, nachdem das Erdbeben einen Großteil der staatlichen Infrastruktur zerstört hatte – darunter die Nationalversammlung und den Nationalpalast – und nachdem die jahrelange imperialistische Kontrolle dem Land seine Souveränität entrissen hatte. Der Vorwand der Korruption wurde jedoch zur Rechtfertigung der Tatsache benutzt, dass die haitianische Regierung nur einen sehr geringen Teil der für Hilfe und Wiederaufbau zugesagten Milliarden US-Dollar erhielt.
Die Associated Press berichtete 2013, dass das Institut für wirtschaftspolitische Forschung (CEPR) festgestellt habe, von den zugesagten 1,15 Milliarden US-Dollar seien nur ein Prozent an haitianische Unternehmen geflossen. Stattdessen habe man herausgefunden, dass "die 'überwiegende Mehrheit' der Gelder, deren Verbleib nachverfolgt werden konnte, direkt an US-Unternehmen oder US-Organisationen ging, mehr als die Hälfte davon allein in den Raum Washington". Und was gebaut wurde, diente den Interessen ausländischer Konzerne und mit ihnen verbundener haitianischer Eliten, die unter dem Schutz der US-Regierung standen, um Haiti ihrem Willen zu unterwerfen.
Der 224 Millionen US-Dollar teure Caracol-Industriepark wurde mit Wiederaufbaumitteln errichtet, die im Rahmen einer von Bill Clinton mitgeleiteten Wiederaufbaumission bereitgestellt wurden. Er ist bis heute ein Beispiel für Katastrophenkapitalismus und die skrupellosen Methoden, mit denen westliche Imperialisten von Natur- und menschengemachten Katastrophen profitieren.
Im Jahr 2011 wurden zahlreiche Bauern und andere Anwohner von ihrem fruchtbaren Ackerland, das weit entfernt vom Katastrophengebiet lag, vertrieben, um Platz für den Bau des Industrieparks zu schaffen. Sie erhielten nur eine sehr kurze Frist zum Verlassen ihres Landes und eine unzureichende Entschädigung. Die Bauern kämpften jahrelang und erzielten schließlich 2018 eine Entschädigungsvereinbarung mit der haitianischen Regierung und der Interamerikanischen Entwicklungsbank (IDB), die neues Land, Arbeitsplätze, Ausrüstung und weitere Entschädigungsleistungen vorsah. Viele erhielten im Jahr 2020 endlich eine Entschädigung, aber nicht alle, und bei weitem nicht genug für das, was ihnen von den USA, der IDB und der US-Behörde für internationale Entwicklung (Usaid), den Hauptfinanzierern des Projekts, genommen wurde.
Der Park sollte ausländische Bekleidungsunternehmen durch Steuerbefreiungen und der Aussicht auf billige Arbeitskräfte anziehen, mit einem Lohn von gerade 1,75 US-Dollar pro Tag. Die Bekleidungsunternehmen kamen tatsächlich, und die Clintons versprachen Hunderttausende von Arbeitsplätzen. Doch es entstanden weniger als 10.000, und diese wurden zu genau dem Niedriglohn von weniger als zwei US-Dollar pro Tag bezahlt, dessen Anhebung bereits seit Jahren vor dem Erdbeben Gegenstand der Kämpfe der Haitianer gegen eine kleine Gruppe Wirtschaftseliten aus den Bereichen Produktion, Import und Export sowie Politik war. Eliten, die bereits damals mit Unterstützung der US-Regierung die vorhandenen Produktionsindustrien des Landes kontrollierten.
Als die haitianische Regierung 2009 aufgrund der Unruhen in der Bevölkerung ein Gesetz auf den Weg brachte, um den Mindestlohn des Landes für Textilarbeiter auf drei US-Dollar pro Tag und für andere Sektoren auf fünf US-Dollar pro Tag anzuheben, verbündeten sich ausländische Unternehmen und die haitianische Elite mit dem US-Außenministerium und blockierten mithilfe einer Studie der USAID erfolgreich die Umsetzung des Gesetzes. In der Studie hieß es, dass eine Anhebung des Mindestlohns den Textilsektor wirtschaftlich unrentabel machen würde.
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Bill und Hillary Clinton haben nie zugegeben, an der Lohndrückung in Haiti beteiligt gewesen zu sein. Allerdings war Hillary Clinton unter Präsident Barack Obama Außenministerin, als die von WikiLeaks veröffentlichten Depeschen des Außenministeriums die verdeckte Strategie zur Niedrighaltung der Löhne aufdeckten. Diese Strategie führte damals in den USA zur Verabschiedung von Gesetzen, die die haitianische Elite und ausländische Investoren begünstigten: die "Haitian Hemispheric Opportunity through Partnership Encouragement" (Hope) Acts I und II (Gesetze zur Schaffung von Chancen für Haiti durch Förderung partnerschaftlicher Zusammenarbeit in der westlichen Hemisphäre). Es ist ausgeschlossen, dass die Clintons daran nicht beteiligt waren, da sie einen Großteil ihrer Arbeit in Haiti über die Clinton-Stiftung abwickelten, und in Haiti macht man Bill und Hillary Clinton für das katastrophale Ergebnis verantwortlich.
Bis Ende 2011, ein Jahr nach dem Erdbeben, war der Großteil der versprochenen Hilfsgelder noch nicht ausgezahlt worden, und was ausgezahlt wurde, floss in Projekte, die nichts mit Wohnraum, Ernährung oder der Bereitstellung von Hilfe oder Unterstützung für die Vertriebenen zu tun hatten, wie beispielsweise der Caracol-Industriepark. Der Skandal verschärfte sich, als ans Licht kam, dass einige große Hilfsorganisationen mit den Mitteln, die sie erhalten hatten, nur sehr wenig erreicht hatten. Letztlich konnte niemand wirklich Rechenschaft darüber ablegen, wohin die Milliarden Dollar geflossen waren – außer in die Taschen von Nicht-Haitianern.
Heute gehört Haiti weiterhin zu den ärmsten Ländern der Welt. Die Haitianer protestieren weiterhin nicht nur gegen den niedrigen Mindestlohn, sondern auch gegen den Verlust ihrer Souveränität und Menschenwürde. Sie leiden unter der von den USA befeuerten Bandenkriminalität, unter Angriffen auf haitianische Einwanderer durch die US-Regierung, sowie unter der anhaltenden Kontrolle durch die von der UNO eingesetzte "Core Group", ohne eine eigene gewählte politische Führung, und auch unter einer weiteren Invasion beziehungsweise Intervention der UNO zur Unterdrückung der Unruhen.
Das ist die Zukunft, die sich die USA für Venezuela wünschen. Venezuela soll wie Haiti werden oder wenigstens in eine ähnliche Lage geraten; zumindest insofern, als ein zerlegter Staat geschaffen wird, in den die USA eindringt, den sie ausplündern und kontrollieren können. Auch wenn Haiti und Venezuela in vielerlei Hinsicht vielleicht nicht vollkommen vergleichbar sind, so sind beide Fälle doch komplementäre Beispiele dafür, wie eine Naturkatastrophe unter dem Deckmantel der Hilfe dazu genutzt wird, die imperialistische Kontrolle über ein bereits durch die unerbittliche westliche Hegemonie geschwächtes Land zu vertiefen. Diese imperialistische Kontrolle folgt auf eine Geschichte von Befreiungskämpfen, bei denen die überwiegend afrostämmige und indigene Bauernschaft gegen die europäische Siedlerkolonialherrschaft und die kapitalistische Ausbeutung Erfolge verzeichnen konnte.
Anstatt ihre Macht und ihren Reichtum einzusetzen, um leidenden Menschen zu helfen, nutzen die USA und ihre Verbündeten nun das Erdbeben, um ihren Einfluss auszubauen. Anschließend erklären dieselben mächtigen Staaten das betroffene Land zum gescheiterten Staat, verteufeln Regierung und Bevölkerung als unreif oder unfähig, sich selbst zu regieren, und führen es als Beleg für das Scheitern des Sozialismus oder Kommunismus an.
In Venezuela halten sich derzeit US-Beamte auf und "koordinieren" ihre Maßnahmen offen mit der Interimspräsidentin Delcy Rodríguez. Es ist wichtig zu verstehen, dass dies unter der Drohung geschieht, Rodríguez aufgrund erfundener Vorwürfe wie Drogenhandel, Menschenrechtsverletzungen, Korruption oder Grabraub anzuklagen und inhaftieren zu lassen, je nachdem, wie es den USA beliebt.
Und nun sind die USA aktuell drauf und dran, die unfassbar tragische Katastrophe als noch mächtigeres Druckmittel einzusetzen, um den venezolanischen Staat zu zwingen, weitaus mehr Zugeständnisse zu machen. Sie nutzen diese Gelegenheit, um ihre Kontrolle über die Öl- und Bodenschätze des Landes zu verschärfen. Venezuela soll dadurch faktisch in den Einflussbereich der USA eingegliedert werden, um als Waffe gegen die übrigen von den USA als Feinde bezeichneten Länder – Kuba, China und Russland – herzuhalten. Venezuela unterhält freundschaftliche Beziehungen zu all diesen Ländern, sowie zu weiteren Ländern, die von den USA ebenfalls mit Sanktionen, Embargos und der Androhung noch härterer Maßnahmen unter Druck gesetzt werden.
Wir müssen den Kampf gegen die Rekolonialisierung der westlichen Hemisphäre durch die USA ausweiten und vertiefen, und uns unseren kämpfenden Brüdern und Schwestern im Globalen Süden anschließen, um der imperialistischen Aggression, Hegemonie und dem Gangstertum [der USA] ein Ende zu setzen. Und wir müssen den Feind, in dessen Zentrum wir uns befinden, klar und zielgerichtet ins Visier nehmen.
Denn Naturkatastrophen werden sich immer wieder ereignen. Aber Katastrophenkapitalismus darf es nie wieder geben!
Nicht, wenn wir den Kapitalismus und die Imperien zerstören, die auf ihm errichtet sind.
Dieser Text ist ein übersetzter Auszug aus dem Originalartikel in englischer Sprache
* Jacqueline Luqman ist eine Aktivistin aus Washington, D.C., sowie Mitbegründerin von Luqman Nation, einem unabhängigen Medienunternehmen der Black-Community, das auf YouTube (hier und hier) und Facebook zu finden ist.
- 1. Southcom ist das Regionalkommando der US-Streitkräfte für Lateinamerika und die Karibik. Es spielte eine zentrale Rolle bei der Entführung von Nicolás Maduro und Cilia Flores am 3. Januar 2026 und ist maßgeblich an den seit September 2025 geführten militärischen Operationen beteiligt, bei denen bislang mehr als 210 Menschen getötet wurden. Die US-Regierung hat bislang keine belastbaren Belege dafür vorgelegt, dass es sich bei den Getöteten tatsächlich um Drogenhändler oder Terroristen handelte. Die Rechtmäßigkeit der Einsätze wird deshalb von Menschenrechtsorganisationen, Völkerrechtlern und auch von Mitgliedern des US-Kongresses infrage gestellt. (Anmerkung der Redaktion).

