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21.09.2010 Venezuela / Medien

Vargas Llosa: Sehnsucht nach dem Führer

Ein peruanischer Neocon ärgert sich über die venezolanischen Mehrheiten

Für die FAZ gab dieser Tage der letzte neoliberale Geistesarbeiter Lateinamerikas, Mario Vargas Llosa, ein Interview. Der für seine literarischen "Desorientierungstechniken" berühmte Träger des Freiheitspreises der Friedrich-Naumann-Stiftung (2008) stellt einmal mehr unter Beweis, dass seine literarischen Fähigkeiten auch auf das Feld der Politik anwendbar sind. Herausgekommen ist ein Stück mit Unterhaltungswert.

Schon das Thema muss dem Leser ein erstes Lächeln abringen: Der Peruaner Vargas Llosa äußert sich (wieder mal) ausführlich zur Politik in den Nachbarländern Bolivien und Ecuador, vor allem aber zu Venezuela und seinem  "RRRRRRRegime", wie die Venezolaner die Sprachregelung der rechten Opposition gerne verulken.

Zuallererst klärt Vargas Llosa, warum er selber in der FAZ als Kronzeuge gegen das RRRRRRRegime in Venezuela herhalten muss: Die venezolanische Opposition verfüge über keinen charismatischen Führer. Die bevorstehende Wahlniederlage seines führerlosen Anhangs erklärt Vargas Llosa aber doch anders. Er fürchte, dass "die Wahlen manipuliert werden."

Solcherlei Befürchtungen, Ahnungen und Ankündigungen treiben das Gespräch voran. "Immer repressiver", "mehr und mehr" wie auf Kuba, "immer öfter" Zensur, so übt sich der Literat im Komparativ, um sich angesichts einer extrem mageren Faktenbasis nicht auf einen Ist-Zustand festlegen zu müssen. Immerhin kann er anführen, dass "Chávez" mal eine Demonstration "unterdrückt" und vor drei Jahren einen Fernsehsender "geschlossen" habe. Sein Fazit: "Chávez, Ortega, Correa und Morales sind lateinamerikanische Caudillos der schlimmsten Sorte."

Hier kommt der Peruaner zu einem klaren Schluss: "Schwierig" sei es, "in Venezuela freie Wahlen abzuhalten"; Chávez stürze nicht durch Wahlen, sondern aufgrund der Mobilisierung der Bevölkerung. Wen er mit "die Bevölkerung" meint, ergänzt er gleich dazu: die Mittelschicht, das akademische Milieu, die Gewerkschaften - mit diesem letzten Punkt meint er wahrscheinlich den durch und durch korrupten Dachverband CTV, der bereits im April 2002 in der Putschregierung des Unternehmerverbandes präsent war.

Dass Vargas Llosa im Folgenden eigenwillige kulturalistische Theorien über Lateinamerika und "die Tradition starker Männer" zum Besten gibt, sollte über eins nicht hinwegtäuschen: Der Mann wünscht sich für Venezuela statt Wahlen einen Putsch und einen Führer.

Da wollen wir nicht hoffen, dass seine Einschätzung zutrifft, Chávez sei ein Mann der Sprüche, nicht der Ideen, denn sonst beglückt uns demnächst Vargas Llosa als Führer einer "Militärdiktatur von Sonnenbrillen und Konservativen" - mit freundlicher Unterstützung der FAZ, der Naumann-Stiftung und anderer "westlicher, demokratischer Werte".

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