Europäische Plattform für den Frieden in Kolumbien

Erklärung von zivilgesellschaftlichen Gruppen zu den Verhandlungen zwischen FARC und der Regierung Manuel Santos in Kolumbien

Wir, Frauen und Männer aus Kolumbien und anderen Ländern sowie Bewohner und Bürger Europas, stellen in unserem Namen bzw. als Vertreter sozialer und politischer Organisationen, die über die Lage in Kolumbien und insbesondere den bewaffneten Konflikt besorgt sind, unter dem das Land seit Jahrzehnten leidet, Folgendes fest:

  1. Unserer Auffassung nach ist der bewaffnete Konflikt in Kolumbien auf soziale, wirtschaftliche und politische Faktoren zurückzuführen, die seit langer Zeit auf die kolumbianische Gesellschaft einwirken. Nach mehreren Jahrzehnten hat der Konflikt das Land so sehr zermürbt, dass es sich heute inmitten einer der schwersten humanitären Krisen der Welt befindet.
  2. Nachdem man über ein Jahrzehnt lang versucht hat, den Konflikt mit militärischen Mitteln zu lösen, und dies in großem Umfang zu Binnenvertreibungen und verstärkter Flucht ins Ausland, einer größeren Konzentration an Land und Reichtum, zu Verbrechen gegen die Menschlichkeit wie dem so genannten "Falsos Positivos"-Skandal und allgemein zu Gewalttaten in allen gesellschaftlichen Bereichen geführt hat, bekräftigen wir, dass eine politische Lösung auf dem Verhandlungswege der einzige Ausweg aus der militärischen Konfrontation ist. Diese politische Lösung wird die Gesellschaft auf bestmögliche Weise auf ein Leben in Demokratie und Frieden vorbereiten.
  3. Daher unterstützen wir den derzeitigen Verhandlungsprozess zwischen der FARC-EP und der kolumbianischen Regierung, was sich in unserer Verpflichtung widerspiegelt, ausgehend von unserer jeweiligen Situation alles in unserer Macht Stehende zu tun, um breite gesellschaftliche Schichten in Europa für eine politische Lösung des bewaffneten Konflikts in Kolumbien zu sensibilisieren, zu mobilisieren und zu organisieren. Gleichzeitig sprechen wir uns für die Einbeziehung der ELN in den aktuellen Friedensprozess und den raschen Abschluss humanitärer Vereinbarungen aus, um den Konflikt zu entschärfen und einen Waffenstillstand herbeizuführen.
  4. Wir erkennen an, dass die umfassende und demokratische Beteiligung der Zivilgesellschaft an diesem Verhandlungsprozess grundsätzliche Voraussetzung für die Verwirklichung eines gerechten und dauerhaften Friedens ist. Daher fordern wir die FARC sowie die Regierung und alle möglichen weiteren Verhandlungsteilnehmer auf, die zu diesem Zweck notwendigen Mechanismen und Instrumente zu garantieren.
  5. Die internationale Gemeinschaft muss darüber hinaus eine wichtige Rolle bei der Begleitung des Prozesses spielen, damit dieser zu einem glücklichen Abschluss kommt, und dabei die Einhaltung der Vereinbarungen überprüfen sowie diesbezügliche Initiativen, die aus der Zivilgesellschaft kommen, voranbringen. Bei dieser Mobilisierung müssen insbesondere die im Ausland lebenden Kolumbianerinnen und Kolumbianer eine wichtige Rolle einnehmen.
  6. Die Anerkennung der Exilierten als Opfer des Konflikts und die Würdigung der Wirtschaftsmigranten sowie Rückkehrgarantien bei der Erarbeitung von Friedensvorschlägen müssen am Verhandlungstisch berücksichtigt werden. Darüber hinaus weisen wir auf das Problem der vielen tausend kolumbianischen Mädchen und Jungen hin, die aufgrund der unterschiedlichen Ausprägungen des Konfliktes in verschiedenen Ländern der Welt adoptiert wurden. Auch sie müssen als Opfer anerkannt werden.
  7. Um diesen Forderungen Nachdruck zu verleihen, wird die "Europäische Plattform für den Frieden" (Plataforma Europa por la Paz) gegründet, ein weit verzweigtes und demokratisches Netzwerk, in dem Menschen aller Altersklassen vertreten sind und das auch sozialen, politischen, solidarischen und sich für die internationale Zusammenarbeit einsetzenden Organisationen offen steht, die diese Grundsätze teilen. Die Plattform wird als Zentrum der Koordinierung und für die Impulse aus den verschiedenen Initiativen fungieren, die sich unserem Aktionsplan anschließen.
  8. Zwecks Unterstützung der Friedensdialoge und Vermeidung von Situationen, die die Fortführung dieser Dialoge gefährden könnten, fordern wir die europäischen Regierungen auf, die aufständischen Organisationen Kolumbiens von der Liste der Terrororganisationen zu streichen.
  9. Darüber hinaus appellieren wir an die soziale Verantwortung der europäischen Medien im Hinblick darauf, durch Wortwahl und Darstellungsweise bei der Berichterstattung über die Lage in Kolumbien zur Schaffung einer Kultur des Friedens und der Versöhnung in diesem Land beizutragen.
  10. Die "Europäische Plattform für den Frieden" führt die unterschiedlichen Prozesse zusammen, die in Kolumbien und der Welt nach einer politischen Lösung zur Beendigung des bewaffneten Konflikts in Kolumbien suchen, insbesondere dem "gemeinsamen Weg zum Frieden" (Ruta Común por la Paz). Darüber hinaus verpflichtet sie sich, Themen vorzuschla­gen, zu verbreiten und zu erörtern sowie Vorschläge zu einzelnen Punkten zu erarbeiten, die zu einer strukturellen Lösung des Konflikts führen.

Vor dem Hintergrund der großen Friedensehnsucht, die wir mit allen Kolumbianerinnen und Kolumbianern teilen, und unter Berücksichtigung der Erfahrungen der früheren Verhand­lungsversuche fordern wir die Verhandlungsführer der Regierung und der Guerilla-Kämpfer auf, ein Beispiel für demokratisches Verhalten zu geben, angesichts der schwierigen Realitäten Kolumbiens ein umfassendes Engagement einzugehen und im Bewusstsein der Verantwortung für die Zukunft der kolumbianischen Gesellschaft mit gegenseitigem Respekt den Dialog zu führen, um so zu gewährleisten, dass die neuen Verhandlungsbemühungen zu einem guten Ergebnis führen, da das kolumbianische Volk den Frieden verdient.

Oslo, den 15. Oktober 2012.

Kontakt:

Maria Cepeda Castro
cepeda_maria@yahoo.fr
Telefon: 0036-705032060

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