"Frieden, der radikale sozioökonomische Reformen beinhaltet"

Rede von Iván Márquez, Sprecher der FARC-Delegation, bei der Eröffnung der zweiten Phase des Friedensprozesses für Kolumbien am 18. Oktober 2012 in Oslo

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Farc-Sprecher Iván Márquez (r.) bei der Pressekonferenz in Oslo
Farc-Sprecher Iván Márquez (r.) bei der Pressekonferenz in Oslo

Damen und Herren, Freundinnen und Freunde eines Friedens in Kolumbien, Landsleute,

wir sind bis an diesen 60. Breitengrad gekommen, bis in diese Stadt Oslo, aus den fernen Tropen, aus dem Macondo [Stadt aus Gabriel Garcia Marquez' "Hundert Jahre Einsamkeit"], der Ungerechtigkeit, aus dem Land, das an dritter Stelle bei der sozialen Ungleichheit auf der Welt steht, mit einem kollektiven Traum vom Frieden, mit einem Olivenzweig in unseren Händen.

Wir sind in dieses nördliche Norwegen gekommen, um den Frieden mit sozialer Gerechtigkeit für Kolumbien mittels Dialog zu erreichen, in dem der Souverän, das Volk, der Haupt-Protagonist sein muss. In ihm liegt die unwiderstehliche Kraft des Friedens. Dieser hängt nicht von einem Abkommen zwischen Sprechern der Konfliktparteien ab. Wer den Weg der politischen Lösung ebnen muss, ist das Volk und ihm obliegt es, die Mechanismen zu schaffen, die seinen Erwartungen entsprechen.

Ein solch strategische Unternehmung kann nicht als Prozess konzipiert sein, der gegen die Uhr läuft. Der angebliche Expressfrieden, den manche propagieren, würde wegen seiner Unbeständigkeit und seinem Übereifer nur in die Abgründe der Frustration führen. Ein Frieden, der nicht die Lösung der den Konflikt hervorrufenden ökonomischen, politischen und sozialen Ursachen angeht, wäre unberechenbar und würde in Kolumbien nur Chimären verbreiten. Das Zusammenleben muss auf festem Grund errichtet werden. [...]

Wir sind nicht die Kriegstreiber, als die uns einige Medien hinstellen wollen, wir kommen mit Vorschlägen und Projekten an den Verhandlungstisch, um endgültig den Frieden zu erringen, einen Frieden, der eine tief greifende Entmilitarisierung des Staates und radikale sozioökonomische Reformen beinhaltet, um wahre Demokratie, Gerechtigkeit und Freiheit zu errichten. Wir bringen die Akkumulation eines historischen Kampfes für den Frieden hierher, um, Schulter an Schulter mit unserem Volk den Sieg der politischen Lösung über einen Bürgerkrieg zu suchen, der Kolumbien zerstört. Aber unser Entschluss beinhaltet auch, die Kriegstreiber zu konfrontieren, die glauben, sie könnten mit dem Krachen von Bomben und Kanonen den Willen derer brechen, die die Fahnen der Veränderung und der sozialen Gerechtigkeit hochhalten.

Dieser Prozess kann nicht an eine Politik gefesselt sein, die ausschließlich auf ungeheure Profite für einige wenige Kapitalisten aus ist, denen die Armut von 70 Prozent unserer Bevölkerung absolut gleichgültig ist. Sie denken nur an das Wachstum ihrer Beute, nicht an die Verringerung des Elends. Mehr als 30 Millionen Kolumbianer leben in Armut, 12 Millionen in extremer Armut, 50 Prozent der erwerbsfähigen Bevölkerung lebt in Agonie zwischen Arbeitslosigkeit und Unterbeschäftigung, fast sechs Millionen Campesinos halten sich als Opfer gewaltsamer Vertreibung in den Städten auf. Von den 114 Millionen Hektar des Landes sind 38 Millionen der Ölförderung zugeteilt, 11 Millionen den Minenprojekten und die 750.000 ha zur Waldausbeutung sollen auf 12 Millionen ausgeweitet werden. Die extensive Viehzucht belegt 39.2 Millionen ha. Das gesamte Anbaugebiet beträgt 21.5 Millionen ha, aber davon sind nur 4.2 Millionen für die Landwirtschaft bestimmt. Diese nimmt weiter ab, was sich darin zeigt, dass das Land schon mehr als 10 Millionen Tonnen Nahrungsmittel pro Jahr importieren muss. Über die Hälfte des nationalen Territoriums funktioniert für die Interessen einer Enklavenwirtschaft. [...]

Der wesentliche Grund für den bewaffneten Aufstand und für einen heroischen Campesinowiderstand hat sich im Lauf der Zeit verschärft. Die Geophagie ['Essen von Erde'/Landverbrauch] der Großgrundbesitzer hat die unausgeglichene und ungerechte Struktur von Landbesitz noch akzentuiert. Der Gini-Koeffizient auf dem Land steht bei 0.89 Prozent. Eine entsetzliche Ungleichheit! Die selben offiziellen Angaben zeigen, dass die Fincas mit mehr als 500 ha im Besitz von 0.4 Prozent der Eigentümer sind, die 61.2 Prozent der Böden kontrollieren. Es handelt sich um eine Akkumulation der Enteignung, wofür in jüngster Zeit 8 Millionen Hektar mittels paramilitärischer Massaker, Massengräber, Verschwindenlassen, gewaltsamer Vertreibung und Verbrechen gegen die Menschheit entrissen wurden. In den 8 Jahren der Regierung Uribe sind alle diese Komponenten des Staatsterrorismus in Kolumbien noch verstärkt worden.

Für die FARC ist das Konzept von LAND unlösbar mit Territorium verbunden; sie stellen ein untrennbares Ganzes dar, das über den rein agrarischen Aspekt hinausgeht und strategische, vitale Interessen der ganzen Nation betrifft. Deshalb steht heute der Kampf ums Territorium im Zentrum der Kämpfe in Kolumbien. Von Land zu reden, heißt für uns, von Territorium als einer Kategorie zu reden, die nicht nur die Begriffe von "im Boden" und "über dem Boden" einschließt, sondern auch die sozio-historischen Beziehungen unserer Comunidades, die auch einen Sinn von Vaterland beinhalten, der die Erde als Mantel und den Sinn vom guten Leben begreift. [...]

Wir gehen von dieser Vision aus und wollen ganz Kolumbien warnen: Die Vergabe von Landtiteln, wie sie die gegenwärtige Regierung konzipiert hat, ist eine Falle und beinhaltet eine Art legaler Enteignung. Der Campesino soll, hat er erst den Eigentumstitel für sein Land in den Händen, keinen anderen Ausweg haben als den, sein Land den Multis und Finanzgesellschaften zu verkaufen oder zu verpachten, die nur an der maßlosen Plünderung von Bodenschätzen und Energieressourcen interessiert sind. In ihrer Strategie soll der Boden für die Ausweitung der Waldbewirtschaftung und der immensen Plantagen dienen, nicht um das gravierende Nahrungsproblem unseres Volkes zu lösen, sondern um Agrotreibstoffe herzustellen, die Autos ernähren sollen. Im besten Fall bleibt den Menschen eine erbärmliche Rente, aber weit weg von ihrem Land in die städtischen Elendszonen verbannt. Nach 20 oder 30 Vertragsjahren wird sich niemand mehr der eigentlichen Landeigentümer entsinnen. Wir halten dies ohne Zögern fest: Die vom Eigentumstitel abgeleitete Finanzialisierung des Landes wird damit enden, dass dem Campesino sein Land "abgejagt" wird [tumbar – eine Dealergruppe jagt der andern die Ware ab]. Sie treiben uns zur Veräußerung des Landes ans Ausland und in die durch die Ausbeutung von Minen, energetischen Ressourcen und Waldwirtschaft brutal beschleunigte Umweltkatastrophe. Die Natur als Quelle genetischer Information darf nicht zum Beutegut der Multis werden. Wir widersetzen uns der Invasion von Gentechnik-Saatgut, der Privatisierung und Zerstörung unserer Biodiversität und dem Vorhaben, unsere Campesinos zum Teil des Räderwerkes des Agrobusiness und seiner agroindustriellen Kette zu machen. Die Souveränität und das Leben selbst stehen auf dem Spiel.

So ist die Landtitulierung nichts als eine Gesetzlichkeit, die das blutige Gesicht des vom Staatsterrorismus während Jahrzehnten praktizierten Landraubes waschen soll. Für einen Multi ist es angenehmer zu sagen, "Ich habe einen Minentitel", als bezichtigt zu werden, für sein Förderungsprojekt paramilitärische Gruppen finanziert und eine Bevölkerung entwurzelt zu haben. Innerhalb dieser Dynamik mordet das Regime in Kolumbien nicht nur mit Kriegsoperationen, Paramilitärs und Auftragskillern, sondern auch mit seiner Wirtschaftspolitik, die durch Hunger tötet. Heute sind wir gekommen, um diesen metaphysischen Mörder, der der Markt ist, zu demaskieren, die Kriminalität des Finanzkapitals zu denunzieren und den Neoliberalismus als Henker der Völker und als Todesfabrikanten auf die Anklagebank zu bringen.

Täuschen wir uns nicht! Die Agrarpolitik des Regimes ist rückwärts gerichtet und betrügerisch. Wie der Befreier Simón Bolivar sagt, ist die reine Wahrheit die beste Art der Überzeugungsarbeit. Die Lüge wird nur zur Verschärfung des Konflikts führen. Letztes Ziel dieser Politik ist, den Investoren zum Schaden der Souveränität und des Allgemeinwohls Rechtssicherheit zu bieten, die Landmärkte zu liberalisieren und das Territorium der Finanzspekulation und den Futurebonds auszusetzen. Ob mit oder ohne bewaffnetem Aufstand, diese Politik wird die Konflikte und die Gewalt multiplizieren.

Akkumulation durch Enteignung und neue kapitalistische Raumordnung – das ist die Formel des politisch-ökonomischen Projekts der neoliberalen Eliten, die das Vaterland von Kopf bis Fuß bluten lassen.

Genau dagegen wehren wir uns. Die FARC widersetzen sich nicht einer realen Rückgabe und Titulierung des Landes. Viele Jahre lang haben wir als bewaffnetes Volk für eine wirkungsvolle und transparente Landreform gekämpft und genau deswegen kann die von der Regierung mit ihrem Landgesetz geplante legale Enteignung nicht zugelassen werden. Mittels der Gewalt des "Plan Kolumbien" und des paramilitärischen Projektes wurde das Terrain für den Sturmangriff der Multis vorbereitet. Das Allgemeine Agrar- und Landentwicklungsgesetz stellt im Wesentlichen ein Projekt der territorialen Neuordnung dar, konzipiert, um Raum für die Ökonomie der Ressourcenausplünderung gegen die Ökonomie der Campesinos zu schaffen. Zum Schaden der Nahrungsmittelsouveränität und des internen Marktes wird eine Minen- und Energie-Landkarte über den Landwirtschaftsraum gelegt. Und schon gar nicht wird die Förderung einer ökologischen Landwirtschaft in Betracht gezogen, die die natürliche Umwelt bewahrt.

Andererseits muss die Landrückgabe auch auf diejenigen Ländereien verweisen, die den Campesinos, den Indigenen und Afro-Kolumbianern gewaltsam entrissen worden sind und nicht auf weit von ihren ursprünglichen Lebensbereichen entfernt liegendes Brachland, das heute ebenfalls bei den Multinationalen begehrt ist. Aber das zeigt, dass dies ein Problem ist, das mit dem gesamten kolumbianischen Volk zu tun hat und das ganze Land mit Konflikten überzieht. Im Land herrscht eine tiefe Gegnerschaft zur Finanzmafia, die sich die "Orinoquía" aneignet [auch Llanos Orientales, die östliche Ebene, genannt; riesige Viehzuchtgegend bis zur Grenze mit Venezuela. Die Llaneros sind die Bewohner der Llanos]. Jetzt sind einige Neu-Llaneros aufgetaucht, die mit den Llaneros nichts gemein haben, wie unter anderen die Magnaten Sarmiento Angulo und Julio Mario Santodomingo Jr., die Großgrundbesitzer Eder aus dem Cauca-Tal [ein Vertreter dieser Familie ist Mitglied der Verhandlungsdelegation der Regierung], Herr Efromovich, der ehemalige Vizestaatspräsident und Anstifter des paramilitärischen Bloque Capital, Francisco Santos, die Söhne von Álvaro Uribe Vélez, die keinerlei Anrecht auf diese Ländereien haben und einzig Öl, Gold, Coltan, Lithium in ihre Klauen kriegen und in der Hochebene große agroindustrielle und Biodiversitätsprojekte ausbeuten wollen. Die Landfrage angehen, heißt, mit dem ganzen Land über diese Probleme zu reden. Die wirklichen Llaneros sollen sprechen, die, deren Haut von der Sonne in der Steppe ihre rostbraune Färbung erhalten hat; die, die Jahrhunderte lang in Frieden mit den Moriche-Palmen und dem Flug der Reiher und der Triele harmonisch zusammengelebt haben; die, die barfuß mit ihrem historischen Mut die Lanzen eingesetzt haben, um uns die Freiheit zu geben.

Das Volk hat das Wort: Hier ist der patriotische Widerstand der Ölarbeiter gegen die kanadische Pacific-Rubiales in Puerto Gaitán, deren Ausplünderungsszenario von den Paramilitärs des Großunternehmers Víctor Carranza blutig vorbereitet wurde. Täglich nimmt der transnationale Vampir mehr als 250.000 Barrel Öl mit, während er mehr als 12.500 Leiharbeitern das Blut aussaugt, die wie Sklaven 21 Tage am Stück 16 Stunden täglich arbeiten müssen, bei einer Woche Erholung. Ihre Arbeitssituation ist grausamer, als die in den 20er Jahren von den Besitzern der Bananenplantagen auferlegte.

Hier ist der Widerstand der Bewohner von Quimbo, wo die Regierung die Leute, die dort seit mehr als einem Jahrhundert leben, mit Fußtritten vertreiben und so ihre kulturellen Lebenswerke, ihr Leben und ihre Umwelt zerstören will. Werden wir etwa zulassen, dass der Fluss des Vaterlandes, der Río Grande del Magdalena, tödlich getroffen wird, nur um einen Stausee zu bauen, der Strom für den Export und nicht für die Millionen von der Stromversorgung abgeschnittenen Kolumbianer liefern soll? Für die Regierung kommen die Profite des Multis EMGESA vor dem Los der dann entwurzelten Familien.

Hier ist der Widerstand der Bewohner von Marmato, einfache Menschen, die immer von der handwerklichen Goldförderung gelebt haben und die die transnationale MEDORO RESOURCES von der Landkarte radieren will, um dieses Gebiet in die größte Goldmine unter freiem Himmel auf dem Kontinent zu verwandeln. Wir erinnern hier daran, dass sogar die katholische Kirche Kolumbiens diesen gerechten Kampf begleitet hat, in dem der Priester José Idárraga, Führer des Zivilkomitees zur Verteidigung von Marmato, von den Kugeln der Handlangern der Transnationalen durchsiebt wurde.

Hier ist der großartige indigene und bäuerliche Widerstand in Cauca zur Verteidigung ihres Territoriums und ihrer alten Kulturen, und der Widerstand ihrer afrokolumbianischen Brüder, patriotische Wächter der Souveränität des Volkes über den Pazifik und unsere Wälder.

Die herrschenden Kasten bestehen darauf, das Moor von Santurbán zu zerstören, das reich ist an Biodiversität und Wasser, das den Durst so wichtiger Städte wie Bucaramanga Cúcuta stillt. Aus Goldgier wollen sie das saubere Wasser des Flusses Suratá zerstören. Die Würde der Söhne von José Antonio Galán, dem Comunero, mobilisierte einen Widerstand, der das Volk der Llanos sogar mit dem lokalen Unternehmertum vereinigt, das zu begreifen beginnt, dass dies ein Kampf von ganz Kolumbien ist. [Der Aufstand der Comuneros 1781 gegen die Kolonialverwaltung wurde von Kräften aus den Unterklassen und den indigenen Völkern getragen.]

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Wie können wir zulassen, dass ANGLO GOLD ASHANTI, nur um ihre Goldgier zu befriedigen, 5 Prozent unseres Territoriums übergeben wird? Das Goldförderprojekt dieses Multis in La Colosa wird eine große ökologische Verwüstung mit sich bringen und 4 Millionen Kolumbianern das Wasser nehmen, die von ihren Wasserquellen abhängig sind.

Die Minen-Lokomotive ist wie ein Dämon der sozio-ökologischen Zerstörung, die, wenn sie nicht vom Volk gestoppt wird, Kolumbien innerhalb eines Jahrzehnts in ein unbewohnbares Land verwandeln wird. Lasst uns die physischen Lokomotiven des Cerrejón [Kohlemine im Tagebau mit Beteiligung von Xstrata/Glencore] und der Drummond stoppen, die während 24 Stunden am Tag unsere Kohle plündern. Stoppen wir BHT Billiton, Xstrata und Anglo American, die, um die 600 Millionen Tonnen Kohle zu fördern, die unter dem Bett des Río Ranchería liegen, dessen Verlauf ändern wollen, was den Wasserfluss um 40 Prozent verringern und eine Umweltzerstörung und einen irreparablen Schaden am sozialen Geflecht der Wayúu-Völker bewirken wird. [...]

Und klar, man hört die Sprecher der Regierung und die Oligarchie, die das Wachstum der nationalen Ökonomie und ihrer Exporte verkünden. Aber nein, in Kolumbien gibt es keine nationale Ökonomie. Diejenigen, die das Erdöl exportieren, die Kohle, das Ferro-Nickel, das Gold und die davon profitieren, sind die Multinationalen. Der Wohlstand gehört also ihnen und den Regierenden, die an sie verkaufen, nicht dem Land.

Es geht hier nicht darum, die speziellen Probleme der Guerilleros, sondern die der ganzen Gesellschaft zu lösen. Und da die Freihandelsverträge einer der Faktoren sind, die die Bevölkerung am negativsten betreffen, wird dieses Thema zwangsläufig angegangen werden müssen. [...]

Also der Frieden … ja. Wir wollen ehrlich den Frieden und identifizieren uns mit dem Ruf der Mehrheit der Nation nach einem Ausweg aus dem Konflikt über den Dialog, der Räume für eine volle Bürgerbeteiligung an den Debatten und Entscheidungen eröffnet.

Aber Frieden bedeutet nicht das Schweigen der Gewehre, sondern beinhaltet die Transformation der Staatsstruktur und die Veränderung der politischen, ökonomischen und militärischen Formen. Ja, Frieden ist nicht einfach die Demobilisierung. Comandante Alfonso Cano sagte: "Sich zu demobilisieren ist Synonym für Trägheit, ist feige Ergebung, ist Kapitulation und Verrat an der Sache des Volkes und dem revolutionären Gedankengut, das wir pflegen und mit dem wir für soziale Veränderungen kämpfen, sich demobilisieren ist eine Würdelosigkeit, die eine Botschaft der Verzweiflung an das Volk vermittelt, das auf unser Engagement und unseren bolivarischen Vorschlag baut". Wir müssen notwendigerweise die Ursachen angehen, die dem Konflikt zugrundeliegen. [...] Natürlich, rein ökonomisch gesehen, ist es für einen Transnationalen leichter, die natürlichen Ressourcen des Landes ohne Widerstand des Volkes und der Guerilla zu plündern. Mit Hilfe einfacher Rechenübungen können wir nachweisen, dass der Krieg für den Staat aus folgenden Überlegungen heraus nicht aufrecht zu erhalten ist:
Die Militärausgaben in Kolumbien gehören im Verhältnis zum BIP zu den höchsten der Welt. Die Militärausgaben haben sich in den letzten 20 Jahren verdreifacht, sie stiegen auf 6,4 Prozent ; das ist ein bedeutender Anstieg. Sie betragen aktuell zwischen 23 und 27 Billionen Pesos im Jahr, abgesehen davon, dass Kolumbien an weltweit 3. Stelle bei der US-Militär-"Hilfe" steht und im Rahmen des Plan Kolumbien Finanzmittel in Höhe von 700 Millionen Dollar im Jahr erhält.

In Kolumbien gibt es gesetzliche Vorschriften bezüglich des militärischen Schutzes der Investitionen. Von etwa 330.000 Soldaten der Streitkräfte werden 90.000 benutzt, um die Infrastruktur und den Profit der Multinationalen zu schützen. Die enormen Kosten, die dies verursacht, verbunden mit den Kosten der eingesetzten Technologie, machen die Grenzen der Aufrechterhaltung des Krieges deutlich. Wir machen einen ernsthaften Aufruf an die Soldaten Kolumbiens, an die Offiziere und Unteroffiziere, an die Oberkommandierenden, deren Herz noch für das Vaterland schlägt, den Anstand und das Erbe der bolivarischen Gedankenwelt wiederzuerlangen, die von den Militärs verlangt, ihr Schwert zur Verteidigung der Souveränität und der sozialen Garantien einzusetzen. Wie gut wäre es, die Entstehung neuer Streitkräfte anzuführen. Keine weitere Unterordnung unter Washington, keine weitere Unterordnung unter das US-Südkommando und kein weiteres Entgegenkommen bei der Ausbreitung ausländischer Militärbasen auf unserem Territorium.

Das ist das Feuer, das in unserem Herzen brennt; deshalb können die sogenannten juristischen Instrumente der Übergangsjustiz, die darauf zielen, aus Opfern Täter zu machen, nur eine Beleidigung sein. Es muss klar sein, dass der bewaffnete Aufstand gegen die Unterdrückung ein universelles Recht aller Völker der Welt ist, das in der Präambel der Erklärung über die Menschenrechte der UNO von 1948 verankert wurde, und es ist darüber hinaus ein Recht, das in vielen Verfassungen der Nationen der Welt festgeschrieben ist. Wir sind nicht die Ursache, sondern die Antwort auf die Gewalt des Staates. Der Staat ist derjenige,  der sich in einem Rechtsrahmen für seine Grausamkeiten und Verbrechen gegen die Menschheit, wie den 300.000 Toten während der als Epoche der Gewalt bezeichneten Zeit in den 50er Jahren verantworten muss; für die 5000 ermordeten Militanten und Kader der Unión Patriótica, für den Paramilitarismus als staatliche Aufstandsbekämpfungsstrategie, für die Vertreibung von circa 6 Millionen Campesinos, für die mehr als 50.000 Fälle von gewaltsam Verschwundenen, für die Massaker und "falsos positivos" [die Staatsanwaltschaft führt mehrere tausend Untersuchungsverfahren gegen Armeeangehörige wegen der Ermordung von unbeteiligten Unterklassenangehörigen, deren Leichen in FARC-Uniformen gesteckt und als Beleg für den Erfolg der Aufstandsbekämpfung gezählt wurden], für die Folter, für den Machtmissbrauch, von dem die massiven Verhaftungen zeugen, für die dramatische soziale und humanitäre Krise. Zusammengefasst: der Staat muss für den Staatsterrorismus Verantwortung übernehmen. Wer die Wahrheit gestehen und die Opfer entschädigen muss, das sind die Täter, die in der falschen Institutionalität verbunkert sind.

Wir sind eine kriegführende Kraft, eine revolutionäre politische Organisation mit einem in der Bolivarischen Plattform für das Neue Kolumbien skizzierten Projekt für das Land und uns treibt die Überzeugung an, dass unser Hafen der Frieden ist, aber nicht der Frieden der Besiegten, sondern der mit sozialer Gerechtigkeit.

Der bewaffnete Aufstand, der begründet ist in einem gerechten Kampf, wird weder mit Bombardierungen, Technologien noch mit Plänen, wie klingend und zahlreich auch immer ihre Namen lauten,  besiegt werden können. Der Krieg der beweglichen Guerillas ist eine unbesiegbare Taktik. Jene, die, berauscht von Triumphalismus, vom endgültigen Ende der Guerilla, von Wendepunkten und strategischen Schlägen reden, täuschen sich. Und sie verwechseln unsere Bereitschaft zum Dialog mit einem nicht existierenden Zeichen der Schwäche. Wir haben Schläge eingesteckt, und wir haben Schläge ausgeteilt. [...] So ist der Krieg. Der "Plan Patriota" des US-Südkommandos wurde besiegt und die kriegerische Auseinandersetzung hat sich heute mit Intensität auf das ganze nationale Territorium ausgeweitet. Dennoch lebt in uns ein Gefühl des Friedens, begründet in der Überzeugung, dass der Sieg immer vom Willen und der Mobilisierung unseres Volkes abhängen wird. "Dies ist eine entschiedene Botschaft", sagte vor kurzem Alfonso Cano, "hier bei den FARC ist niemand verzagt, wir sind absolut voller Moral, voller Kampfmoral!"

Präsident Santos, legen wir den Grundstock für den Frieden, indem wir uns an die Wünsche der Nation halten

Wir rufen alle sozialen Sektoren des Landes, das Nationale Befreiungsheer (ELN), die Leitungen der politischen Parteien, die Kolumbianer und Kolumbianerinnen für den Frieden - die von Piedad Córodoba geleitete Organisation hat furchtlos für die Ermöglichung dieses Weges gearbeitet -, die Bischofskonferenz und die Kirchen, den Breiten Nationalen Studentischen Runden Tisch (MANE), die Koordination von Sozialbewegungen in Kolumbien (COMCOSOL), die Promotoren des Friedenstreffens von Barranca, die Indígenas, die Afro-Kolumbianer, die Campesinos, die Vertriebenenorganisationen, die ACVC, die ANZORC, die Gewerkschaftsbünde, die Frauen, die kolumbianische Jugendbewegung, die LGTBI-Bevölkerung, die Akademiker, die Künstler, die alternativen Medienschaffenden, das Volk allgemein, die Migranten und Exilierten, den Marcha Patriótica, den Polo Democrático, den Congreso de los Pueblos, das MOIR, die Minga Indígena, die Friedliebenden der Welt dazu auf, diesen diplomatischen Lösungsversuch des Konflikts mit Hoffnung zu füllen.

Simón Trinidad bekundete bereits aus dem Gefängnis von Florence (Colorado, USA), wo er ungerechterweise zu 60 Jahren Gefängnis verurteilt wurde, seine totale Bereitschaft, an den Gesprächen für den Frieden in Kolumbien teilzunehmen. In einem Akt der Vernunft hat die kolumbianische Staatsanwaltschaft gesagt, ihm stehe das volle Recht zu, Teil der FARC-Verhandlungsdelegation zu sein, und der Oberste Justizrat offerierte die Technologie und die Logistik, um dies zu ermöglichen. Die Regierung der USA würde einen großen Beitrag zur Versöhnung der kolumbianischen Familie leisten, wenn sie die physische Anwesenheit Simóns am Verhandlungstisch ermöglichen würde.

Abschließend möchten wir unsere ewige Dankbarkeit an die Regierungen und Völker Norwegens, Kubas, Venezuelas und Chiles ausdrücken, die ihre Kräfte von Skandinavien aus, von der Karibik aus, von der Wiege Simón Bolívars und vom widerspenstigen Arauco von Neruda und Allende aus gebündelt haben, damit die Welt das neue Morgenrot des Friedens betrachten kann. Auch danken wir für den Beitrag des IKRK als Garant für den Transport der FARC-Sprecher aus wilden kolumbianischen Regionen, die unter Feuer liegen.

Wir erweisen unseren Gefallenen, unseren Kriegsgefangenen, unseren Kriegsversehrten, der Opferbereitschaft der Bolivarischen Milizen, der Klandestinen Kommunistischen Partei und der Bolivarischen Bewegung für das Neue Kolumbien, und mit ihnen dem loyalen Volk, das unseren Kampf nährt und begleitet, die Ehre. [...]

Wir heißen dieses neue Unterfangen für einen Frieden mit sozialer Gerechtigkeit willkommen. Alle gemeinsam für die unblutige Lösung des kolumbianischen Konflikts!

Es lebe Kolumbien! Es lebe Manuel Marulanda Vélez! Es lebe der Frieden!

Sekretariat des Zentralen Generalstabs der FARC-EP

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