Chile / Politik

Marcel Claude: Chiles Alternativkandidat

Bei den Präsidentschaftswahlen in Chile entscheiden die Wähler zwischen Michelle Bachelet und Evelyn Matthei. Doch die Politiklandschaft hat mehr zu bieten

Chile ist ein Land, dessen repräsentative Demokratie, ähnlich wie in Deutschland, faktisch zu einem politischen Duopol, einem Hin und Her zwischen zwei politischen Lagern, geworden ist. Ähnlich wie bei uns tendiert man dazu, das politische Geschehen auf das Für und Wider von Mitte-Links und Rechtskonservativ zu reduzieren. Die jeweiligen Kandidaten werden zu Hauptakteuren in der politischen Arena. In Chile geht es an diesem Sonntag um Michelle Bachelet und Evelyn Matthei. Dabei vergisst man schnell, dass es durchaus noch andere gibt, die mit (durchaus gerechtem Anliegen) hoffen, das politische Geschehen ihres Landes mitzubestimmen.

Der chilenische Ökonom und Umweltaktivist Marcel Claude wäre so einer. Er tritt am Sonntag unterstützt von der Humanistischen Partei Chiles, der Vereinten Linken und der Bewegung Todxs a La Moneda (Alle in die Moneda) bei den Präsidentschaftswahlen an.

Claude selbst sieht seine Kandidatur als eine Bürgerinitiative. Das darf er durchaus behaupten. Denn während die Politiker der traditionellen Parteien sich auf herkömmliche Politik beschränkten, ist Claude mit seinem politischen Engagement oft seiner Zeit voraus.

Für Claude sind die Bürger, insbesondere die Gewerkschaften, die Studenten, die Indigenen und die sozialen Minderheiten der wahre Motor der wirtschaftlichen und sozialen Entwicklung Chiles. Er fordert eine partizipative Demokratie mit einer gerechten Verteilung der natürlichen Ressourcen.

Er lud Evo Morales nach Chile ein, als dieser noch Gewerkschaftsführer der Kokabauern war und veröffentlichte seit den 1990er Jahren so viele anklagende Berichte über Chiles Umgang mit den natürlichen Ressourcen, dass die Zeitung El Mercurio ihn "Zahlenterrorist" taufte. Claude ist ein unkonventioneller Kandidat. Er vereinbart Ökonomie, Umweltaktivismus, Politik und Wissenschaft in einer Person.

Geboren in Santiago, studierte Claude Volkswirtschaft an der Universität Chile. Während der Militärdiktatur gehörte er der "Bewegung Sebastián Acevedo gegen die Folter" an. 1990, während der Re-Demokratisierung Chiles, schloss sich Claude der den Umbruch vorantreibenden PPD (Partei für die Demokratie) an.

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Im Jahr 1983 begann er als Wirtschaftsanalyst in der chilenischen Zentralbank zu arbeiten. Er schrieb dort mehrere Berichte zur Lage der Staatsverschuldung in Lateinamerika. Von 1993 bis 1995 führte er in der Zentralbank die Einheit für umweltökonomische Gesamtrechnung an. In dieser wurden die Disponibilität und Erschöpfung der natürlichen Ressourcen in Chile analysiert.

1995 bricht Claude mit der PPD aufgrund ideologischer Diskrepanzen. 1997 verließ er die Zentralbank und gründete die Stiftung Terram, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, eine nachhaltige Entwicklung Chiles voranzutreiben. Mit Terram kritisierte Claude jahrelang die Entwicklung der chilenischen Lachsindustrie. Gleichzeitig unterstützte er als Wirtschaftsberater verschiedene Gewerkschaften. Im Jahr 2003 schuf er den südamerikanischen Ableger der NGO für Meeresschutz Oceana. Nachdem Claude im Jahr 2006 wegen Meinungsverschiedenheiten mit der Organisation bricht, arbeitet er als Professor an verschiedenen chilenischen Universitäten im Bereich nachhaltige Entwicklung.

2006, die aktuelle Kandidatin Michelle Bachelet war gerade ihre erste Amtszeit als Präsidentin Chiles angetreten, unterstützte Claude die frisch ausgebrochene Studentenrevolte. Claude hielt bei den Protestveranstaltungen Reden, gab Interviews im Fernsehen und organisierte mit den Studenten Treffen zum intellektuellen Austausch, während Bachelet, die für ihre Wiederwahl tiefgreifende Reformen für Chiles Bildungssystem angekündigt hatte, damals nur halbherzige Schritte machte.

Wirtschaft und Ökologie sind Claudes Themen. "Das Wirtschaftswachstum in Chile ist ungesund", so Claude. Es brauche einen Wechsel des ökonomischen Systems Chiles, die nicht erneuerbaren natürlichen Ressourcen müssten verstaatlicht werden. Eine Politik müsse geschaffen werden, die die Ausbeutung dieser Ressourcen bei gleichzeitigem Schutz der Natur garantiert. Außerdem gehe es um einen Bruch mit den alten Institutionen aus der Zeit der Militärdiktatur, sagte Claude in dem lateinamerikanischen Fernsehsender Telesur. Durch diese Institutionen lebe die Diktatur bis heute in Chile fort. Um damit endgültig zu brechen, müsse man Chile reorganisieren und eine neue Verfassung schaffen. Dazu gehöre auch eine grundlegende Reformierung der Sozialsysteme.

Marcel Claude wird die Präsidentschaftswahlen 2013 wohl nicht gewinnen, trotzdem sind Kandidaten wie er überaus wertvoll. Sie bringen neue Themen, Impulse und Alternativen in einen manchmal zu einseitig ausgerichteten Politikalltag. Gerade deswegen sollte man ihnen mehr Aufmerksamkeit schenken.

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