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05.02.2014 Kuba / USA / Menschenrechte / Politik

"Die fünf Kubaner sind ganz einfach politische Gefangene"

Brief von Professor Piero Gleijeses an US-Präsident Barack Obama
Am 5. jedes Monats schreiben Unterstützer der "Los Cinco" Briefe an den US-Präsidenten, um ihre Freilassung zu fordern

Am 5. jedes Monats schreiben Unterstützer der "Los Cinco" Briefe an den US-Präsidenten, um ihre Freilassung zu fordern

Herr Präsident,

ich werde nicht die juristischen Mängel des Falles der Cuban Five ansprechen. Diese Mängel sind bekannt, und andere haben Ihnen darüber geschrieben. Die Fünf wurden von einem korrupten Gericht abgeurteilt und erhielten sehr schwere Strafen für die Verbrechen Fidel Castros.

Worin bestehen diese Verbrechen?

Natürlich haben sie nichts mit dem Zustand der politischen Demokratie in Kuba zu tun. Die Vereinigten Staaten haben ein gutes Verhältnis zur Regierung von Saudi Arabien und es gibt dort, wie Sie wissen, keine politischen Freiheiten; tatsächlich gibt es dort nicht einmal Religionsfreiheit und die Rechte der Frauen sind stark beschnitten.

Castros Verbrechen, für das die Fünf bezahlen, ist offensichtlich: Er demütigte die Vereinigten Staaten. Wie Leycester Coltman, ein britischer Botschafter in Kuba, schrieb, ist Fidel Castro "immer noch ein Knochen ... der in amerikanischen Hälsen steckt. Er hatte die einzige Supermacht der Welt herausgefordert und ihrer gespottet und ihm wird nie verziehen werden."1

Wo haben die Castro-Brüder die Vereinigten Staaten herausgefordert? Einer der wichtigsten Orte ist Südafrika. Ich bin sicher, dass Sie dies bei ihrem jüngsten Besuch in Südafrika gespürt haben, als Sie miterlebten, wie herzlich die südafrikanischen Menschen gegenüber Raúl Castro waren. Wie der Vorsitzende des Afrikanischen Nationalkongresses (ANC) sagte, als er Raúl Castro ankündigte: "Wir werden jetzt eine Grußbotschaft von einer kleinen Insel erhalten, einer Insel, deren Menschen uns befreiten, die für unsere Befreiung kämpften."

Während die Kubaner für die Befreiung der Bevölkerung von Südafrika kämpften, taten die aufeinanderfolgenden US-amerikanischen Regierungen alles, um sie aufzuhalten.

Im Oktober 1975 drang Südafrika, ermutigt durch die Ford-Administration, in Angola ein, um die linksgerichtete Volksbewegung für die Befreiung Angolas (MPLA) zu vernichten. Als Reaktion darauf kamen plötzlich 36.000 kubanische Soldaten nach Angola. Im April 1976 hatten die kubanischen Truppen die Südafrikaner rausgeworfen.

Wäre es den Südafrikanern gelungen, Angola ihren Willen aufzuzwingen, hätte sich der Zugriff der Herrschaft der Weißen auf das Volk von Südafrika gefestigt. Es war ein entscheidender Moment: Castro entsandte Truppen nach Angola wegen seines Engagements für das, was er "die wunderschönste Sache" nannte2, den Kampf gegen die Apartheid. Castro, so erklärte Kissinger, "war wahrscheinlich der authentischste revolutionäre Führer, der damals an der Macht war."3

Die durch den Sieg Kubas in Angola ausgelöste Flutwelle überschwemmte Südafrika. Mandela erinnerte sich später, dass er davon gehört hatte, während er auf Robben Island eingekerkert war: "Ich war im Gefängnis, als ich zum ersten Mal von der massiven Hilfe der internationalistischen kubanischen Truppen für die Menschen in Angola hörte. … Wir in Afrika sind daran gewöhnt, die Opfer der Länder zu sein, die nach unserem Territorium greifen oder unsere Souveränität untergraben wollen. In der gesamten Geschichte Afrikas ist dies das einzige Mal gewesen, dass ein anderes Volk aufgestanden ist, um eines unserer Länder zu verteidigen."4

Dieser kubanische Sieg über die Apartheid bedeutete für die USA eine Niederlage und Demütigung. Wütend beendete die Ford-Administration die mit Kuba geführten Gespräche zur Normalisierung der Beziehungen.

Präsident Carter sagte ebenfalls, es könne keine Normalisierung der Beziehungen geben, bis Kuba seine Truppen aus Angola zurückzieht – obwohl die CIA eingeräumt hatte, dass die kubanischen Truppen "notwendig zur Bewahrung der angolanischen Unabhängigkeit" gegenüber der anhaltenden Bedrohung durch Südafrika waren.5 Im Juni 1980 starteten die Südafrikaner einen weiteren großen Angriff und drangen über 100 Meilen weit nach Angola vor – und stoppten nur dreißig Meilen südlich der kubanischen Linie, die das Land schützte. Der UN-Sicherheitsrat antwortete mit einer scharfen Resolution, in der die Invasion verurteilt wurde, aber der US-Vertreter im Sicherheitsrat verlor kein Wort der Kritik an Südafrika. Als es zur Abstimmung kam, enthielt er sich, weil die Resolution eine Formulierung enthielt, in der vorgeschlagen wurde, dass der Sicherheitsrat Sanktionen verhängen könnte, falls Südafrika einen weiteren Angriff gegen Angola führen würde.

Ich bin sicher, Sie können diese Ironie einschätzen, Herr Präsident. Die Vereinigten Staaten hatten viele Soldaten in Italien, Westdeutschland und der Türkei stationiert – Länder, die sich 1980 keiner unmittelbaren militärischen Bedrohung durch die Sowjetunion gegenüber sahen, aber Jimmy Carter versagte den Angolanern das Recht, kubanische Soldaten zu haben, um ihr Land vor der sehr realen südafrikanischen Bedrohung zu schützen.

Castro lehnte es ab, sich Carters Forderung zu beugen und das bedeutete, dass er die Möglichkeit einer Normalisierung mit den Vereinigten Staaten (und der Aufhebung des Embargos) opferte, um Angola vor dem Apartheid-Regime zu schützen.

Von 1981 bis 1987 startete Südafrika, ermutigt durch die befreundete Reagan-Administration in Washington, massive Invasionen gegen das südliche Angola. Es gab eine Pattsituation bis November 1987, als Castro beschloss, die Südafrikaner ein für alle Mal aus Angola zu vertreiben. Auslöser für seine Entscheidung war die Tatsache, dass die südafrikanische Armee die besten Einheiten der angolanischen Armee in der Stadt Cuito Cuanavale im Süden Angolas eingeschlossen hatte. Und seine Entscheidung wurde durch den Iran-Contra-Skandal möglich gemacht, der gerade Washington erschütterte. Bis der Iran-Contra-Skandal Ende 1986 aufflog und die Reagan-Administration schwächte und aus dem Konzept brachte, hatten die Kubaner befürchtet, die Vereinigten Staaten könnten ihre Heimat angreifen. Darum waren sie nicht gewillt gewesen, ihre Waffenlager zu dezimieren. Aber der Skandal schwächte Reagan und Castro konnte Kubas beste Flugzeuge, Piloten und Flugabwehrwaffen nach Angola schicken. Castros Strategie war, die südafrikanische Offensive gegen Cuito Cuanavale im Südosten zu durchbrechen und dann im Südwesten anzugreifen, "wie ein Boxer, der mit der Linken den Schlag abwehrt und mit der Rechten zuschlägt."6

Am 23. März 1988 führten die Südafrikaner ihren letzten großen Angriff gegen Cuito Cuanavale. Es wurde ein erbärmlicher Fehlschlag. Der Vereinigte Generalstab der USA vermerkte: "Der Krieg in Angola hat eine dramatische - und soweit es die Südafrikaner betrifft - unerwünschte Wendung genommen."7

Die linke Hand der Kubaner hatte den südafrikanischen Schlag abgewehrt, während ihre rechte Hand sich auf den Schlag vorbereitete: starke kubanische Kolonnen bewegten sich Richtung Grenze zu Namibia und schlugen die Südafrikaner zurück. Kubanische MIG-23 begannen, den Norden Namibias zu überfliegen.

Unter den kubanischen Soldaten, die in Richtung der namibischen Grenze marschierten, waren zwei junge Männer, deren Namen heute sehr bekannt sind: Fernando González Llort und Gerardo Hernández Nordelo. Zehn Jahre zuvor hatte auch René González Sehwerert in Angola gekämpft. Diese drei Männer sind, zusammen mit Ramón Labañino Salazar und Antonio Guerrero Rodríguez, die fünf Kubaner, deretwegen ich schreibe.

US-amerikanische und südafrikanische Dokumente belegen, dass die Kubaner in Angola die Oberhand gewannen. Die Kubaner forderten, dass Pretoria sich bedingungslos aus Angola zurückzieht und von der UNO überwachte Wahlen in Namibia zulässt. Der Vereinigte Generalstab der USA warnte, wenn Südafrika ablehne, wären die Kubaner in einer Position, "eine gut gestützte Offensive gegen Namibia zu starten." Die Südafrikaner anerkannten ihr Dilemma: wenn sie die kubanischen Forderungen ablehnten, gingen sie "ein sehr reales Risiko ein, in einen ausgewachsenen konventionellen Krieg mit den Kubanern verwickelt zu werden, dessen Ergebnise potentiell desaströs sind." Das südafrikanische Militär war verbittert: "Wir müssen alles tun, um eine Konfrontation zu vermeiden."8

Pretoria kapitulierte. Es akzeptierte die Forderungen der Kubaner: es zog bedingungslos aus Angola ab und stimmte durch die UNO überwachten Wahlen in Namibia zu.

Der kubanische Sieg hatte eine Ausstrahlung über Namibia und Angola hinaus. Wie Nelson Mandela sagte, hat der kubanische Sieg "den Mythos von der Unbesiegbarkeit des weißen Unterdrückers zerstört ... (und) die kämpfenden Massen Südafrikas inspiriert ... Cuito Cuanavale war der Wendepunkt für die Befreiung unseres Kontinents – und meines Volkes – von der Geißel der Apartheid."9

Sie waren bei Mandelas Trauerfeier, Herr Präsident, und Sie feierten sein Erbe. Sie sahen die Reaktion des südafrikanischen Volkes auf Raúl Castro und den Namen Kubas. Ja, Kuba änderte den Lauf der Geschichte im südlichen Afrika – trotz der größten Bemühungen Washingtons, dies zu verhindern. Indem Kuba das tat, kränkte und provozierte es die USA – nicht nur Ford und Reagan, sondern auch Carter, den selbsternannten Weltmeister der Menschenrechte. Für die US-Amerikaner war Kuba der Aggressor und die Vereinigten Staaten waren, wie immer, auf der Seite der Engel. Wie die US-Historikerin Nancy Mitchell darlegte: "Unsere selektive Erinnerung dient nicht nur einem Zweck, sie hat auch Nachwirkungen. Sie schafft eine Kluft zwischen uns und den Kubanern: wir teilen eine Vergangenheit, aber wir haben keine geteilten Erinnerungen."10

Herr Präsident, vielleicht inspiriert Sie das, was Sie in Südafrika gesehen haben, die Kluft zu überbrücken und zu verstehen, dass die USA in der Auseinandersetzung mit Kuba nicht das Opfer sind und dass die fünf Kubaner ganz einfach politische Gefangene sind.

Piero Gleijeses

5. Februar 2014

 

Piero Gleijeses ist Professor für US-Außenpolitik an der Johns Hopkins University und Autor mehrerer Bücher über Kubas Engagement in Afrika sowie über US-Interventionen in Mittelamerika und der Karibik

  • 1. Leycester Coltman, The Real Fidel Castro, New Haven, 2003, p. 289
  • 2. Indicaciones concretas del Comandante en Jefe que guiarán la actuación de la delegación cubana a las conversaciones en Luanda y las negociaciones en Londres (23-4-88),” p. 5, Centro de Información de las Fuerzas Armadas Revolucionarias, Havana
  • 3. Henry Kissinger, Years of Renewal, New York, 1999, p.785
  • 4. Mandela, 26 July 1991, Granma (Havana), 27 July 1991, p. 3
  • 5. CIA, “Angola Cuba: Some Strains but No New Developments,” 9 Apr. 1979, Central Intelligence Agency Records Search Tool, National Archives, College Park, MD
  • 6. Memcon (Fidel Castro, Joe Slovo et al.), 29 Sept. 1988, p. 16, Centro de Información de las Fuerzas Armadas Revolucionarias, Havana
  • 7. US Joint Chiefs of Staff, 15 Apr. 1988, National Security Archive, Washington DC
  • 8. US Joint Chiefs of Staff, 28 July 1988, ibid.; Mike Malone to A. Jacquet, enclosed in Jacquet to Pik Botha, 20 July 1988, SWA/Angola, v. 2, Department of Foreign Affairs, Pretoria; General Jannie Geldenhuys, “Samevatting van notas mbt SAW-operasies in Suid-Angola,” 23 Aug. 1988, H SAW, gr. 4, box 160, Department of Defence, Documentation Centre, Pretoria
  • 9. Mandela, 26 July 1991, Granma, 27 July 1991, p. 3
  • 10. Nancy Mitchell, “Remember the Myth,” News and Observer (Raleigh), 1 Nov. 1998, G5
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