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17.03.2016 Kolumbien / Kultur

Die besten Filme und Events des Cartagena Filmfestivals

Das internationale Filmfestival von Cartagena (FICCI) gilt als wichtigstes Festival Kolumbiens und als ältestes seiner Art in Lateinamerika. Besondere Aufmerksamkeit verdient das Projekt "Kino in den Barrios"
Filmfestival in der tropischen Karibikstadt Cartagena de Indias

Filmfestival in der tropischen Karibikstadt Cartagena de Indias

Quelle: Jonas Schreijäg

Bei der 56. Ausgabe in diesem Jahr präsentierte sich in der Küstenstadt eine selbstbewusste, motivierte und junge kolumbianische Filmszene. Nachdem 2016 zum ersten Mal der kolumbianische Film "El Abrazo de la Serpiente" für den Oscar nominiert worden war, wurden auch in Cartagena vielversprechende Eigenproduktionen gezeigt. Darunter etwa der Eröffnungsfilm "Los Nadie" des 27-jährigen Juan Sebastián Mesa aus Medellín, der die Sehnsüchte seiner eigenen Generation authentisch auf die Leinwände bringt. "Das FICCI-Festival wird durch die neuen Generationen erneuert", resümierte Festivalleiterin Lina Rodríguez am Montag bei der Abschlussgala. Das Kino könne dabei helfen, "ein besseres Land aufzubauen".

Nach 1.650 Vorführungen in sechs Tagen, 154 Filmen aus 39 Ländern, Workshops unter anderem mit Susan Surandon und Gaspar Noé sowie Kinoaufführungen in den ärmsten Vierteln Cartagenas, endete das FICCI-Festival mit der Vergabe der goldenen "India Catalina".

Gewinner des Festivals:

Bester Spielfilm: "Boi Neon" (Brasilien, Uruguay, Holland), von Gabriel Mascaro. Der Regisseur greift tief verwurzelte Geschlechter-Stereotype auf, die in Lateinamerika weithin als natürlich angesehen werden, und dekonstruiert sie mit einem Hauch Ironie. Der Film schwankt dabei zwischen Härte und Zärtlichkeit, zwischen Ernsthaftigkeit und Humor. Trailer hier.

Bester Regisseur Spielfilm: José Luis Guerín mit "La academia de las musas" (Spanien). Gueríns Protagonist, ein italienischer Philosophie-Professor, behandelt an der Universität Barcelona das Konzept der Muse. Der Kinozuschauer wird zunächst in die abgehoben-anspruchsvollen Diskurse des Philosophie-Hörsaals hineingezogen und erlebt dann, wie der Professor ganz real mit der Kraft der Worte seine Studentinnen verführt. Trailer hier.

Bester Dokumentarfilm: "El viento sabe que vuelvo a casa" (Chile), von José Luis Torres. Schachtelgeschichte über den chilenischen Regisseur Ignacio Agüero, der einen Film über ein junges Paar drehen will, das in den 90er Jahren im Süden Chiles verschwunden ist. Trailer hier.

Bester Regisseur Dokumentarfilm: Jorge Caballero mit "Paciente" (Kolumbien). Ein kritischer Blick auf das kolumbianische Gesundheitswesen. Eine Mutter und ihre krebskranke Tochter sind gezwungen, sich mit einem Gesundheitssystems auseinanderzusetzen, in dem physische Leiden hintanstehen und bürokratische Regeln, die scheinbar wahllos angewendet werden. Trailer hier.

Bester Kurzfilm: "La impresión de una guerra" (Kolumbien, Frankreich), von Camilo Restrepo. Über die gesellschaftliche Internalisierung der Gewalt in Kolumbien, die nach über 70 Jahren Konflikt scheinbar jegliche Konfliktlinien verwaschen hat. Trailer hier.

Internationaler Film, der bei anderen Filmfestivals prämiert wurde:"Chronic" (Mexiko), von Michael Franco. Über die Beziehung eines bis zur Selbstaufopferung engagierten Pflegers und einer unheilbar kranken Person. Trailer hier.

Kolumbianische Preisträger:

Bester kolumbianischer Film: "Noche herida", von Nicolás Rincón Gille. Vertrieben durch die Gewalt, lebt Blanca mit ihren drei jugendlichen Enkelkindern in einem Vorort von Bogotá. Als der Älteste auszieht, unternimmt Blanca alles in ihrer Macht, um ihn auch aus der Ferne zu schützen und die beiden anderen Enkel bei sich zu behalten. Trailer hier.

Bester kolumbianischer Regisseur: Luis Ospina mit "Todo comenzó con el fin". Autobiografischer Dokumentarfilm über die Cali Group, auch bekannt als "Caliwood" - eine Gruppe von Schriftstellern, Künstlern und Filmemachern, die im Kolumbien der 70er und 80er Jahre inmitten von Drogen, Sex und Musik filmische Werke schufen, die heute fundamentaler Teil der kolumbianischen Filmgeschichte sind. Trailer hier.

Kino in den Barrios

Beim Festival sonnen sich die Film- und Fernsehstars im Blitzlichtgewitter der Kameras. Doch seine wahre Schönheit zeigt sich fernab vom roten Teppich. Es ist sieben Uhr in der Früh, die Dokumentarfilmerin Camila Cano steigt in den Shuttlebus des FICCI, der an der Stadtmauer von Cartagena für sie bereitsteht. Die 23-Jährige sucht ihre persönliche Herausforderung anderswo.

Der Bus bringt sie raus in den äußersten Norden der Stadt. Auf dem Weg dorthin zieht am rechten Autofenster die eingemauerte Innenstadt vorbei, links kracht das karibische Meer gegen die Küste. Cartagena de Indias, ein beliebtes Urlausziel im Norden Kolumbiens, ist eine Millionenstadt mit zwei Gesichtern: Im herausgeputzten Zentrum schlendern kolumbianische und internationale Touristen durch die kolonialen Gassen, kaufen in exklusiven Boutiquen. Die Quadratmeterpreise dort gehören zu den höchsten im ganzen Land. Auf der anderen Seite leben über 30 Prozent der Bewohner in Armut oder in extremer Armut – und damit deutlich mehr als in anderen Großstädten wie Bogotá, Medellín, Cali oder Barranquilla. Bei dem Großteil der Bevölkerung in den sogenannten "Barrios Populares" kommt vom Touristenboom und dem glamourösen Filmfestival nichts an.

Doch genau in solch ein Stadtviertel fährt Camila Cano heute mit ihrer Kameraausrüstung. Vorbei am Flughafen fährt der Shuttlebus nach La Boquilla – ein von afrokolumbianischen Fischern geprägtes, ärmliches Stadtviertel. Hier wird sie heute einen Workshop halten, sie wird Zehnt- und Elftklässlern eine Einführung in die Film- und Fernsehproduktion geben. "Ich bekomme dafür keinen Cent", sagt Cano. Der Wagen fährt jetzt fernab von der geteerten Straße über Schlaglöcher in Richtung Schule. Camila Cano muss sogar die Anreise aus Medellín und ihre Unterkunft bezahlen. "Trotzdem mache ich den Workshop schon zum dritten Mal", sagt sie und betont: "Ganz einfach, weil wir immer wieder so herzlich von den Schülern empfangen werden".

Camila Cano führt Schüler in die Kameratechnik ein (Quelle: Jonas Schreijäg)

Der Workshop, den sie heute anbietet, ist Teil des "Cine en los Barrios" (Kino in den Armenvierteln), eine der zwar weniger bekannten, aber umso bemerkenswerteren Initiativen des FICCI-Filmfestivals. Fernab von Glanz und Glamour werden dabei ausgewählte Festival-Filme auch in den ärmeren Stadtbezirken gezeigt, außerdem können sich Kinder und Jugendliche in Workshops selbst an der Kamera ausprobieren.

1992, als das Cartagena-Filmfestival in seine 32. Saison ging, gründete der damalige Pressechef, Jorge García Usta, auf eigene Kosten den Vorläufer dessen, was heute "Cine en los Barrios" heißt. Jorge García war es ein Dorn im Auge, dass das Filmfestival immer größer wurde, aber die eigene Bevölkerung Cartagenas zu einem Großteil gar nicht am Kinoerlebnis teilhaben konnte – schlicht weil ihnen die Mittel fehlten. "Deshalb gingen wir mit einer Videokassette raus in die Barrios", erinnert sich Orlando González, ein Weggefährte des 2005 verstorbenen Jorge García Usta. Bei den ersten Aufführungen wurde noch viel improvisiert, erzählt González. Er habe einfach ein mehr oder weniger weißes Bettlacken an irgendeine Hauswand gehängt und darauf die Filme projiziert.

Heute ist das Vorort-Kino eine Institution. Beim diesjährigen Festival wurden 22 Kinofilme in 18 Barrios aufgeführt. "Wir haben beim FICCI 2016 mit dem Kino über 70.000 Menschen in den Barrios erreicht", sagt Angela Bueno, die das "Kino in den Barrios" seit neun Jahren leitet. Mittlerweile finden die Kinoprojektionen nicht nur während des Festivals, sondern ganzjährig statt. Statt Bettlacken aufzuhängen, fahren heute Transporter mit großflächigen Leinwänden in den Barrios vor. Bei sogenannten Megaprojektionen können sogar bis zu 1.200 Menschen Festivalfilme mitten im Barrio anschauen. Popcorn und Soda gibt es von den Festivalsponsoren obendrauf.

"Die Viertel in die wir gehen, haben zum Großteil starke soziale Probleme", sagt Angela Bueno, die eigentlich Betriebswirtschaftslehre studiert hat, aber sich nach eigener Aussage nie einen Job ohne direkten Kontakt zu Menschen vorstellen konnte. "Wir wollen den Menschen in den abgeschiedenen Stadtbezirken zeigen: Ihr seid nicht allein", sagt Bueno. Ihr sei zwar bewusst,  dass man mit einem Film nicht die Welt ändern könne, "aber ich will die Leute zum träumen anregen, ihnen neue Ideen in die Köpfe bringen, damit sie vielleicht über ein bessere Zukunft nachdenken".

Kinovorführung in einem Vorort von Cartagena(Quelle: Jonas Schreijäg)

Bei der 16-jährigen Maitec Hernandez scheint dieser Gedanke anzukommen. Die Elftklässlerin nimmt an dem Film- und Fernseh-Workshop von Camila Cano in La Boquilla teil. In der brennend heißen Mittagssonne nehmen die Schüler der Skinner-Schule einen Fernseh-Aufsager am Strand auf. Maitec steht als Moderatorin vor der Kamera und bewegt sich sicherer, als manch anderer nach etlichen Uni-Semestern Journalistik. "Ich bin eben ein expressiver Mensch", erklärt sie nach der Aufnahme. Deshalb falle ihr das Reden vor der Kamera leicht.

Moderatorin Maitec Hernandez (Mitte) vor der Kamera(Quelle: Jonas Schreijäg)

Es wäre der nächste große Schritt des "Kino in den Barrios", wenn Maitec tatsächlich eine reelle Chance bekäme, im Film- und Fernsehgeschäft zu arbeiten. Dann käme das Kino nicht nur in die Barrios, sondern auch mehr Menschen aus den Barrios auf die Bildschirme. Schließlich wohnen 90 Prozent der Bewohner Cartagenas nicht im schicken Zentrum, sondern in einem Wohnbezirk, der als sozioökonomisch sehr schlecht (Estrato 1) bis mittel-schlecht (Estrato 3) eingestuft wird. Diese Menschen miteinzubeziehen würde dabei auch dem Filmgeschäft gut tun. Denn – so sagte es ein Festivalteilnehmer – "die spannendsten Geschichten werden immer in den Barrios geschrieben".

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06.03.2016 Nachricht von Jonas Schreijäg