Kuba und die komplexe Beziehung zwischen dem Individuellen und dem Kollektiven

Die Probleme der kubanischen Gesellschaft können nur innerhalb des Sozialismus gelöst werden. Der Kapitalismus verschärft jedes dieser Probleme auf der ganzen Welt

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Das Wandbild "Wagen der Revolution" des Malers Alfredo Sosabravo zeigt die Geschichte des kubanischen Volkes auf dem Weg zu seiner Unabhängigkeit und Souveränität. Es hängt seit 1973 im Hotel Habana Libre
Das Wandbild "Wagen der Revolution" des Malers Alfredo Sosabravo zeigt die Geschichte des kubanischen Volkes auf dem Weg zu seiner Unabhängigkeit und Souveränität. Es hängt seit 1973 im Hotel Habana Libre

Vor kurzem gedachte man der legendären Worte Fidels an die kubanischen Intellektuellen vor 59 Jahren. Eine Passage der Rede erregt meine besondere Aufmerksamkeit.

Fidel sagte: "Die Revolution (...) muss so handeln, dass die Künstler und Intellektuellen, die nicht unbedingt revolutionär sind, erkennen, dass sie innerhalb der Revolution einen Raum finden, um zu arbeiten und zu schaffen. Und dass ihr schöpferischer Geist, auch wenn sie keine revolutionären Schriftsteller und Künstler sind, die Möglichkeit und Freiheit hat, sich auszudrücken. Das heißt, innerhalb der Revolution."

Diskurse dürfen nicht außerhalb des historischen Moments und des Kontextes interpretiert werden, in dem sie gesagt wurden; aber Fidel spricht hier einen Widerspruch an, der weiterhin besteht, vielleicht sogar einen der bedeutungsvollsten, mit dem ein revolutionärer Prozess konfrontiert ist: die komplexe Beziehung zwischen dem Individuellen und dem Kollektiven.

Der Liberalismus treibt diesen Widerspruch bis zum Äußersten: Die deklarierten individuellen Freiheiten sind formaler Natur und gelten letztlich nur für diejenigen, die wirtschaftliche Macht haben, oder wenn sie die Interessen dieser Machtgruppen nicht direkt berühren. Die Geschichte der sozialen Bewegungen auf globaler Ebene zeigt, dass die individuellen Freiheiten für die historisch Besitzlosen vor allem eine kollektive Eroberung bestimmter Bedingungen für ihre Verwirklichung sein müssen, deren Kontinuität außerdem über die Zeit ebenso kollektiv verteidigt werden müssen.

Dort, wo die Kollektive atomisiert, eingefangen und korrumpiert worden sind, wurden die individuellen Rechte und Freiheiten brutal hinweggefegt, ohne dass die Betroffenen über die Ressourcen verfügt hätten, um sie verteidigen zu können. Das haben wir in den letzten Jahrzehnten mit der Prekarisierung der Arbeitswelt beobachtet: Heutzutage ist es immer schwieriger, eine Stelle zu bekommen, bei der ein Minimum an Arbeitsrechten garantiert ist, die historisch von der Arbeiterklasse erobert worden waren.

Die dringende Notwendigkeit, das Kollektive wertzuschätzen, führt uns dazu, das Individuelle, das nicht "aufgelöst" werden kann, neu zu denken: Das Kollektive muss ein Mittel sein, damit die individuellen Interessen bessere Möglichkeiten zur Verwirklichung finden. So sollte man die biographischen Dilemmas im Licht der kollektiven Handlung sehen, was nicht immer einfach ist. Dies tat Julio Cortázar sehr pointiert, als er im März 1980 in der Casa de las Américas sagte.

"Ich habe vor niemandem meine Überzeugung verborgen, dass sich an diesem Punkt der kritische Horizont in Kuba weiter öffnen sollte; dass die Medien – wie einige Anführer bereits betont haben – immer noch unter dem Niveau sind, wo sie heute sein könnten und dass es eine Menge Dinge gibt, die getan werden könnten, aber nicht getan werden oder die besser gemacht werden könnten. Aber diese Kritiken übe ich immer aus einem Gefühl heraus, das für mich in der Freude des Vertrauens liegt; ich übe sie, während ich gleichzeitig die erstaunlich vielen positiven Dingen sehe und erlebe, die die kubanische Revolution in allen Bereichen vollbringt; und vor allem ohne mich auf dumme Art an dem festzuhalten, was ich bin, das heißt, ein Schriftsteller; und ohne mich ausschließlich in meine Kriterien als Intellektueller einzusperren ‒ in einer Zeit, in der ein ganzes Volk allen Widrigkeiten, Fehlern und Hindernissen zum Trotz heute ein Volk ist, das seiner kubanischern Identität unendlich viel würdiger ist als in den Zeiten, als es unter entfremdenden und ausbeuterischen Regimes dahinvegetierte."

Das Volk, von dem Cortázar spricht, ist eben das kollektive Subjekt des historischen Prozesses, der die Kubanische Revolution ist. Und wenn ich Volk sage, beziehe ich mich nicht auf einen homogenen Block. So kann man nicht denken. Das Volk Kubas ist heterogen in seinen Lebensbedingungen und seinen Wünsche, das heute zu leugnen hat keinen Sinn. Was macht also dieses kollektive Subjekt aus, das spürbar ist, wenn es auf dem Platz [der Revolution] defiliert, eine Verfassung annimmt oder die "Opposition" in Kuba nicht beachtet?

Vielleicht gibt es immer noch einen strukturierenden Konsens auf der Grundlage einiger grundlegender Prinzipien, die gleichzeitig mit dem Gefühl für die kubanische und die nationale Identität (daher ihr Gewicht) in einem komplexen historischen Prozess von Kämpfen, Widerstand, Forderungen, großen Opfern und Einsatz für eine Sehnsucht aufgebaut wurden: die Souveränität der kubanischen Nation und die Verteidigung eines Systems, das insofern als gerechter betrachtet wird, als es eine Reihe kollektiver Rechte auf universelle und unveräußerliche Weise garantiert ‒ das heißt allen Personen gleichermaßen ‒ und deren Wirksamkeit sich gerade in diesen Tagen wieder zeigt, an denen Leben mit Vor- und Nachnamen gerettet werden, jenseits von Statistiken.

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Das ist das größte Hindernis, dem sich die "Opposition" in Kuba gegenübersieht. Eine von Washington fabrizierte "Opposition", deren Interessen insofern außerhalb des kollektiven Konsenses in Kuba liegen, als sie mit den wirtschaftlichen Interessen der mächtigen Gruppen verbunden sind, mit denen sich das Volk nicht identifizieren kann, wird die soziale Mobilisierung nicht zerstören können. Es hat definitiv nie eine kubanische "Opposition" gegeben, die kein Produkt der USA gewesen wäre. Das ist kein paranoider Diskurs über den Feind, es ist eine von ihm selbst eingestandene Realität. Die private Presse und andere politische Akteure in Kuba werden von einigen der am meisten diskreditierten und übelsten Organisationen der internationalen Rechten finanziert.

Wir sollten sogar auf Umstände vorbereitet sein, in denen diese Tatsache immer deutlicher werden kann.

Mit dem Auftauchen der Sozialen Netzwerke verändert die kubanische "Opposition" ihr Gesicht und wir haben es nicht mehr nur mit jenen Gruppen in Miami zu tun, die weiter ein Hass-Narrativ pflegen, sondern es tauchen neue Akteure und Szenarien auf der Insel selbst auf, auch wenn sie von außen aufgebaut und gefüttert werden. Sie spielen ständig mit den Symbolen, die in der kollektiven Vorstellungswelt einen Wert haben und machen sich tatsächlich bestehende soziale Probleme zunutze.

Ich beziehe mich hier natürlich nicht auf jene, die außerhalb der staatlichen Medien, aber ohne Finanzierung aus dem Ausland, im Internet wertvolles Material aus einer kritischen Sicht auf die aktuelle kubanische Gesellschaft bringen; sie erweitern die Debatte über unsere Realität durch Sichtweisen, die teils tiefgehend marxistisch und antikolonial sind, sie liefern Beiträge und lassen kein Thema aus.

In der jüngsten Vergangenheit hat sich die Wahrnehmung des Rechts, über öffentliche Angelegenheiten zu entscheiden, in Kuba erweitert: Kubanerinnen und Kubaner beraten über jeden Bereich des nationalen Lebens, von einer Entscheidung über Architektur vor Ort bis dahin, was mit den Grenzen des ganzen Landes zu tun ist. Es gibt Stimmen, die dies ausnutzen, um die öffentliche Meinung bezüglich der Führung des Staates und seiner Institutionen medial zu manipulieren; diese Realität können wir nicht ignorieren. Aber wahr ist auch, dass nicht alles darauf hinausläuft und dass es trotz der Hassstifter einen Sinn für die Verteidigung des Gemeinwohls gibt. Die Notwendigkeit einer Regierungsführung auf lokaler Ebene, die die Mechanismen für die Partizipation des Volkes vertieft und Konsultation, Transparenz und angemessene Information über die Prozesse der Entscheidungsfindung zu ihrer Arbeitsphilosophie macht, setzt sich als etwas durch, das der Entwicklung des Sozialismus eigen ist.

Im März 2020 wurde das nationale Programm gegen Rassismus und rassische Diskriminierung angekündigt. Kürzlich wurde für dieses Jahr die Verabschiedung eines Gesetzesentwurfs zum Tierschutz bekanntgegeben.

Und es müssen weiter Arbeitsplattformen geschaffen werden, um zu analysieren, zu debattieren und Alternativen angesichts der Probleme der aktuellen kubanischen Gesellschaft zu entwickeln, die es ermöglichen, den demokratischen und gerechten Charakter des politischen Systems Kubas zu vertiefen. Dies kann nicht außerhalb des Sozialismus geschehen, der Kapitalismus verschärft heute jedes dieser Probleme in der ganzen Welt. Der sozialistische Übergang löst diese Probleme nicht von allein oder spontan, als etwas, das ihm selbst innewohnt, aber er schafft bessere Bedingungen, damit sie analysiert, debattiert, bearbeitet werden. Es müssen integrative, transparente Plattformen sein, die Dialog und Konsens aufbauen. Alle Dinge finden ihren Platz innerhalb der Revolution und ihren Institutionen, wenn sie gerecht sind. Vielleicht hat Fidel das gemeint, als er sagte, dass in der Revolution Platz für alle sein müsse.

Niemand der vom Ausland bezahlt wurde, um Kuba zu verändern, hat dem Volk einen vernünftigen Vorschlag gemacht. Hart zu kämpfen ‒ denn die Kubaner und Kubanerinnen müssen ihr Leben inmitten widrigster Umstände führen und Kuba ist ein armes Land ‒, ohne auch nur einen Funken Souveränität aufzugeben, das ist ein Vorschlag, der dieses Volkes würdig ist. Vielleicht hat Fidel sich darauf bezogen, als er sagte, innerhalb der Revolution alles, gegen die Revolution nichts. Auch wenn es viele Dinge gibt, die ‒ wie Cortázar sagen würde und wir als Revolutionäre auch anerkennen ‒ zugunsten dieses kollektiven Subjekts besser gemacht werden müssen, damit das Individuelle sich immer mehr entfalten kann.

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