Mexiko / Politik / Wirtschaft

Mexiko verstehen: Nekropolitik

Nekropolitik ist als Ausdruck einer Systematik zu verstehen, deren Ziel die kapitalistische Akkumulation ist und deren Mittel die Ausübung von Gewalt beinhaltet

Der systematische Mord ist Teil der Politik im Mexiko des 21. Jahrhunderts. Dafür wurde der Terminus Nekropolitik geprägt. Mexiko ist nach der Jahrtausendwende zu einem der gefährlichsten Länder weltweit geworden, Zehntausende Tote sind nicht einfach Kollateralschaden einer Auseinandersetzung zwischen Staat und kriminellen Organisationen. Vielmehr dienen systematische Morde als Instrument der Einschüchterung zwecks Erreichen politischer und wirtschaftlicher Ziele. Für den Politikwissenschaftler Timo Dorsch ist Nekropolitik "keineswegs als explizites politisches Programm einer Partei oder gar als Staatsräson zu verstehen, sondern als Ausdruck einer Systematik, deren Ziel die kapitalistische Akkumulation ist und deren Mittel die Ausübung von Gewalt beinhaltet".

Mehrere Drogenkartelle konkurrieren nicht nur um die Kontrolle von Transportkorridoren für ihre Ware, sondern beherrschen ganze Gemeinden und halbe Bundesstaaten, wo sie die staatliche Macht verdrängen oder über das Einsickern in staatliche Strukturen unter dem Mäntelchen der Legalität operieren. Dabei geht es, wie der Autor ausführt, längst nicht mehr nur um Kokain, Cannabis, Opiate und Designerdrogen, sondern um jede Art ertragreichen Wirtschaftens: vom Bergbau über den lukrativen Export von Avocados bis zur Schutzgelderpressung. Dabei sind sie so erfolgreich, dass Drogenbosse sogar Interviews im Fernsehen geben. Ihren Machtanspruch setzen sie durch spektakulär inszenierte Gewalt durch. Sie richtet sich gegen Bauern, die ihr fruchtbares Land nicht abzutreten bereit sind, Ladenbesitzer, die das Schutzgeld nicht zahlen wollen oder können, Funktionäre, die nicht verstanden haben, dass der Staat hier nichts zu melden hat. "Indem der Körper, dem Gewalt angetan wurde, im öffentlichen Raum hinterlassen wird, sollen nicht nur Terror und Angst unter der lokalen Bevölkerung verbreitet werden; damit einher geht die territoriale Inanspruchnahme durch den Täter." Durch den getöteten Körper, so Dorsch, sagen die Mörder: "Hier regieren wir!"

Timo Dorsch erklärt das Ausufern der Gewalt mit dem Zusammenbruch des traditionellen politischen Systems in Mexiko, bei dem die alles beherrschende Partei der Institutionalisierten Revolution (PRI) als Quasi-Einheitspartei alle Lebensbereiche beherrschte. Sieben Jahrzehnte lang funktionierte dieses System, bei dem soziale Wohltaten, Korruption und Gewalt in einem gewissen Gleichgewicht für das Funktionieren eines gut geölten Staatsapparats und der Gesellschaft sorgten. Dieses Gleichgewicht wurde zerstört, als zuerst in einzelnen Bundesstaaten und schließlich auf Bundesebene andere Parteien an die Macht kamen. Im Jahr 2000 übernahm mit Vicente Fox die marktliberale Partei der Nationalen Aktion (PAN) die Präsidentschaft. Ihm folgte 2006-2012 Parteikollege Felipe Calderón.

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Da die Machtstrukturen in vielen Bundesstaaten vom Regierungswechsel auf höchster Ebene zunächst unberührt blieben, spricht der Autor von einer Fragmentierung der Macht. Ursache der zunehmenden Gewalt sei "ein per se undemokratisches und ökonomisch ungleiches System, in dem mehrere Machtgruppen um die Durchsetzung ihrer partikularen Vorteile und Interessen ringen". Calderón erklärte zu Beginn seiner Präsidentschaft dem organisierten Verbrechen den Krieg. Die Folge waren neue Rekordzahlen in der Mordstatistik. Makabrer Höhepunkt des Mordens war im September 2014 das Verschwindenlassen von 43 Lehramtsstudenten in der Gemeinde Ayotzinapa, die von der Polizei der kriminellen Gruppe Guerreros Unidos übergeben wurden, die sie angeblich ermordet und verbrannt habe. Bis heute ist nicht geklärt, wer das Verbrechen in Auftrag gegeben hat, welches Motiv dahinter steckt und wo die Überreste der Toten liegen.

Am straflosen Morden als Instrument der Politik änderte sich auch wenig, als anschließend wieder die PRI mit Enrique Peña Nieto den Präsidenten stellte und umfassende Strukturreformen versprach. Der Autor analysiert auch die ersten Jahre der Präsidentschaft von Andrés Manuel López Obrador, kurz Amlo, der seit 2018 regiert und als Hoffnungsträger einer demokratischen Linken gilt. Amlo kommt zwar besser weg als seine Vorgänger, weil er echte Sozialreformen angehe und die kriminellen Sicherheitsorgane neu aufgestellt hat, doch könne auch er sich den großkapitalistischen Interessen nicht entziehen und zeige gegenüber Kritik sehr wenig Toleranz.

Abschließend beschreibt Dorsch im Mikrokosmos des Bundesstaates Michoacán, wie das organisierte Verbrechen flächendeckend die Macht ergreifen und sich auch die legale Wirtschaft einverleiben konnte. Eine besondere Rolle spielen dabei die "Tempelritter", eine aus dem Drogengeschäft kommende Mafia, die einen religiösen Auftrag vorschiebt. Ihre Herrschaft war aber so brutal, dass sich letzten Endes die Bevölkerung 2017 bewaffnete und ihre Unterdrücker in einem blutigen Aufstand vertreiben konnte. Immerhin, ein Lichtblick am Ende des Buches, der zeigt, dass sozialer Zusammenhalt auch die schlimmsten Tyrannen stürzen kann. Keine erbauliche Lektüre, aber für alle, die das heutige Mexiko verstehen wollen, dringend empfohlen.

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