Paraguay: Europas Ultrarechte auf der Suche nach ihrem Paradies?

Die deutsche Kolonie in Paraguay ist Treffpunkt für Ultrarechte, Impfgegner und Antidemokraten

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Die "deutsche Gemeinschaft" in Paraguay wird zum weltweiten Treffpunkt für ultrarechte Deutsche, Impfgegner, Antidemokraten und Verbreiter von Verschwörungstheorien
Die "deutsche Gemeinschaft" in Paraguay wird zum weltweiten Treffpunkt für ultrarechte Deutsche, Impfgegner, Antidemokraten und Verbreiter von Verschwörungstheorien

Hohenau bedeutet auf Deutsch "Hohes Grasland". Es verdankt seinen Namen der erhöhten Lage, auf der es sich befindet, mit einem sanften Abhang zum Fluss Paraná. Diese kleine Stadt von etwas mehr als 15.000 Einwohnern im äußersten Süden Paraguays wurde im Jahre 1900 von vier Deutschen gegründet: Carlos Reverchon, Guillermo Closs und den Brüdern Ambrosio und Esteban Scholler.

Closs und Reverchon entwarfen einen Kolonisierungsplan für das Departemento Itapúa, der auf das Interesse der paraguayischen Regierung stieß. Das Abenteuer begann mit der Überlassung eines rund 30.000 Hektar großen Grundstücks in der Örtlichkeit Encarnación. Das Gebiet ist reich an Wasservorkommen, wie dem Fluss Paraná und dem Bach Capi'ibary, und hat ein subtropisches Klima, das ideal ist für die Landwirtschaft.

Die Gemeinde, Wiege von Landwirten, wurde von den Familien Deutschmann, Tauber, Endler, Rhenius, Dressler, Kuschel, Scheunemann, Fritze, Jacobs und anderen besiedelt. Viele von ihnen waren Deutschstämmige, die bis dahin auf brasilianischem Gebiet gelebt hatten. In den 1940er Jahren war Hohenau zusammen mit den nahe gelegenen Siedlungen Encarnación, Bella Vista und Obligado ein Ort massiver Zuwanderung von polnischen, ukrainischen, russischen und in geringerem Maße auch belgischen, französischen und japanischen Einwanderern.

Gegenwärtig werden in Hohenau Soja, Weizen, Baumwolle, Mais, Yuca, Matestrauch, Holzölbäume, Sorghumhirse, Zitrusfrüchte, Bohnen, Erdnüsse und Wassermelonen angebaut. Es gibt eine bedeutende Viehzucht mit Rindern, Schweinen und Geflügel sowie Mehl- und Mate-Mühlen.

Hohenau ist weder eine Ausnahme bei der Ansiedlung von Deutschstämmigen in Paraguay noch eine Ausnahme als Herberge ultrarechter Strukturen. Aber es ist eine der wichtigsten und erfolgreichsten Siedlungen in Bezug auf Aktivität, Erhaltung von Bräuchen und Kulturen im Land.

Vor diesem Dorf und nach ihm gab es noch viele andere derartige Projekte, von denen es einige vermochten, Wurzeln zu schlagen, andere dem Wahn zum Opfer fielen und wieder andere sich als Betrug herausstellten.

Nueva Germania zum Beispiel war eine Kolonie, die 1887 von dem deutschen Arzt Bernard Förster gegründet wurde, der mit der Schwester des berühmten Philosophen Friedrich Nietzsche verheiratet war. Er wollte eine arische Kolonie von "reiner Rasse", die weder Juden noch die einheimische Bevölkerung betreten durften. Sein Projekt scheiterte wenige Jahre später, Förster verschuldete sich und beging Selbstmord. Heute existiert das Dorf immer noch, allerdings weit entfernt von den ideologischen Absichten seines antisemitischen Initiators.

Der jüngste Fehlschlag ereignete sich 2005, als eine neue Kolonie deutscher Einwanderer angekündigt wurde, die von dem Geschäftsmann Nikolai Neufeld konzipiert war. Die Kolonie Neufeld scheiterte, nachdem sich viele Einwohner beschwerten, dass man sie um die Bezahlung von Land betrogen habe, dessen Eigentumsrechte sie nie erhalten hatten.

Migrationsprozess lässt Alarmglocken schrillen

Das Projekt der europäischen Kolonie Hohenau wird in der Region entlang der paraguayischen und argentinischen Grenze sowie an den Flüssen Paraná, Paraguay und Uruguay dutzendfach nachgeahmt. Doch in den letzten Jahren hat ein Migrationsprozess die Alarmglocken schrillen lassen. Hohenau ist dabei, sich in einen weltweiten Treffpunkt für ultrarechte Deutsche, Impfgegner, Antidemokraten und Verbreiter von Verschwörungstheorien zu entwickeln.

Unter den Bewohnern dieser kleinen Stadt selbst herrscht Besorgnis. Ein aktueller Bericht des staatlichen deutschen Auslandsnachrichtensenders "Deutsche Welle" enthält Aussagen wie die des Deutschen Thomas Vinke und seiner Frau Sabine, die vor 17 Jahren nach Paraguay gekommen waren. Sie sagen, dass seit 2015 "demokratiefeindliche Bürger, Ultrarechte, extrem laute und aggressive Menschen gekommen sind". "Jetzt", fügen sie hinzu, "kommt ein Haufen Alternativärzte, Heiler und Impfgegner."

Die Angst der Dorfbewohner geht in eine eindeutige Richtung: "Wir sind Hassfiguren für diese Leute, nur weil wir für den Umweltschutz arbeiten", sagt Vinke, der eine Fernsehsendung zur Förderung des Umweltschutzes produziert.

Der Bericht der Deutschen Welle stellt fest, dass Vinke in den sozialen Medien und in Einwandererforen heftig angegriffen worden ist. Der Interviewte verweist darauf, dass er seit einigen Jahren mit antisemitischen, rassistischen und rechtsradikalen Inhalten konfrontiert wird. "Sie bedrohen uns ständig", sagt er, vor allem wenn er seine Meinung zu Verschwörungstheorien sagt oder sie kritisiert. Die neuen Nachbarn lehnen die Impfstoffe gegen Covid-19 ab und glauben, dass das neue Coronavirus mit westlicher Finanzierung in einem Labor entwickelt wurde.

In einem weiteren Medienbericht, der von dem von der Deutschen Welle zitierten Beitrag abgeleitet ist, bringt die paraguayische Tageszeitung La Nación Aussagen von Neuankömmlingen. Olga Kroon, die 2020 ins Land kam, erklärte, dass sie zusammen mit ihrer Familie und der Familie ihrer Schwester die Entscheidung getroffen hatte, dem Stress zu entkommen, um fern von den Einschränkungen aufgrund der Covid-19-Pandemie zu leben. "Das Leben ist nicht so stressig und streng wie in Deutschland", sagte sie.

Der Bericht enthüllt, dass viele der Befragten versichern, Paraguay habe den Ruf, ein Zufluchtsort vor Impfungen und der Pandemie zu sein, dass ihnen dort nichts Schlimmes passieren könne. Diese Theorie wird von einigen Mitgliedern der evangelikalen Kirchen vertreten.

Weitere Faktoren, die die neuen Einwohner antreiben, sind die Impflicht und die Beschränkungen, die die europäischen Staaten denjenigen auferlegen, die sch der Impfung verweigern. Pastorin Inga Haase, zitiert von La Nación, kam Ende des Jahres 2021 nach Paraguay. Von Deutschland aus reiste sie zunächst in die USA, wo sie jedoch – wie sie uns versichert – "auf viele Einschränkungen und eine kommunistische Welle" traf. "Immer mehr Menschen müssen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz fliehen, weil sie ihre Arbeit verlieren und bald nicht einmal mehr einkaufen gehen können. Außerdem machen sie Impfungen zur Pflicht", sagte sie.

Die Bezugnahme von Pastorin Haase auf Bürger aus Deutschland, Österreich und der Schweiz ist nicht zufällig. Ende Januar 2022 veröffentlichte die britische Zeitung The Guardian einen Bericht, demzufolge deutsche, schweizerische und österreichische Staatsbürger Teil einer Gemeinde von Coronaleugnern und Impfverweigerer in Caazapá sind, etwa 180 Kilometer entfernt von Encarnación. Die Initiative mit dem Namen "El Paraíso Verde" (Grünes Paradies) wird als "antisozialistischer" Zufluchtsort präsentiert und umfasst ein 1.600 Hektar großes, abgeschlossenes Areal. Es handelt sich um ein Immobilienprojekt, mit dem in exklusiver Lage Wohnraum für diejenigen geschaffen werden soll, die Rucksäcke voller Hass und Verschwörung mit sich herumschleppen.

Steigende Zahlen

Nicht alle Deutschen, die nach Paraguay kommen, lassen sich dort dauerhaft nieder. Sie sind auch nicht alle von ultrarechten und paranoiden Ideologien getrieben. Ende 2021 meldete die paraguayische Migrationsbehörde, dass in diesem Jahr 1.077 deutsche Staatsangehörige in das Land gekommen sind und die Zahl weiter ansteigt.

Der Deutschen Welle zufolge räumt die deutsche Botschaft in Asunción ein, dass ihr darüber keine zuverlässigen Informationen vorliegen. "Wir verfügen über keine verlässlichen Zahlen über Deutsche, die nach Paraguay ausgewandert sind", lautete ihre Antwort.

Die Tageszeitung ABC, eine der meistgelesenen Zeitungen Paraguays, berichtet, dass sich in den letzten Monaten des Jahres 2021 mindestens 30 deutsche Familien in Hohenau angesiedelt haben und beruft sich dabei auf Aussagen des Vorstehers des Bezirks, Francisco Morales. Der Kommunalchef sagte, die meisten von ihnen hätten sich in einer exklusiven abgeschlossenen Wohnanlage mit einem Naturpark niedergelassen. Paraguay ist nach Brasilien und Argentinien das Land, das die meisten deutschen Auswanderer aufnimmt.

Ein weiterer wichtiger Faktor, der viele Menschen dazu ermutigt, diese Erfahrung zu machen, ist der Preis von Grundstücken und Wohnungen, die für das durchschnittliche deutsche Budget erschwinglich, auch wenn sie insgesamt überteuert sind1 "Land wird zu völlig überteuerten Preisen an Deutsche verkauft, und die Paraguayer sagen, dass sie sich das Land nicht mehr leisten können", sagt Thomas Vinke. Der Zeitungsbericht erinnert daran, dass in Paraguay ein Identitätsnachweis und die geforderte Geldmenge ausreichen, um ein Haus zu kaufen.

Nach Zeugenaussagen, die von der paraguayischen Presse gesammelt wurden, versteckte sich der Nazi-Arzt des Konzentrationslagers Auschwitz, Josef Mengele, unter einer neuen Identität eine Zeit lang im Haus einer anderen deutschen Familie in Hohenau . Er war vielleicht der auf tragischste Weise berühmteste der vielen Nationalsozialisten, die nach dem Zweiten Weltkrieg nach Paraguay (und Südamerika) flohen.

Im Interview mit der Deutschen Welle stellt der Deutsche Vinke jedoch treffend fest: "Paraguay ist nicht das Nazi-Land, in dem alle mit erhobenem rechten Arm herumlaufen. Der Nationalsozialismus ist ein deutsches Problem, auch jetzt mit diesen Verrückten hier. Paraguay hat aber viel mehr zu bieten."

Auf jeden Fall gilt es festzustellen, dass es auch in Paraguay Maßnahmen gegen das Coronavirus gibt. Es gibt Hygienevorschriften und auch die Pflicht zum Tragen von Masken, gesetzlich festgelegte Maßnahmen, einschließlich Sanktionen in Form von Geldstrafen oder gemeinnütziger Arbeit. In diesem Land mit sieben Millionen Einwohnern sind fast 17.000 Menschen an Covid-19 gestorben.

Die Debatte über eine Impfpflicht ist aktuell, obwohl die örtliche Presse über Meinungsumfragen berichtet, die zeigen, dass ein hoher Prozentsatz der Paraguayer diese Forderung durchaus akzeptieren würde. Paraguay ist nicht das Paradies, aber für Familien, die ein neues Leben in kleinen Städten, ländlichen und ruhigen Gebieten suchen, bietet das Land Alternativen. Doch wenn die Impfpflicht Wirklichkeit wird, werden sich Impfgegner und Verschwörungsfanatiker wohl ein anderes Paradies suchen müssen.

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