Mexiko: Vertreibung und Widerstand der Maya-Indigenen in Yucatán

Mit Rückendeckung der Politik setzen Immobilienfirmen auf soziale Spaltung der Gemeinden, Enteignung und illegale Aneignung

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Im September 2023 demonstrierten Menschen aus mehr als 20 Maya-Gemeinden in Yucatans Hauptstadt Mérida
Im September 2023 demonstrierten Menschen aus mehr als 20 Maya-Gemeinden in Yucatans Hauptstadt Mérida

Der investigative Journalist Patricio Eleisegui hat in einer Recherche aufgezeigt, dass auf der Halbinsel Yucatán im Süden Mexikos immer kapitalkräftigere Investoren den Bau von Luxuswohnsiedlungen und die Erschließung von Industriegebieten vorantreiben und indigene Gemeinden bedrohen.

Publiziert wurde die Studie im Dezember 2023 unter dem Titel "Yucatán-Immobilien: Maya-Gemeinschaften, freie Gebiete und Immobilienkolonisation, Narrative des Widerstands" auf der Webseite von "Jaltun - Forschung und kollektive Aktion". Dies ist ein gemeinschaftliches Projekt des mexikanischen Zivilrates für nachhaltige Forstwirtschaft und veröffentlicht Studien auf seiner Webseite.

Eleisegui beschreibt, wie die ansässigen Maya durch das aggressive Vorgehen der Investoren unter dem Vorwand dubioser Baulizenzen und Rechtsauslegungen von ihrem Land vertrieben werden. Dabei arbeiten sie Hand in Hand mit lokalen und regionalen Politikern und nutzen korrupte Strukturen.

Yucatán ist aufgrund der günstigen Grundstückspreise und der im Vergleich zu anderen mexikanischen Bundesstaaten sicheren Lage eine gefragte und profitable Region. Durch äußerst günstige Finanzierungsmöglichkeiten werden in- und ausländische Investoren angelockt, auch in Luxusprojekte zu investieren. Kreditinstitute wie Banorte, Banregio und BBVA-Bancomer bieten Finanzierungen von bis zu 90 Prozent des Grundstückswertes zu festen Zinssätzen, mit niedrigen Anzahlungen von zehn Prozent, ohne Vorfälligkeitsprovisionen und mit Laufzeiten von bis zu 20 Jahren an.

Diese Kreditpakete machen die illegale Aneignung von Grundstücken für Bauunternehmen und Immobilienakteure aufgrund des geringeren Verwaltungsaufwands besonders attraktiv. Darüber hinaus verpflichten sich die Entwicklungsgesellschaften, keine Kreditauskünfte über potentielle Investoren einzuholen, so die Recherche von Eleisegui.

In der Öffentlichkeit wird dies sogar als fortschrittliche und vorteilhafte Strukturplanung präsentiert, obwohl sich dieser Prozess nur durch illegale Aneignung, durch Zerstörung des kommunalen Gemeindelebens sowie durch Repression und gewaltsame Vertreibung der indigenen Gemeinden von Yucatán erreichen lässt, heißt es in dem Bericht weiter.

Am 27. August 2023 berichteten die Medien, dass Hunderte von Polizisten die Zugänge zu den Grundstücken der Maya-Indigenen in der Gemeinde Ixil abgesperrt hatten. Grund war eine Klage der Familien Millet und Abimerhi, zwei der mächtigsten und einflussreichsten Familien Yucatáns, gegen die Gemeinde Ixil wegen "widerrechtlicher Aneignung von Eigentum". Und das, obwohl die Indigenen laut Präsidialbeschluss von 1937 die legitimen Besitzer des 324 Hektar großen kommunalen Areals sind.

Während des Polizeieinsatzes wurden Gemeindemitglieder mit Tränengas und Steinen angegriffen und verbal attackiert. Ein Angehöriger der Ixil wurde von der Polizei schwer verletzt.

Die Familien Millet und Abimerhi beabsichtigten, auf dem Gelände Luxuswohnungen zu errichten. Erstere dominiert das Geschäft mit Tankstellen, Abschleppdiensten, Autowaschanlagen und ist auch in der Autoreparatur tätig. Die zweite Familie spielt eine wichtige Rolle in der industriellen Produktion von Aluminium und Glas.

Laut den Recherchen ist auch die 5.000 Hektar große Maya-Gemeinde Kinchil von gewaltsamer Vertreibung bedroht. Die Unternehmer Armando Ceballos Chávez und Rodrigo Vega Espinoza planen dort den Bau eines Industriekorridors.

"Unsere Gemeinde liegt an der Strecke Mérida-Celestún und ist daher bei Bauträgern der Bergbauindustrie, der Schweine- und Geflügelzucht und allen Arten von Industrie sehr begehrt", berichtet Federico May, Bauer der Gemeinde Kinchil. "Im Moment versuchen sie, uns fast 5.000 Hektar Land zu enteignen, die das Volk der Kinchileños seit der Gründung des Ejidos im Jahr 1937 gemäß einem Präsidialdekret bewirtschaftet hat", erklärte er auf einer Pressekonferenz.

Forscher der Architekturfakultät der Autonomen Universität von Yucatán haben festgestellt, dass diese Strategie der gewaltsamen Vertreibung seit 20 Jahren systematisch praktiziert wird. In diesem Zeitraum hat die Regierung von Yucatán 300 große Immobilienprojekte finanziert. Für die nächsten zwei Jahre sind 18 Milliarden mexikanische Pesos (rund eine Milliarde Euro) für weitere Immobilienprojekte vorgesehen.

Die Maya-Indigenen leisteten Widerstand. Die Gemeinde Ixil prangerte das Unrecht an, machte es öffentlich und kämpfte vor dem Landesgericht von Yucatán um ihre Rechte als rechtmäßige Besitzer der 324 Hektar. Im November 2023 bekam sie Recht und die Familien Abimerhi und Millet mussten den Zugang zu den Grundstücken wieder freigeben.

Eleisegui berichtete auch vom Erfolg der Gemeinde Chablekal. Dort gelang es den indigenen Bewohnern bereits 2014, den illegalen Verkauf von Gemeindegrundstücken zu stoppen. Sie organisierten sich und deckten auf, dass in Chablekal Scheinbewohner auftraten, die für den Verkauf von Land der Gemeinde gestimmt hatten. In Wirklichkeit handelte es sich jedoch um Unternehmer, die nicht zur Gemeinde gehörten.

"Wir, die Maya-Indigene, sind die rechtmäßigen und ursprünglichen Eigentümer unserer Territorien. Wir werden uns nicht von dem Land vertreiben lassen, das wir seit Generationen gemeinsam bewirtschaften", sagt Antonia Cisneros, Bewohnerin von Ixil.